Von der Idee bis zur Fertigstellung hat es sieben Jahre gedauert, bis die Schachgemeinschaft Leipzig ihr eigenes Vereinsheim hatte. Jetzt könnte es binnen sieben Monaten verloren sein — wenn der Verein bis Jahresende nicht 90.000 Euro aufbringt. Einen Großteil dieser Summe sollte eigentlich eine am Bau beteiligte Partnerfirma bezahlen. Aber die ist plötzlich nicht mehr erreichbar. Der Verein muss nach eigenen Angaben für die Gesamtsumme einstehen.

Ein eigenes Vereinsheim ist im deutschen Schachsport eine Ausnahme. Die allermeisten der gut 2.000 Clubs im Land spielen in Gaststätten, Schulen oder Gemeindezentren, abhängig von den Terminplänen anderer. Wer ein eigenes Heim hat, gehört zu einer kleinen Gruppe: der Hamburger SK, Königsspringer Hamburg oder der SV Mülheim-Nord zählen dazu. Ein eigenes Heim bedeutet täglichen Betrieb, Jugendtraining ohne Raumsuche, Turniere auf eigenem Grund und die Option für Schachbetrieb an jedem Tag der Woche rund um die Uhr.
Von der Idee 2016 bis zur Fertigstellung 2023
Das wollten sie in Leipzig auch. Die Idee entstand 2016 als vorsichtiger Aufruf an die Mitglieder: Wer hat Kenntnisse in Bau und Architektur? Wer kann handwerklich helfen? Wer kennt Förderprogramme? Im Januar 2017 besuchte Christian Zickelbein vom Hamburger SK die Leipziger und berichtete von den Hamburger Erfahrungen. Schließlich stimmten die Mitglieder auf einer außerordentlichen Versammlung für den Bau. Danach folgten Jahre der Anträge, Präsentationen und Verhandlungen beim sächsischen Innenministerium, bei der Sächsischen Aufbaubank, beim Sportamt Leipzig.
Das Vorhaben war von Anfang an komplizierter als ein gewöhnlicher Vereinsheimbau. Die städtische Bauordnung schreibt für den Standort an der Petzscher Straße mehrgeschossigen Wohnbau vor. Der Verein musste deshalb einen Bauträger ins Boot holen, der gemeinsam mit ihm baute: Schachzentrum im Erdgeschoss, 16 Eigentumswohnungen in den Obergeschossen. Aus dem geplanten Vereinsheim wurde ein integriertes Stadtbauprojekt — und aus der Zusammenarbeit eine gemeinsame rechtliche Konstruktion, die dem Verein heute zum Verhängnis werden könnte.

Das Ergebnis der Finanzierungsarbeit war beeindruckend. Der Freistaat Sachsen förderte mit gut 332.000 Euro, die Stadt Leipzig mit 90.000 Euro. Mehr als 150 private Spender, darunter Zickelbein, steuerten rund 143.000 Euro bei. Mitglieder stellten Darlehen zur Verfügung. Und die Leipziger Volksbank bewilligte einen Kredit — obwohl das bei Vereinen eigentlich nicht ihrer Praxis entspricht. Dirk Majetschak, Prokurist der Bank, erklärte damals: Das Konzept sei schlüssig gewesen, der Verein habe mit seiner Tradition und der Vertrauenswürdigkeit der handelnden Personen überzeugt.
Das Zeitgeschehen warf dem Club während der dreijährigen Bauzeit manchen Knüppel zwischen die Beine: Corona-Lockdowns, Lieferengpässe und Materialpreissteigerungen von bis zu 100 Prozent. Trotzdem eröffnete im August 2023 das „Denksportzentrum“ an der Petzscher Straße in Leipzig-Eutritzsch: ein 300 Quadratmeter großes Heim für Schach, Go und Bridge, drei Straßenbahnhaltestellen vom Stadtzentrum entfernt.
Gewachsen, ausgezeichnet, existenziell bedroht
Seit der Eröffnung ist der Verein nach eigenen Angaben auf knapp 200 Mitglieder gewachsen, mehr als 60 davon Jugendliche. Drei sächsische Jugendmeistertitel wurden errungen, Laertes Neuhoff avancierte mit 16 Jahren zum FIDE-Meister. Der Stadtsportbund Leipzig kürte den Verein zum „Verein des Jahres 2023“.

Was den Verein jetzt bedroht, reicht in die Bauzeit zurück. Es kam zu Verzögerungen und Mehrkosten, über die nach Fertigstellung des Baus ein Gericht entschied. Für seinen Anteil an der Forderung hatte der Verein rund 20.000 Euro zurückgelegt, teilt der Leipziger Vorstand mit. Aber jetzt ist die am Bauprojekt beteiligte Partnerfirma nicht mehr erreichbar. Weil Verein und Firma im Rahmen ihrer gemeinsamen Baukonstruktion für die gesamte Summe hafteten, bleibt die Schachgemeinschaft nun auf der vollen Rechnung sitzen: dem eigenen Anteil und dem der verschwundenen Firma zusammen.
Die Summe beläuft sich auf 90.000 Euro. Die Frist läuft bis Ende 2026. „Eine existenzielle Bedrohung“, heißt es aus Leipzig.
Crowdfunding, Spendenopen, Weltmeister-Simultan
Um die Summe aufzubringen, hat der unter anderem eine Crowdfunding-Kampagne begonnen. Vom 14. bis 16. August richtet die Schachgemeinschaft im Denksportzentrum ein Spendenopen aus. Für den 12. September ist ein „Weltmeister-Simultan“ angekündigt. Auf der Vereinswebsite gibt es zudem ein Spendenbrett, auf dem einzelne Felder gegen eine Spende „erobert“ werden können.

