Vor 100 Jahren: Als der DSB der FIDE beitrat (und bald aus der Reihe tanzte)

Die erste internationale Schachorganisation war gewissermaßen der Deutsche Schachbund. Er nahm nämlich auch Spieler und Vereine jenseits der Grenzen des Kaiserreichs auf und ließ sie an seinen Kongressen teilnehmen. Beim Münchner Turnier 1900 schlossen sich auf Initiative von Amos Burn die Berufsspieler zusammen, doch die Chess Masters Association blieb ein Papiertiger. 

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg lag ein Zusammenschluss nationaler Verbände in der Luft. Treibende Kraft war der DSB, und bei dessen Kongress 1914 in Mannheim stand die internationale Vernetzung auf der Tagesordnung. Dann musste der Kongress wegen des Kriegs abgebrochen werden.   

FIDE-Treffen 1925 in Winterthur, DSB-Präsident Robinow sitzt als zweiter von rechts, FIDE-Präsident Rueb ist vierter von rechts, also genau in der Mitte. | Foto: Archiv Edward Winter 

Zehn Jahre später, während der Olympischen Spiele in Paris, wo Deutschland als Kriegsverlierer ausgeschlossen blieb, war es soweit. Der französische Schachverband wollte sich mit der Gründung schmücken, die am 20. Juli 1924 erfolgte. Gut vorbereitet war sie nicht. Die Statuten entstanden erst im Jahr darauf und wurden bei einer Tagung in Winterthur verabschiedet. 

Dort verständigte man sich auch auf das Akronym FIDE und das Nahziel, ein Länderturnier ins Leben zu rufen, die Schacholympiade.  

Robinows Antrag und eine Komplikation

Auch Walter Robinow (Wikipedia), der sich mit der Ausrichtung des Deutschen Schachkongresses 1910 in Hamburg profiliert hatte und 1920 DSB-Präsident wurde, war bei dem Treffen in der Schweiz dabei und beantragte die Aufnahme. Doch es gab eine Komplikation: Wer sollte die deutschen Schachspieler des 1918 gegründeten Vielvölkerstaats Tschechoslowakei vertreten? Alexander Rueb, der niederländische FIDE-Präsident, wollte dazu erst Gespräche führen und vertagte die Frage der Aufnahme um ein Jahr. 

In Budapest trafen sich die Vertreter der Verbände im Anschluss an einen Wettbewerb, der ein Nationenturnier, ein Meister- und ein Frauenturnier umfasste, von 15. bis 17. Juli 1926. Neben Deutschland wurden Österreich, Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden aufgenommen. Sowie provisorisch Katalonien. 

Spanien war zwar bei der FIDE-Gründung in Paris durch den Grafen Ignacio de Peñalver y Zamora vertreten gewesen, hatte aber im Unterschied zu seiner reichsten Region noch keinen Verband (der wurde erst 1927 gegründet). Jugoslawien war zwar 1925 aufgenommen worden, aber der jugoslawische Verband in Belgrad noch gar nicht gegründet, während es in Zagreb bereits Strukturen gab. Ein flämischer Verband bemühte sich ebenfalls um Aufnahme, aber wurde abgelehnt, da Belgien bereits ordentlich organisiert und Gründungsmitglied war. Laut der Wiener Schachzeitung bemühten sich auch russische Emigranten um eine FIDE-Mitgliedschaft. Da die Sowjetunion kein Interesse jenseits des sozialistischen Arbeitersports zeigte, war das für den jungen Weltverband durchaus denkbar. 

Robinow holte die dritte Schacholympiade (nach London 1927 und Den Haag 1928) nach Hamburg – mit 18 teilnehmenden Nationen immer noch ein familiäres Turnier verglichen mit der Riesenveranstaltung heute

Die Nazis und Schach als Propagandainstrument

Bald darauf tanzte Deutschland aus der Reihe und wollte das internationale Schach, ähnlich wie heute Russland, für seinen Machtanspruch nutzen. Der Großdeutsche Schachbund, der 1933 den bürgerlichen DSB auf- und ablöste, trat aus der FIDE aus, organisierte 1936 in München eine Gegenolympiade, trat dann zwar wieder ein, gründete aber 1942 einen Europaschachbund als Vehikel der Nazi-Herrschaft, der die FIDE zur Bedeutungslosigkeit verurteilt hätte. 

Als die FIDE nach Kriegsende wieder ihre Aktivitäten aufnahm, wurde Deutschland ausgeschlossen und erst 1950 wieder aufgenommen, als aus der  Arbeitsgemeinschaft der Schachverbände ein neuer DSB entstand. Bis heute ist er einer der größten und aktivsten Verbände in der FIDE, an deren Spitze nach den Wahlen Ende September erstmals ein Deutscher stehen könnte.


Stefan Löffler ist Schachkolumnist und Mitarbeiter der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für den Schachkalender 2027 widmet er sich derzeit wenig bekannten oder beleuchteten Aspekten aus 150 Jahren deutscher Schachgeschichte.    

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Schachdoktor
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21 Tage vor

Die im Artikel angegebenen Gründe für das Scheitern des deutschen Beitritts zur FIDE 1924 erstaunen. „Doch es gab eine Komplikation: Wer sollte die deutschen Schachspieler des 1918 gegründeten Vielvölkerstaats Tschechoslowakei vertreten? Alexander Rueb, der niederländische FIDE-Präsident, wollte dazu erst Gespräche führen und vertagte die Frage der Aufnahme um ein Jahr.“ Bis zum Vertrag von Locarno (1925) und dem deutschen Völkerbundsbeitritt (1926) waren deutsche Organisationen auf französisches Betreiben aus internationalen (insbesondere wissenschaftlichen) Zusammenschlüssen ausgeschlossen. Der Deutsche Olympische Ausschuss wurde erst 1925 gegründet, woraufhin Deutschland 1926 wieder in die olympische Bewegung aufgenommen wurde. Es wäre erstaunlich, wenn die auf französische Initiative gegründete… Weiterlesen »