Judit Polgár will nicht Präsidentin von Ungarn werden: „Nicht genug Kraft, eine gespaltene Nation zu einen.“
Die beste Schachspielerin der Geschichte wird nicht Staatsoberhaupt Ungarns. Judit Polgár hat das Angebot von Ministerpräsident Péter Magyar abgelehnt, sich zur Präsidentin wählen zu lassen. Am Montagabend erklärte sie auf Facebook, sie betrachte die Anfrage als Ehre ihres Lebens und sei dafür außerordentlich dankbar.
Polgár würdigte, dass Magyar trotz der Mehrheit seiner Tisza-Partei eine unabhängige, überparteiliche Kandidatin gefragt habe. Zur Begründung ihrer Absage schrieb sie, sie fühle „nicht genug Kraft“ in sich, um die historische Verantwortung für die Einigung einer gespaltenen Nation zu übernehmen. Eine neue, unabhängige Präsidentin oder einen neuen Präsidenten wolle sie nach Kräften unterstützen. Magyar reagierte direkt unter ihrem Beitrag und dankte ihr „für alles, was sie für Ungarn getan“ habe.
Magyar hatte erst am Sonntag angekündigt, Polgár fragen zu wollen. Zuvor hatten 16 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Sport, darunter Ernő Rubik, die Schachlegende in einem offenen Brief vorgeschlagen. Initiatorin des Briefs war die Olympiasiegerin Nagy Tímea, die früher als Unterstützerin von Viktor Orbáns Fidesz-Partei bekannt war. Am Montag stellte sich auch die Tisza-Fraktion einstimmig hinter Polgár. Eine endgültige Entscheidung sollte erst in der nächsten Fraktionssitzung fallen. Dazu kommt es nun nicht mehr.
Noch bevor Polgár am Abend absagte, hatte der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow, der sie seit 38 Jahren kennt, sie öffentlich als ideale Kandidatin bezeichnet. Ihre intellektuelle Fähigkeit sei unbestritten, sie würde Ungarn in der Welt hervorragend vertreten, sagte Kasparow, der seit 2013 im Exil lebt. Eine juristische Ausbildung hält er für kein sinnvolles Kriterium für das Präsidentenamt. Auch Magyar hatte die Kritik adressiert, Polgár sei mit Staatsämtern nicht vertraut. Im Parlament erklärte er, ohne Polgárs Namen zu nennen, wer eine juristische oder ökonomische Ausbildung zur Voraussetzung mache, verstehe nicht, warum die Tisza-Partei entstanden sei.
Kritik am Verfahren
Schon vor der Absage hatte Magyars Vorgehen Kritik ausgelöst. Kritiker werfen ihm vor, eine am Samstag angekündigte gesellschaftliche Debatte über die Nachfolge des abgesetzten Präsidenten Tamás Sulyok bereits nach 24 Stunden beendet zu haben. Magyar wies das auf Facebook zurück: Die Tisza sei die erste Partei gewesen, die die Bürger um Vorschläge gebeten habe. Die Entscheidung liege aber beim Parlament.
Man habe „nicht von einer gesellschaftlichen Konsultation gesprochen, sondern um Empfehlungen gebeten“, so Magyar. Die Namen von mindestens zehn ernstzunehmenden Kandidat:innen seien eingegangen. Die endgültige Entscheidung müssten letztlich die Tisza-Fraktion und das Parlament treffen, wie es das Grundgesetz vorschreibe. Der Fidesz-Politiker Orbán Balázs erklärte dagegen davon, jede Wahl eines Nachfolgers sei staatsrechtlich fehlerhaft, weil Sulyok aus seiner Sicht rechtswidrig aus dem Amt gedrängt worden sei.

Auch unter den 16 Empfehlenden selbst gab es Vorbehalte gegen das Verfahren. Nach eigener Aussage waren unter anderem der Astronaut Tibor Kapu, der Schriftsteller Lajos Parti Nagy und Nagy Tímea überrascht, dass Magyar bereits nach dem ersten Schritt ein Ergebnis verkündete, statt eine breitere gesellschaftliche Abstimmung abzuwarten. Die Journalistin Nóra Diószegi-Horváth brachte die Kritik in einem Meinungsbeitrag auf den Punkt: Es gehe nicht um Polgárs Eignung, sondern darum, dass Magyar eine Personalie von diesem Gewicht ohne echte gesellschaftliche Einbindung verkündet habe, während andere mögliche Vorschläge nie eine Chance bekamen.
Magyars Tisza-Partei muss nun einen neuen Kandidaten finden. Mit 141 von 199 Sitzen verfügt sie über eine eigene Zweidrittelmehrheit und kann das Staatsoberhaupt ohne Stimmen der Opposition wählen.
(Titelfoto: Stev Bonhage/Freestyle Chess)


