Zum vierten Mal gewinnt Zurab Azmaiparashvili die ECU-Wahl. Zum ersten Mal mit einer Deutschen im Team.

Zurab Azmaiparashvili ist als Präsident der European Chess Union (ECU) bestätigt worden. Bei der Generalversammlung in Bukarest erhielt Azmaiparashvilis Ticket 35 der 53 abgegebenen Stimmen, vor dem Team des polnischen FIDE-Generalsekretärs Lukasz Turlej (11 Stimmen) und dem des Franzosen Bachar Kouatly (7 Stimmen). Für den 66-Jährigen ist es die dritte Wiederwahl in Folge seit seiner Wahl 2014. Mit Ingrid Lauterbach, die im Team Azmaiparashvili antrat, sitzt jetzt ein deutsches Mitglied im Präsidium des Kontinentalverbands.  

Azmaiparashvili ist eine Figur, die seit Jahrzehnten für Kontroversen sorgt. Die Bandbreite der Vorwürfe reicht von Betrug und Manipulation über Belästigung und Gewalt bis zu vielfachem vulgären, einschüchternden Verhalten gegenüber anderen. Eine solche Vorgeschichte wäre anderswo mit einem repräsentativen Spitzenamt kaum vereinbar. In der internationalen Schachverwaltung mit ihren von gegenseitiger Abhängigkeit geprägten Machtzirkeln wird er trotzdem immer wieder zum Europapräsidenten gewählt.

Vor dieser Wahl kam eine politische Komponente hinzu. Öffentlich inszeniert sich Azmaiparashvili als Unterstützer der Ukraine, während er als FIDE-Vizepräsident eine der verlässlichsten Stützen von Arkady Dvorkovichs Machterhalt ist. Auch diese Ambivalenz hat am üblichen Wahlausgang nichts geändert. Ein Kuriosum der Wahl: Der ukrainische Verband hat sich schon vor Monaten auf Unterstützung des Azmaiparashvili-Tickets festgelegt.

Die deutsche Zerrissenheit

Lauterbachs Kandidatur ist seit Oktober 2025 bekannt. Nach ihren Angaben hatten Azmaiparashvili und der britische ECU-Funktionär Malcolm Pein (seinerzeit noch im Azmaiparashvili-Team) sie gefragt, ob sie Teil des Tickets sein möchte. Damit war ursprünglich ein geordneter Übergang vom nationalen ins internationale Schach angebahnt: Teil der sogenannten Berliner Vereinbarung, mit der Lauterbach ihren Rückzug von der DSB-Präsidentschaft zusicherte, war auch, dass der DSB ihren Wechsel auf die europäische Bühne unterstützt. Nach den folgenden Verwerfungen inklusive Kampfabstimmung um die DSB-Präsidentschaft betrachtet der Meyer-Dunker-DSB diese Zusage als hinfällig.

Vom DSB nominiert war Lauterbach noch unter eigener Regie. Aber der deutsche Verband mit Paul Meyer-Dunker als ECU-Delegiertem hat jetzt den vom DSB-FIDE-Delegierten Wadim Rosenstein unterstützten Franzosen Bachar Kouatly und dessen Team gewählt. Wenige Tage vor der Wahl bekundete Meyer-Dunker offen seine Unterstützung für Kouatly („…the change we need in European Chess“) und erklärte, von den drei Kandidaten habe Kouatly für ihn die meiste Integrität und das bevorzugte Programm. In einem Schlagabtausch mit dem dänischen Großmeister Peter Heine Nielsen erneuerte Meyer-Dunker seine Kritik an Azmaiparashvili und erinnerte daran, wie Azmaiparashvili 2018 den DSB-Kaderspieler Alexander Krastev unflätig anging.

Das Geld aus Bukarest

Hinter Azmaiparashvilis Sieg steht ein finanzstarkes Netzwerk. Sein Kampagnenteam ECU2030 hat für die kommende Amtszeit bereits eine Reihe neuer Turniere und Sponsoringverträge in Aussicht gestellt, darunter eine European Chess Super League 2027 in Bukarest mit 500.000 Euro Budget und eine Women’s Super League 2028 in Monaco. Zentraler Geldgeber ist die Super Foundation, die nach eigenen Angaben in den vergangenen sieben Jahren Millionenbeträge in die Entwicklung des europäischen Schachs investiert hat. Dass Vlad Ardeleanu, der Präsident des rumänischen Verbands, nun stellvertretender ECU-Präsident wird, und die Generalversammlung ausgerechnet in Bukarest stattfand, fügt sich ins Bild.

Die europäische Schachverwaltung bei der Arbeit. Vorne in der Mitte: Vlad Ardeleanu, an seiner Seite Ehrengast Arkady Dvorkovich. | Foto: ECU

Die Super Foundation ist eng mit dem rumänischen Wett- und Glücksspielkonzern Superbet verzahnt, dessen Arm für gesellschaftliches Engagement sie ist. Ihre Präsidentin, Augusta Dragic, sprach wenige Tage vor der Wahl öffentlich eine Empfehlung für das ECU2030-Ticket aus. Hans-Holger Albrecht, Chairman des Superbet-Verwaltungsrats und Bruder von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, richtete zusätzlich eine persönliche Video-Botschaft an die Delegierten. Azmaiparashvili bedankte sich nach seiner Wiederwahl namentlich bei Sacha und Augusta Dragic sowie bei Albrecht für deren Unterstützung.

Hans-Holger Albrecht, Bruder von Ursula von der Leyen und Unterstützer von Zurab Azmaiparashvilis Team.

Gegenkandidat mit Interessenkonflikt

Der zweitplatzierte Herausforderer Lukasz Turlej trat mit einer Bürde an, die ihn schon vor der Wahl in die Kritik brachte: Als amtierender FIDE-Generalsekretär hätte er im Fall eines Wahlsiegs automatisch einen Sitz im FIDE-Rat erhalten – jenem Gremium, das die Arbeit der FIDE-Geschäftsführung beaufsichtigt, deren angestellter Mitarbeiter er ist. Während des Wahlkampfs trat Turlej bei FIDE-Terminen weiterhin offiziell als FIDE-Generalsekretär auf, während seine Kampagne die betreffenden Reisen als reinen ECU-Wahlkampf darstellte.

Auch sein Team stand unter Druck: Alojzije Janković, kroatischer Großmeister und Turlejs Kandidat für das Amt des Generalsekretärs, sieht sich seit April 2026 einer Strafanzeige des kroatischen Verbands wegen mutmaßlicher Unterschlagung ausgesetzt – der geschätzte Schaden soll bei rund 190.000 Euro liegen. Janković weist die Vorwürfe zurück und spricht von einem Ablenkungsmanöver des amtierenden Verbandsvorstands.

Malcolm Pein, der letztlich als unabhängiger Einzelkandidat für einen der drei Vizepräsidentenposten antrat und dann doch zurückzog, nannte Turlejs FIDE-Doppelrolle auf Anfrage dieser Seite vor der Wahl explizit als Hauptgrund, dessen Ticket nicht zu unterstützen – trotz, wie er betonte, großer persönlicher Wertschätzung. Pein hatte sich nach eigener Aussage mit Azmaiparashvili darauf verständigt, unabhängig anzutreten, um sich alle Optionen für eine mögliche eigene Positionierung bei der FIDE-Präsidentschaftswahl im September offenzuhalten. Mittlerweile ist klar, dass er dort gemeinsam mit FIDE-Präsidentschaftskandidat Jan Henric Buettner antreten wird.  

Auch in Kouatlys Ticket fand sich ein deutscher Name: Birger Wenzel, im schwedischen Schach aktiv, kandidierte als Schatzmeister. Auf Anfrage dieser Seite vor der Wahl begründete Wenzel seine Kandidatur mit inhaltlicher Kritik am amtierenden Team: Während einzelne Föderationen bei Themen wie Schach an Schulen und Universitäten oder Schach für ältere Menschen bereits beachtliche Erfolge vorzuweisen hätten, sehe er davon bei der ECU wenig.

Blick nach Samarkand

Die ECU-Wahl gilt in der Szene als Stimmungstest vor der FIDE-Präsidentschaftswahl im September in Samarkand, bei der Amtsinhaber Arkady Dvorkovich um eine weitere Amtszeit kämpft (vorbehaltlich möglicher EU-Sanktionen gegen ihn, die jetzt aber einmal mehr ins Stocken geraten sein könnten). Vor der Wahl in Bukarest gab es durchaus Anzeichen von Aufbruchsstimmung und Nervosität im Lager Azmaiparahvilis. Am Ende setzte sich trotzdem der Amtsinhaber mit seinem Apparat durch. Ob es im September in Samarkand genauso laufen wird? Für Aufbruchstimmung hier und Nervosität da gibt es sichere Indizien, für einen Ausgang der richtungweisenden FIDE-Wahl keine.

Arkady Dvorkovich gratulierte Azmaiparashvili auf seinem persönlichen, unlängst wieder zum Leben erwachten Twitter-Account sowie via FIDE: Die Wahl habe die Stärke des europäischen Schachs gezeigt, kompetitive Kampagnen, durchdachte Programme und ein gemeinsames Engagement für die Zukunft des Spiels. Der eigentliche Wert einer Wahl liege nicht nur darin, einen Sieger zu küren, sondern die besten Ideen aller Kampagnen zusammenzuführen. Er freue sich auf eine weiter vertiefte Zusammenarbeit zwischen FIDE und ECU, so Dvorkovich.

Dvorkovich war aus Moskau zur ECU-Versammlung gereist. Dort hatten er und Exweltmeister Anatoli Karpow unter der Woche auf Einladung des russischen Verbands Vorträge gehalten.

Das neue ECU-Präsidium. | Foto: ECU

Weitere gewählte Präsidiumsmitglieder: Vlad Ardeleanu (Rumänien) als Stellvertretender Präsident, Lasse Østebø Løvik (Norwegen) als zweiter Vizepräsident, Theodoros Tsorbatzoglou (Griechenland) als Generalsekretär, Prabitha Urwyler (Schweiz) als Schatzmeisterin. Bei den drei zusätzlich einzeln gewählten Vizepräsidentenposten setzten sich Sarkhan Hashimov (Aserbaidschan), Roman Muzik (Tschechien, zuvor auf Turlejs Ticket) und Jean-Michel Rapaire (Monaco, zuvor auf Kouatlys Ticket) durch – gegen die Einzelkandidaten Malcolm Pein, Antoaneta Stefanova und Milan Roman.

5 3 Bewertungen
Beitragsbewertung

Ähnliche Beiträge

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

2 Kommentare
Meistbewertet
Neueste Älteste
Schachfreund
Schachfreund
22 Tage vor

„Eine solche Vorgeschichte wäre anderswo mit einem repräsentativen Spitzenamt kaum vereinbar.“ heißt es im Beitrag. Nun ja, in den USA kann man mit einer solchen Vor- und aktuellen Geschichte bekanntlich Präsident werden und bleiben. So ungewöhnlich ist die Wahl des ECU-Präsidenten also gar nicht. Dass der DSB und Paul Meyer-Dunker mit der Wahl des chancenlosen Bachar Kouatly auf das völlig falsche Pferd gesetzt und nicht Zurab Azmaiparashvili gewählt haben, wirkt sich hoffentlich nicht noch negativ auf das deutsche Schach aus. Für Ingrid Lauterbach freut es mich persönlich, dass sie ins ECU-Präsidium gewählt wurde. Nach meinen Beobachtungen schlägt ihr deutschlandweit übrigens viel… Weiterlesen »

joschi
joschi
21 Tage vor

Ich halte es für ausgesprochen unklug, einen völlig chancenlosen Kandidaten und gleichzeitig gegen eine deutsche Repräsentantin zu wählen. Das wirkt, als wäre der DSB-Präsident komplett unvorbereitet gewesen. In der Regel agiert man diplomatisch in derartigen Situationen und enthält sich. Immerhin gut, dass er Azmaiparashvili nicht unterstützt hat, aber das hätte man auch eleganter lösen können als mit einem Hinweis auf einen acht Jahre alten Vorfall. Dass der DSB-Präsident mit seinem diplomatischen Feingefühl eher zwischen Dampfwalze und Elefant-im-Porzellanladen angesiedelt ist und dazu neigt, in seiner Handlungsweise und Impulsivität einigermaßen kurzsichtig und und damit unreif zu agieren, ist leider keine Neuigkeit. Man… Weiterlesen »