Wie einst Tony Miles: Alireza Firouzja spielt im Liegen / Jetzt gegen Tabellenführer Vincent Keymer

Nachtrag, 20. Mai: Nachdem er zwei Partien im Krankenbett gespielt hat, zieht sich Firouzja nun doch aus dem Wettbewerb zurück.

Eine Knöchelverletzung beendet für Fußballer das Spiel, für Sprinterinnen das Rennen, für Tennisspieler das Match – mindestens, vielleicht sogar die Saison. Für einen Schachsportler bedeutet so eine Blessur: hinlegen, das Brett ans Bett stellen, weiter geht’s.

Alireza Firouzja hatte sich nach der dritten Runde des Superbet Chess Classic in Bukarest am Knöchel verletzt. Zur vierten Runde gegen Fabiano Caruana erschien Firouzja nicht – und wer die Tabelle kannte, durfte das zumindest als bemerkenswert registrieren. Mit einem halben Punkt aus drei Partien stand Firouzja am Ende des Feldes. Kurz zuvor hatte ihn der französische Verband bis auf Weiteres aus dem Nationalkader gestrichen. Manche Beobachter zogen ihre Schlüsse.

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Dann kamen die Bilder.

Firouzja liegt seitlich auf einem Hotelbett, rote Sporthose, schwarzes T-Shirt, den verletzten Fuß auf einem Kissen hochgelagert, am geschwollenen Knöchel der Schatten einer Verletzung. Vor ihm ein kleiner Tisch mit Schachbrett und Uhr. Gegenüber sitzt WM-Herausforderer Javokhir Sindarov, weißes Hemd, Jeans. Ein Schiedsrichter beobachtet die Szene. So sah Runde fünf des Superbet Chess Classic aus, Eliteschach, wie man es selten gesehen hat.

Kommentator Yasser Seirawan hatte die Situation zu Beginn der Runde im Livestream erklärt: „Nach der dritten Runde hat Alireza sich eine Knöchelverletzung zugezogen. Glücklicherweise ist der Knöchel nicht gebrochen. Nach Rücksprache mit seinem Team und den Organisatoren hat er beschlossen, das Turnier in einem speziellen Raum fortzusetzen – mit der Zustimmung seiner Gegner und in Anwesenheit eines Schiedsrichters. Wir sind froh, dass Alireza im Turnier bleibt und weiterspielen möchte.“

Bericht im Spiegel über Alireza Firouzjas Bettgeschichte.

Die Partie dauerte über fünf Stunden. Firouzja spielte mit Weiß, stand schlechter, kämpfte sich ins Remis. Anschließend analysierten beide die Partie gemeinsam; Firouzjas Fuß steckte inzwischen in einem Spezialschuh. Anish Giri kommentierte: „Armer Kerl – und was für ein Held, dass er weiterspielt. Ich dachte wirklich, das wäre für ihn eine perfekte Gelegenheit aufzugeben.“

Tony Miles, Tilburg 1985

Wer Firouzja auf dem Bett sah, dachte unweigerlich an Tony Miles. Der englische Großmeister spielte beim Interpolis-Turnier 1985 in Tilburg mehrere Partien liegend auf einer Massagebank, die man eigens im Turniersaal für ihn aufgestellt hatte. Ihn plagten Rückenschmerzen.

Tony Miles in Tilburg 1985. Links unten: die Partie gegen Dzindzichashvili, der demonstrativ im Stehen spielte.

Nicht alle Kollegen akzeptierten das klaglos. Ljubomir LjubojevićRoman DzindzichashviliViktor Kortschnoi und Robert Hübner reichten beim Organisationskomitee einen förmlichen Protestbrief ein. Darin hieß es: „Großmeister Miles … verändert den Anblick des Turniersaals vollständig. Jeder, der gegen ihn spielt oder ihm beim Spielen zuschaut, erlebt ein unangenehmes Gefühl: Das psychologische Gleichgewicht der Spieler ist gestört.“ Und weiter, mit einem Seitenhieb, der an den anfänglichen Verdacht gegenüber Firouzja erinnert: „Wir wissen, dass Mr. Miles in der Lage ist, auf einem Stuhl zu sitzen, wie in einem Restaurant bewiesen.“

Das Organisationskomitee lehnte den Protest ab. Miles gewann das Turnier, liegend gegen ein Weltklassefeld.

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Als Tony Miles einst das „irische Bauernzentrum“ erfand. In seinem Buch „It’s only me“ (im Beitrag verlinkt) bereitet er manche Episode aus seinem schachlichen Schaffen auf, natürlich auch Tilburg 1985.

Fischer, Spasski, Reykjavik 1972

Auch Exweltmeister Garri Kasparow bot zum liegenden Firouzja eine Assoziation an:  „Partie 3 des WM-Kampfs 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski in Reykjavík wurde ebenfalls in einem Hinterzimmer gespielt, aber das war wegen psychologischer Verletzungen.“ Fischer hatte die Organisatoren damals so lange bearbeitet, bis eine Partie aus dem Turniersaal verlegt wurde. Er fühlte sich von Kameras und Zuschauern gestört.

On doctor's advice Rita Gramignani unoscacchista.com/2021/03/08/r… played numerous games in her hotelroom during the Roosendaal Interzonal 1976 (here vs Belavenets). Tony Miles happened to be there too, accompanying Jana Hartstone. #grandchesstour

!TUUR (Arthur van de Oudeweetering) (@tuurone.bsky.social) 2026-05-18T20:36:59.072Z
Rita Gramigani und noch mehr Hotelzimmer-Partien.

Keymer, Firouzja, Bukarest 2026

Vierzig Jahre nach Tony Miles in Tilburg erklärte sich Fabiano Caruana bereit, die ausgefallene Partie gegen Firouzja am freien Turniertag nachzuholen – kein Protest, kein Appell an die Organisatoren. Peter Heine Nielsen schrieb auf X: „Beeindruckende Sportlichkeit von Caruana, die verworfene Partie am freien Tag zu spielen. Respekt.“

Glanzpartie: Vincent Keymer zieht 1.e4 und stampft den Najdorf von MVL ein.

Firouzja kämpft weiter, aber er kämpft um den Anschluss. Caruana gewann die Nachholpartie, und Firouzja ziert mit 1/5 das Ende der Tabelle. An der Spitze führt Vincent Keymer mit 3,5 Punkten aus 5 Partien. Keymer hat dreimal remisiert sowie gegen Bogdan-Daniel Deac und Maxime Vachier-Lagrave gewonnen. In der sechsten Runde am Mittwoch trifft er auf – Firouzja.

Die Fünftrundenpartie zwischen Firouzja und Caruana. | Foto: Lennart Ootes/Grand Chess Tour
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