Nach sieben Runden war der Vorsprung weg. Vincent Keymer hatte das Turnier lange dominiert, stand zwischenzeitlich einen vollen Punkt vor dem Feld, doch WM-Herausforderer Javokhir Sindarov bestrafte einen voreiligen Läuferzug und gewann souverän. Die Führung war dahin, zwei Runden lagen noch vor ihm. Keymer hielt ein Remis gegen Fabiano Caruana und besiegte in der Schlussrunde Jorden van Foreest – zum ersten Mal überhaupt in einer klassischen Partie. Damit hatte der 21-Jährige das Super Chess Classic Romania 2026 in Bukarest gewonnen, sein erstes klassisches Turnier als vollwertiger Grand-Chess-Tour-Teilnehmer.

„Es war ein großartiges Turnier für mich – mit einem ziemlich harten Schlag in der Mitte. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden, sowohl mit dem Ergebnis als mit meiner Leistung. Ich habe alle meine Partien mit Weiß gewonnen. Es ist wohl mit Abstand mein größter klassischer Turniersieg“, sagte Keymer nach dem Turnier.

Keymer bestimmte das Turnier von Beginn an. Sein eindrucksvollster Vortrag gelang ihm in Runde 4 gegen Maxime Vachier-Lagrave, einen der größten Najdorf-Spezialisten der Welt: Keymer, der selbst den Najdorf zu den Akten gelegt hat, spielte 1.e4 und dann zum ersten Mal mit Weiß gegen den Najdorf. Dieser Ansatz hatte einiger Überzeugungsarbeit von Coach Peter Leko bedurft, der seinen Schützling in Bukarest begleitete. Das Konzept funktionierte: Keymer neutralisierte Vachier-Lagraves Dynamik und gewann klar.
Hinter dem starken Auftakt steckte eine Methode, die mit Schach nichts zu tun hatte: „Meine Vorbereitung war letztendlich, eine Pause zu machen“, hatte Keymer vor dem Wettbewerb erklärt. „Ich glaube, das ist ein wirklich unterschätzter Teil der Vorbereitung. Ich spiele so viel, dass es sehr, sehr wichtig ist, frisch und voller Energie zum Turnier zu kommen.“
Nach vier Runden stand Keymer allein an der Spitze, nach sechs mit einem vollen Punkt Vorsprung. Das hing auch damit zusammen, dass Alireza Firouzja nach Runde 3 eine Knöchelverletzung erlitt und schließlich aus dem Turnier ausstieg. Firouzja hatte zuvor zwei Partien vom Hotelbett aus gespielt – ein Bild, das weltweit die Runde machte und Vergleiche mit Tony Miles wachrief, der 1985 in Tilburg auf einer Massageliege liegend Erster wurde.
Der Einbruch und die Antwort
In Runde 7 kam Sindarov. Der Usbeke gewann die Eröffnungsschlacht und profitierte dann von Fehlern des Deutschen. Es war Keymers einzige Niederlage des Turniers. In Runde 8 saß Caruana mit Weiß ihm gegenüber, drückte zwar, aber kam nicht durch.
Die Schlussrunde begannen Keymer und Caruana punktgleich. Caruana verpasste gegen Vachier-Lagrave eine gewinnende Kombination und einigte sich auf Remis. Keymer spielte gegen Van Foreest – und ließ sich nicht davon beirren, dass der Niederländer den direkten Vergleichen nach sein Angstgegner sein könnte: „Ich bin nicht der Typ, der sagt: Ich mache Remis, und gut. Das liegt mir einfach nicht.“ Mit 16.Sd5! gewann er die Qualität, verwertete den Vorteil souverän und sicherte sich den Titel ohne Tiebreak.

Mit dem Triumph in Bukarest feierte Keymer neben seinem Weissenhaus-Sieg Anfang 2025 seinen bislang größten klassischen Turniersieg. Als Trophäe nahm er eine Nachbildung der Unendlichen Säule von Constantin Brâncuși entgegen. Das Original ist fast 30 Meter hoch und steht seit 1938 in der rumänischen Stadt Târgu Jiu.
Vincent Keymer bleibt jetzt keine Zeit durchzuschnaufen. Am Montag, 25. Mai, geht es in Oslo beim Norway Chess weiter. Dort trifft er unter anderem auf den Weltranglistenersten Magnus Carlsen und Weltmeister Gukesh.


Bärenstarke von Keymer! Nach der Klatsche gegen Sindarov hatte ich schon befürchtet, es wird das Turnier nicht gewinnen. Aber er hat es durchgezogen. Sehr wichtig für seine weitere Zukunft, dass er auch ein so hochkarätiges Turnier als Sieger beenden kann. Nun schauen wir alle gespannt nach Norwegen …..