Verkehrte Welt in Norwegen: Magnus Carlsen Letzter, Vincent Keymer ohne Niederlage – und Vorletzter

Das Norway Chess in Oslo hält zur Halbzeit einen überraschenden Zwischenstand bereit. Schachdominator Magnus Carlsen steht mit 4,5 Punkten auf dem letzten Platz. Vincent Keymer, der als Turniersieger von Bukarest nach Oslo gereist war, hat alle fünf Armageddons verloren. An der Spitze führt Alireza Firouzja mit 10 Punkten – ausgerechnet der Franzose, der in Bukarest noch einen Totalausfall erlitten hatte: drei Niederlagen, zwei Remis, kein Sieg, vorzeitiger Rückzug nach einem Sturz von der Bühne mit verdrehtem Knöchel.

Halbzeitstand beim Norway Chess: Firouzja führt. | via chess.com

Carlsens Krise begann in Runde 1, als Firouzja ihn in einer klassischen Partie besiegte, der erste klassische Sieg des Franzosen gegen den Norweger überhaupt. In Runde 3 verlor Carlsen gegen Praggnanandhaa, nachdem er eine erst eine verlorene Stellung gedreht und diese dann in Zeitnot weggeworfen hatte. Carlsen zog danach den Vergleich zur berühmten Szene aus dem Vorjahr, als er gegen Weltmeister Gukesh Dommaraju eine gewonnene Stellung wegwarf und auf den Tisch schlug. Runde 4 brachte mit dem klassischen Sieg gegen Gukesh kurze Erholung und eine Revanche. Carlsen räumte ein, er sei „nicht super-motiviert“ in die Partie gegangen und habe „wenig Erwartungen“ gehabt.

Dritte Runde, zweite Niederlage: Magnus Carlsen (r.) gegen Praggnanandhaa. | Foto: Michal Walusza/Norway Chess

In Runde 5 verlor er erneut die klassische Partie gegen den Amerikaner Wesley So. Spätestens dieser Auftritt warf Fragen auf, die über Schach hinausgehen. Vor der Partie skizzierte Carlsen seinen Tagesablauf: aufgewacht, gefrühstückt, ein Nickerchen gemacht – und sich „richtig alt gefühlt“. Er habe die Eröffnung kurz vor der Partie angeschaut, aber kaum Details behalten. Dann wechselte er das Thema: Der Fußballfan bedauerte, dass auf den Großleinwänden über der Bühne das Champions-League-Finale PSG gegen Arsenal nicht zu sehen war.

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El-País-Autor Leontxo García ordnet diese Auftritte als Zeichen nachlassender Konzentration ein und bringt sie mit Carlsens Vaterschaft in Verbindung. Wesley So sagte: „Irgendetwas stimmt gerade nicht bei ihm.“ Gegenüber der norwegischen Presse sagte Carlsen: „Ich treffe keine guten Entscheidungen. Ich spiele schlecht, aber wenn ich zwei Partien gewinne, kann ich noch um ein anständiges Ergebnis kämpfen.“

Alireza Firouzja auf dem Weg zur Partie. | Foto: Michal Walusza/Norway Chess

Das Format des Norway Chess gibt ihm Chancen. Ein klassischer Sieg bringt drei Punkte und kann einen Spieler in der Tabelle mehrere Plätze nach oben katapultieren. Fünf Runden, fünf klassische Entscheidungen stehen noch aus. Theoretisch ist das Turnier für weiterhin offen.

Vincent Keymer und Freundin Stephanie. | Foto: Michal Walusza/Norway Chess

Keymer Halbzeitbilanz zeigt derweil, wie streng das System mit Spielern ist, die nicht gewinnen. Der Deutsche hat keine klassische Partie verloren – und steht trotzdem auf dem vorletzten Platz. Wer in Oslo remisiert, bekommt einen Punkt. Dann geht es ins Armageddon, wo ein weiterer halber Punkt zu vergeben ist. Keymer hat alle fünf Armageddon-Partien verloren und damit fünfmal nur den einen Punkt für das klassische Remis mitgenommen. In der Tabelle macht das den Unterschied zwischen Mittelfeld und Abstiegszone.

In seinen klassischen Partien hat der Bukarest-Sieger ordentliche Leistungen gezeigt. Er hatte Vorteil gegen Gukesh (Runde 1), gegen So (Runde 3) und gegen Firouzja (Runde 5). Aber keine dieser drei vielversprechenden Partien gewann er. Im Armageddon zeigte sich dann jeweils, dass Keymer kein Zocker ist: fünf Niederlagen. Keymer räumte ein, sich an das Format noch nicht gewöhnt zu haben.

Divya Deshmukh liegt zur Halbzeit knapp vor der Konkurrenz. | Foto: Michal Walusza/Norway Chess

Im Frauenturnier führt zur Halbzeit die Inderin Divya Deshmukh mit 8,5 Punkten einen halben Punkt vor Bibisara Assaubayeva aus Kasachstan. Das Frauenturnier läuft parallel zum offenen Turnier, im selben Format und mit demselben Preisgeld: 1,69 Millionen norwegische Kronen, rund 182.000 Dollar.

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