Werbung
Werbung

Die historische WhatsApp-Nacht im Schach: Russland aus der FIDE ausgeschlossen, Dvorkovich drohen EU-Sanktionen

Am 9. Juni 2026 lief eine Frist ab. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte im März entschieden: Der russische Schachverband CFR muss innerhalb von 90 Tagen alle Schachaktivitäten in den besetzten ukrainischen Gebieten einstellen – oder er wird aus der FIDE ausgeschlossen. Die 90 Tage waren um. Russland hatte sich nicht bewegt.

Der Weltschachverband FIDE hatte eine Ratssitzung für den 17. Juni angesetzt, um zu besprechen, was nun zu tun ist. Dann erschien am 10. Juni auf EUobserver ein Artikel: Die EU-Kommission hatte tags zuvor das 21. Sanktionspaket gegen Russland vorgestellt. FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich soll auf der Liste stehen. Ihm drohen EU-Einreiseverbot und das Einfrieren seiner Vermögenswerte.

Das führte in den Reihen der FIDE-Führungsriege zu Hektik. Nicht am 17. Juni, sondern noch am Abend desselben Tages hielt der FIDE-Rat online eine Notsitzung ab. Der frühere FIDE-Funktionär George Mastrokoukos beschrieb auf Twitter, die Dvorkovich-Riege habe die Sitzung per WhatsApp panisch einberufen. Das Ergebnis der Zusammenkunft: die sofortige Suspendierung des russischen Schachverbands.

Werbung

Diesen historischen Beschluss seines Verbands könnte Dvorkovich nun als vermeintlichen Beleg für seine Unabhängigkeit nutzen – und als Argument, einmal mehr EU-Sanktionen zu entgehen. Sollte das seine Intention sein, würde der straffe EU-Zeitplan die Hektik an der FIDE-Spitze erklären. Die EU-Außenminister wollen diese Woche in Brüssel unter anderem das neue Sanktionspaket besprechen. Der EU-Gipfel folgt ab dem 18. Juni. Übereinstimmend heißt es, das Paket solle noch im Juni verabschiedet werden.

21. Sanktionspaket: Der zweite Anlauf

Dvorkovichs Name im EU-Sanktionsentwurf repräsentiert einen neuen Anlauf. Bereits für das 20. Sanktionspaket, verabschiedet am 23. April, hatte die EU-Kommission Dvorkovich vorgeschlagen. Die Begründung: In einem Interview vom Juni 2024 hatte er besetzte ukrainische Gebiete als „neue Territorien“ der Russischen Föderation bezeichnet. Zudem sei er mit dem russischen Verband verbunden, der durch Turniere in besetzten Gebieten die Annexion legitimiere.

Damals rettete ihn Ungarn. Die Regierung von Viktor Orbán blockierte das Paket monatelang; Außenminister Péter Szijjártó intervenierte nach übereinstimmenden Berichten persönlich, um Dvorkovichs Namen aus der Endfassung zu streichen. Gleichzeitig verschwanden zwei weitere russische Sportfunktionäre aus dem Entwurf: Ringerpräsident Mikhail Mamiaschwili und der damalige ROC-Chef Stanislav Posdnjakow. Die selektive Streichung ausgerechnet der drei einflussreichen russischen Sportfunktionäre war kein Zufall.

Mit der Wahl Magyars fiel in der EU der Dvorkovich-Schutzschirm in sich zusammen. Interview mit Magyar für Spiegel-Abonnenten.

Dann verlor Orbán die Wahl. Am 12. April 2026 siegte Péter Magyar, und damit fiel der ungarische Schutzschirm für Dvorkovich in sich zusammen. Nun steht der FIDE-Präsident im Entwurf für das 21. Paket, vorgestellt von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 9. Juni. Zusätzlich im Paket: Sportminister Mikhail Degtjarew, Mamiaschwili, Posdnjakow – und Patriarch Kirill, das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, die die Barbarei gegen das Nachbarland theologisch legitimiert.

Peter Heine Nielsen, Trainer von Magnus Carlsen und eine der treibenden Kräfte hinter dem CAS-Verfahren, kommentierte: „Zuletzt hat ihn Ungarn gerettet, aber nun, da Szijjártó nicht mehr Außenminister ist, wird Dvorkovich anderswo Hilfe suchen müssen.“ – Anderswo, das könnte die Slowakei sein. Als verbliebenes Hindernis gilt der slowakische Premier Robert Fico, der in der Vergangenheit mit Veto drohte, aber stets zurückgerudert ist.

Im Raum stehen EU-Sanktionen gegen Dvorkovich seit langem – und eine Antwort auf die Frage nach deren Konsequenzen. Schon vor der FIDE-Wahl 2022 antwortete Dvorkovich „Ja“, als ihn der französische Funktionär Bachar Kouatly fragte, ob er bei einer Sanktionierung zurücktreten würde. Ob dieses „Ja“ noch gilt? Der russische Verbandschef Andrey Filatov hat schon angekündigt, Dvorkovichs Kandidatur auch im Fall einer Sanktion zu unterstützen. Andererseits geht seit Monaten das Gerücht, FIDE-Mäzen Timur Turlov stehe bereit, für Dvorkovich einzuspringen.

Die Suspendierung: Historisch – und sofort unterhöhlt

Was der FIDE-Rat in jener WhatsApp-Nacht beschloss, ist in der Geschichte des Schachs einmalig: Die Mitgliedschaft des russischen Schachverbands – der historisch bedeutendste der Welt, Heimat von Generationen von Weltmeistern – wurde mit sofortiger Wirkung für drei Jahre suspendiert.

Werbung
Die Top 10 der Welt im Januar 1991. 35 Jahre später, im Januar 2026, stand erstmals kein Russe mehr in den Top 20. Aber in der Parallelwelt des Schachverwaltens hat sich an der russischen Dominanz seitdem nichts geändert. Der Schachsport dient dem Kreml als PR-Instrument und der Weltschachpräsident als Emissär. | via 2700chess.com

Die Grundlage war das CAS-Urteil vom 11. März 2026 (Rechtssache CAS 2024/A/10911): Die CFR hatte 90 Tage Zeit, alle Schachaktivitäten in Sewastopol, der Krim, Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja einzustellen. Die CFR hatte seit 2014 Schachturniere in der besetzten Krim organisiert und seit 2022 auch in den anderen besetzten Gebieten – unter russischer Flagge, mit russischer Registrierung der dort lebenden Spieler. Damit behandelt sie diese Gebiete faktisch als russisches Territorium, und das unterläuft die Sporthoheit des ukrainischen Verbands über sein eigenes Land.

Die CFR hatte öffentlich und wiederholt erklärt, sich dem CAS-Urteil nicht zu fügen. Am 10. Juni bestätigte sie schriftlich gegenüber der FIDE: Das Urteil sei nicht umgesetzt worden. CFR-Präsident Filatov kommentierte: Es sei „bedauerlich, dass der FIDE-Rat gezwungen ist, der CAS-Entscheidung zu folgen“. Aber CFR-Geschäftsführer Alexander Tkachev stellte klar, auch die Suspendierung werde die Unterstützung der CFR für Dvorkovichs FIDE-Kandidatur nicht ändern.

Die CFR hat auf die Suspendierung mit einer Gegenoffensive reagiert. Bereits am 1. Juni hatte sie bei der FIDE-Ethikkommission Beschwerde gegen Oleksandr Kamyshin, den Präsidenten des ukrainischen Schachverbands, eingereicht. Der Vorwurf: Kamyshin, ehemaliger ukrainischer Minister für strategische Industrien und Architekt des ukrainischen Drohnenprogramms, habe durch Social-Media-Posts gegen FIDE-Ethikregeln verstoßen. Kamyshin hat dort die nicht zuletzt auf seinem Wirken beruhenden militärische Erfolge der Ukraine kommentiert. Die CFR forderte seinen Ausschluss aus dem Amt.

Kamyshin im Interview beim FIDE-Kongress 2024. | via chess24

Peter Heine Nielsen antwortete mit einem Hinweis auf die Zusammensetzung des CFR-Kuratoriums: Dort sitzen bzw. saßen der ehemalige Verteidigungsminister Sergei Schoigu, Putin-Sprecher Dmitri Peskow als Vorsitzender und Natalja Komarova, von der EU wegen ihrer Rolle bei der Verschleppung ukrainischer Kinder sanktioniert. Gesponsert werde die CFR unter anderem vom Milliardär Gennady Timchenko, dessen Privatarmee an der Invasion beteiligt gewesen sei. Dass nun ausgerechnet diese Truppe ein ethisches Problem anmahnt, sei „extremely hypocritical“, schrieb Nielsen.

Die Ukraine sieht die Suspendierung Schachrusslands umso mehr als historischen Sieg. UCF-Vizepräsident Volodymyr Kovalchuk sagte der Times: „Ein großartiges Gefühl.“ Der ukrainische Sportminister Matvij Bidnyi erklärte, dieser Fall solle als Orientierung für andere internationale Verbände dienen: Ein Aggressor, der internationales Recht verletze, habe im Weltsport keinen Platz.

Dominic Lawson, Präsident des englischen Verbands, sieht„eine Demütigung für Russland. Auch wenn Putin selbst kein Schach spielt, nimmt er das Spiel sehr ernst – als internationalen Sport und als Ausdruck russischer Führungsstärke.“ DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker nannte die Suspendierung gegenüber dem Spiegel „ein starkes Zeichen“: „Die russische Dominanz des Schachsports ist nicht nur sportlich vorbei, auch politisch.“

Der ausführliche Report im Spiegel (für Abonnenten) addressiert auch die potenzielle historische Dimension des gegenwärtigen Geschehens.

Russische Teams zurück in den Schachbetrieb?

Die Suspendierung war kaum beschlossen, da begann die FIDE, sie zu unterhöhlen.

Punkt 3 des Ratsbeschlusses hält fest, dass russische Teams unter neutraler Flagge an FIDE-Mannschaftswettbewerben teilnehmen könnten – vorbehaltlich weiterer Ratsentscheidungen. Das betrifft direkt die Schacholympiade im September in Samarkand.

Unter Dvorkovich hat die FIDE systematisch daran gearbeitet, russische Teams wieder in den internationalen Schachbetrieb zu integrieren – mit Flagge, Hymne, vollem Status, eine zentrale CFR-Forderung, an der Dvorkovich in seiner Heimat gemessen wird. Im Dezember 2025 beschloss der FIDE-Rat in einer von der FAZ als „absurd“ bezeichneten Abstimmung die Wiederzulassung russischer Teams.

Gemessen daran ließe sich die aktuelle Situation aus russischer Perspektive auch als Fortschritt sehen. Bei den vergangenen beiden Schacholympiaden durften russische Teams gar nicht antreten. Jetzt sollen sie unter neutraler Flagge spielen dürfen.

Mastrokoukos pocht auf einen rechtlichen Widerspruch. In Artikel 13.6 der FIDE-Satzung steht: Während einer Suspendierung dürfen Nationalmannschaften eines suspendierten Verbands an keinen FIDE-Veranstaltungen teilnehmen – keine Ausnahmen, keine neutrale Flagge. „Stellen Sie sich vor, der CAS suspendiert Frankreich im Fußball, und die FIFA versucht dann, Frankreich als ‚Neutrale‘ wieder ins Turnier zu bringen“, schrieb er auf Twitter. Und weiter: Sollte die FIDE russische Teams trotzdem zulassen, würden Ergebnisse und Standings der Olympiade angefochten und annulliert.

Artikel 13.6 der FIDE-Satzung besagt tatsächlich, dass Nationalmannschaften eines suspendierten Verbands grundsätzlich nicht teilnehmen dürfen – es sei denn, Rat oder Generalversammlung entscheiden anders. Genau diese Klausel nutzt die FIDE nun als Hintertür.

Punkt 6 des Ratsbeschlusses enthält eine weitere Merkwürdigkeit: Die Generalversammlung soll die Sanktion bestätigen – Mastrokoukos verweist auf Artikel 35.1 der FIDE-Satzung, wonach CAS-Entscheide final und bindend seien.

Malcolm Pein, englischer FIDE-Delegierter und möglicher Dvorkovich-Gegenkandidat, sagte gegenüber Reuters, die FIDE versuche, „den Anschein zu erwecken, das Urteil umzusetzen, obwohl sie das offensichtlich nicht tut“. Die sieben nordischen Schachverbände – Dänemark, Färöer, Finnland, Grönland, Island, Norwegen, Schweden – veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung: Russische Teams dürften nicht an der Olympiade teilnehmen, auch nicht unter neutraler Flagge, solange die Suspendierung in Kraft sei. „Wir lehnen jeden Versuch entschieden ab, russischen Teams die Teilnahme zu ermöglichen, solange die Suspendierung gilt.“

Werbung

Der DSB schloss sich an. Meyer-Dunker sagte der Sportschau: „Die Teilnahme trotz einer Suspendierung zu ermöglichen, unterläuft die Entscheidung des CAS und ist unzulässig. Solange sich der russische Schachverband nicht aus ukrainischen Gebieten zurückzieht, kann es keine sportliche Teilhabe für den russischen Schachverband geben.“ Der Verband sei bereit, „wenn nötig, mit rechtlichen Mitteln zu kämpfen“.

Der deutsche Faden

Der DSB war Mitbeschwerdeführer beim CAS-Verfahren, das zur Suspendierung führte. Allerdings erst unter dem neuen Präsidenten Paul Meyer-Dunker. Seine Vorgängerin Ingrid Lauterbach hat laut Meyer-Dunker den Beitritt zu diesem Verfahren abgelehnt, weil sie es für nicht aussichtsreich hielt. Meyer-Dunker nennt das gegenüber der FAZ (für Abonnenten) eine „vertane Chance“. Dem zweiten CAS-Verfahren – wegen der geheimen Abstimmung zur Wiederzulassung russischer Teams im Dezember 2025 – trat der DSB noch unter Lauterbach bei. Die Anhörung in diesem Verfahren ist für den 18. Juni angesetzt.

Paul Meyer-Dunker, neuer DSB-Präsident. | Foto: Finn Engesser/DSB

Meyer-Dunker ist in den vergangenen Tagen zur meistzitierten deutschen Stimme in der Presse geworden – mit klaren Aussagen gegenüber Spiegel, FAZ, Sportschau. Seine Einordnung des zwischen den Stühlen sitzenden Dvorkovichs: Die Schlupflöcher im FIDE-Ratsbeschluss seien „ein verzweifelter Versuch des angeschlagenen FIDE-Präsidenten, es sowohl der russischen Führung zu Hause recht zu machen, als auch irgendwie sein Amt vor den anstehenden Wahlen zu retten“.

Wadim Rosenstein im Schachclub Saint Louis. | Foto: Lennart Ootes/St. Louis Chess

Neben Meyer-Dunker agiert Wadim Rosenstein, den die Lauterbach-Seite zuletzt im aufgeheizten DSB-Wahlkampf als Kreml-U-Boot im deutschen Verband abzustempeln versuchte. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Meyer-Dunker Rosenstein zum DSB-Delegierten bei der FIDE gemacht „Ganz klar eine sportpolitische Entscheidung“, sagte Meyer-Dunker dazu. „Wir wollen, dass uns der im internationalen Schach am besten vernetzte Deutsche repräsentiert. Es braucht eine FIDE ohne diesen extremen Einfluss von Russland, der dem Schachsport nicht guttut.“

Auch Rosenstein, der mit seiner Initiative WR-Chess in diesen Tagen eine ganze Reihe internationaler Wettbewerbe ausrichtet, wird als potenzieller Dvorkovich-Gegenkandidat für die Wahl des FIDE-Präsidenten gehandelt. Am 13. Juni schrieb er auf DSB-Briefpapier, aus Bangkok, an den FIDE-Rat: Er bitte darum, die Bewerbungsfrist für die Schacholympiade 2030 bis November 2026 zu verlängern, also bis nach der FIDE-Wahl. Die Begründung: Die Wahl könne zu „bedeutenden Veränderungen in der Führungs- und Verwaltungsstruktur der FIDE“ führen.

Und wer kandidiert nun bei der FIDE?

Die CFR hat durch die Suspendierung ihr Stimmrecht bei der Generalversammlung in Samarkand am 26. September verloren. Nominell schwächt das Dvorkovich um eine Stimme. 2022 gewann er mit 157:16 gegen Herausforderer Andrii Baryshpolets. Ob es diesmal tatsächlich zu „bedeutenden Veränderungen“ kommt, wird neben Dvorkovichs eigener Kandidatur entscheidend davon abhängen, ob ein ernsthafter Gegenkandidat antritt.

Pein hat seine Kandidatur von einer Bedingung abhängig gemacht: Wenn Dvorkovich trotz EU-Sanktion kandidiert, tritt er an. In einem auf Twitter veröffentlichten Text zog Pein den Vergleich mit dem unverändert um Bedeutung ringenden Kirsan Ilyumzhinov, dem langjährigen FIDE-Präsidenten, der 2015 von den USA sanktioniert wurde: Damals verlor die FIDE den Zugang zu Bankkonten, büßte Glaubwürdigkeit ein und beschädigte ihre Stellung beim IOC. Hinsichtlich des Zugangs zu den Bankkonten hat der frühere FIDE-Kommunikationschef David Llada unlängst der Dvorkovich-FIDE ein ähnliches Szenario prophezeit.

Rosensteins Brief aus Bangkok ist eine Positionierung ohne Kandidatur. Wer die Bewerbungsfrist für die Olympiade 2030 bis nach der Wahl verschieben will, mag nach der Wahl eine Rolle spielen wollen, womöglich die entscheidende.

Nur FIDE-Mäzen oder auch Präsidentschaftskandidat im Wartestand? Arkady Dvorkovich mit dem neuen ChessBase-Besitzer Timur Turlov. | Foto: FIDE

Auch von Timur Turlov gibt es keine Aussagen zur FIDE-Wahl, umso mehr Gerüchte. Szenekenner Michael Duke schrieb auf Twitter, Dvorkovich dränge Turlov verzweifelt, sein Nachfolger zu werden. Turlov sei aber nicht interessiert. Llada warnte Turlov öffentlich: Er habe sich aufwändig von Russland distanziert; eine FIDE-Präsidentschaft würde sein Geschäft gefährden und ihn dauerhaft unter Verdacht stellen, doch nur eine Puppe des Kremls zu sein.

Plötzlich überall Ukrainefreunde

Theodoros Tsorbatzoglou, langjähriger ECU-Ticket-Partner Zurab Azmaiparashvilis, der erneut als ECU-Generalsekretär kandidiert, stellte fest, dass von allen FIDE- und ECU-Kandidaten nur zwei öffentlich Position zur Suspendierung bezogen hätten: Azmaiparashvili und Pein. Der Rest schweige – „hinter den Kulissen, mit schattenhaften Diskussionen, je nach Gesprächspartner unterschiedlich balancierend“.

Als am 9. Juni die Frist abgelaufen war, postete Zurab Azmaiparashvili, seit 13 Jahren amtierender ECU-Präsident, einen bemerkenswert klaren Text: Die FIDE habe keine Alternative, als das CAS-Urteil umzusetzen. Die ECU habe bereits 2014 einstimmig beschlossen, die ukrainische Sporthoheit über die Krim vollumfänglich anzuerkennen. Russland sei daraufhin aus der ECU ausgetreten und in den asiatischen Verband gewechselt. Diese Prinzipien gälten heute noch.

Starke Worte. Nur: Wer sie von Azmaiparashvili hört, sollte wissen, wer da spricht.

Eine Figur wie Zurab Azmaiparashvili hat an einer exponierten, repräsentativen Stelle unseres Sports nichts zu suchen. Das hält ihn nicht davon ab, sich seit Jahrzehnten ebendort zu halten. Genau wie im Weltschach könnte seine einzementierte Führungsposition auf europäischer Ebene jetzt erstmals bröckeln. Gleich zwei andere Tickets treten an, um die ECU zu übernehmen. Zwei der drei stehen allerdings unter Verdacht, dass sie im Zweifel lieber nicht bei der FIDE anecken würden.

Azmaiparashvili ist seit 2013 ECU-Präsident, als solcher Teil des FIDE-Rats – und in dieser Zeit war er eine der Stützen von Dvorkovichs Machterhalt. Ohne seine Unterstützung wäre die Abschaffung der Amtszeitbegrenzung in der FIDE-Satzung, die Dvorkovich überhaupt erst eine dritte Amtszeit ermöglicht, kaum durchgekommen.

Der Zeitpunkt seines Statements ist kein Zufall. Im Herbst 2026 findet die ECU-Wahl statt – und Azmaiparashvili kandidiert erneut. Jetzt, wo die gesamte Schachwelt auf den Ausschluss Russlands schaut, positioniert er sich als großer Ukrainefreund und Verfechter der Sportintegrität. Wenn keine Wahl bevorsteht, hört man von ihm zu diesen Fragen nichts. Sein Verhältnis zu Integrität ist durch sein Benehmen hinreichend dokumentiert.

Werbung
So sieht harmonische Zusammenarbeit aus: Als Zurab Azmaiparashvili jetzt seine erneute Kandidatur bekanntgab und sein Team vorstellte, war auch Arkady Dvorkovich dabei. | Foto: ECU

Das Nichts-Sagen-Muster ist in der FIDE-Führung nicht neu. Dana Reizniece-Ozola, die lettische Vizepräsidentin des FIDE-Managementboards, war einst als westlich orientierte, mutmaßlich kremlkritische Stimme in die FIDE-Führung eingezogen. Seitdem sie im Apparat wirkt, hört man von ihr – nichts. Ähnliches gilt für den polnischen FIDE-Generalsekretär Łukasz Turlej, der sich nun – ebenfalls im ECU-Wahlkampf – plötzlich als Ukrainefreund profilieren will und eine Geschichte seiner angeblichen internen Opposition erzählt. Es ist ein bewährtes Muster der Dvorkovich-Führung: Westlich orientierte Figuren integrieren – und sie zum Verstummen bringen. Nigel Short ist ein weiteres Beispiel.

Unbekannte und Unwägbarkeiten

David Llada zitierte auf Twitter den Tartakowerismus „Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung“. Er meinte die schwebende EU-Sanktion gegen Dvorkovich. Die Drohung wirkt längst. Sie hat eine hektisch einberufene Sitzung der FIDE-Chefetage ausgelöst, eine historische Suspendierung erzwungen und das gesamte Kandidatenfeld in Bewegung gebracht.

Der EU-Gipfel tagt am 18. Juni. Das ungarische Veto ist Geschichte. Dvorkovich hat versprochen zurückzutreten, falls er sanktioniert wird – die CFR fordert ihn trotzdem zur Kandidatur auf. Das Kandidatenfeld wartet ab. Die nordischen Verbände, der DSB und die Ukraine bereiten rechtliche Schritte vor, falls Russland zur Olympiade zugelassen wird. Im zweiten CAS-Verfahren kommt es am 18. Juni zur Anhörung. Am 26. September wird in Samarkand gewählt. Bis dahin bleibt Dvorkovich FIDE-Präsident. Ob er kandidiert, hängt von Entscheidungen ab, die in Brüssel und Moskau fallen.

Schon die Suspendierung des russischen Verbands war historisch. Das Herauslösen des Weltverbands aus dem Kreml-Einfluss wäre es umso mehr. Ob es dazu kommt, ist kaum zu prognostizieren. Abseits der Bretter ist Schach in diesen Monaten ein Spiel mit zahlreichen Unbekannten und Unwägbarkeiten.

4.3 18 Bewertungen
Beitragsbewertung
Werbung

Ähnliche Beiträge

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

4 Kommentare
Meistbewertet
Neueste Älteste
Stefan Link
Stefan Link
25 Tage vor

Es ist bestimmt nicht möglich. Was wäre wenn alle Schachverbände die von diesem Russisch beherschtem Laden die Nase voll haben in die ECU wechseln?
Neuer Name und Russland kann dann , mit ein paar anderen, in der Rest FIDE vor sich hin spielen. Wäre schade um die FIDE aber der jetzige Zustand ist #####!
Sorry, es war nur ein spontaner Gedanke.

Jonathan O'Connor
Jonathan O'Connor
25 Tage vor

Hier ist das Twitter Link. Das sollte funktionieren:
https://x.com/ninkibah/status/2066621056106832247?s=20

Olaf
Olaf
23 Tage vor

Läuft einfach nicht mehr rund für Ruzzland. Gut so.

Slawa Ukraini!

Jonathan O'Connor
Jonathan O'Connor
25 Tage vor

Ich bin ein Kandidat fuer Vize-Praesdent der ECU in Lukasz Turlejs Ticket.

Ich habe eine ahnliche Meinung als die Nordische Federationen. Das ist nicht neu, sondern mehr als 6 Monaten alt.

Am Montag Abend habe ich mich meine Meinung auf Facebook und Twitter geaussert:

https://www.facebook.com/plugins/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fninkibah%2Fposts%2Fpfbid0xPYfvuHYKenNuzU6MbjeEFFkFnxUHQDoJy5DoMVyr8p39VDNPKGfARocnCAhX245l&show_text=true

(Sorry wenn das Link nicht richtig ist. Ich konnte nicht finden, wie ich ein Facebook Post verteilen kann)