Am 5. Mai veröffentlichte das FIDE-Council, das leitende Gremium des Weltverbands, eine Warnung: Niemand dürfe vor dem offiziellen Beginn der Wahlkampfperiode am 26. Juni für eine Kandidatur werben. Der Weltverband drohte mit Verfahren vor der Ethik- und der Wahlkommission. Zwei Tage später, am 7. Mai, veröffentlichte FIDE-Partner World Chess einen Artikel, der dokumentierte, dass genau der Mann, dessen Council diese Warnung ausgesprochen hatte, selbst längst Wahlkampf betreibt: FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich.
„Dvorkovich beschuldigt, im Kampf um die Wiederwahl jede Wahlkampfregel zu brechen“ – so lautete die Überschrift. Weniger als zwei Stunden später war der Artikel verschwunden. Die URL führt ins Leere. World Chess hat sich zu den Gründen nicht geäußert. Die FIDE ebenfalls nicht. Auf Twitter kommentierte ein FIDE-Parodie-Account den Vorgang sinngemäß so: World Chess habe einen Artikel über die FIDE-Wahlen veröffentlicht, „aber er hat uns nicht gefallen, also haben wir ihn entfernen lassen“.
Was in dem Artikel stand
Der World-Chess-Bericht zeichnete das Bild eines Präsidenten, der die Regeln seines eigenen Verbands ignoriert. Die Wahlkampfperiode für die FIDE-Präsidentschaftswahl am 26. und 27. September 2026 in Samarkand beginnt offiziell am 26. Juni 2026. Vor diesem Datum sind Kampagnen nach den FIDE-Wahlregeln untersagt. Und doch, so World Chess, ist genau das in vollem Gang.
Den Stein ins Rollen brachte FIDE-CEO Emil Sutovsky. Am 6. Mai postete er einen langen Thread, in dem er die Bilanz von Dvorkovich pries: 9,4 Millionen Euro in Breitenschach-Entwicklung über sechs Jahre, ein neues Finanzierungsmodell seit 2018, steigende Einnahmen aus Partnerschaften statt aus Verbandsgebühren. Die Botschaft war klar: Der Präsident hat geliefert.
Peter Heine Nielsen, langjähriger Sekundant von Magnus Carlsen und einer der profiliertesten FIDE-Kritiker, reagierte umgehend. Solche Tweets seien „offenkundiges Campaigning“ eines bezahlten FIDE-Angestellten für die Wiederwahl des FIDE-Präsidenten. Die Vorstellung, dass die FIDE-Führung ihre eigenen Wahlregeln respektiere, sei „unsinnig“.
George Mastrokoukos, ehemaliges Mitglied des FIDE-Legal-Teams, ging noch weiter: Während Dvorkovich Delegierte anrufe, um seine erneute Kandidatur anzukündigen, würden FIDE-Ressourcen einschließlich der Website und der Mitarbeiter für seine Kampagne entfesselt – „unter offenkundiger Verletzung jeder erdenklichen Wahlkampfregel“.
In einem weiteren Post forderte Mastrokoukos Europa und alle Kontinente auf, Dvorkovich unmissverständlich klarzumachen, dass die FIDE niemandes persönlicher Besitz sei. Schweizer und europäisches Recht schütze Non-Profit-Organisationen vor dem Missbrauch von Ressourcen durch Amtsträger. Es sei „höchste Zeit“, diese Botschaft zu senden.
Auch in Südostasien registrierte man die Bewegung. Sahapol Nakvanich, Präsident des Thailändischen Schachverbands, postete auf Facebook, Dvorkovich habe ihn nach Jahren ohne Kontakt angerufen und ihm schriftlich mitgeteilt, er werde erneut kandidieren. Nakvanich klang unbeeindruckt. Er findet, nationale Verbände sollten als unabhängige Organisationen respektiert werden, die frei entscheiden könnten, was im besten Interesse ihrer Spieler und Schachgemeinschaften sei.
Parallel kommunizierte die FIDE-Pressestelle Dvorkovichs Mehrstationen-Reise durch die Karibik und Zentralamerika – Barbados, Saint Lucia, Panama – über den offiziellen FIDE-Account auf X als „chess development“-Mission. Treffen mit Ministern, Bildungspolitikern, nationalen Olympischen Komitees. Finanziert aus dem FIDE-Reisebudget. Auf dem Papier Entwicklungsarbeit. In der Praxis eine Tour durch Länder, deren Föderationen im September jeweils eine Stimme haben.
Die Regeln gelten für alle – außer für die eigenen Leute
Die Council-Warnung vom 5. Mai definiert im Detail, was als „undue advantage“ – ungebührlicher Vorteil – gegenüber Mitgliedsverbänden gilt: alles, was über einen symbolischen Wert hinausgeht, einschließlich Zahlungen, Sachleistungen, Geld, Eigentum, Dienstleistungen, Darlehen, Schuldenerlass, Versprechen künftiger Beschäftigung oder Beförderung, Gefälligkeiten, Honorare, Eintrittskarten für Veranstaltungen.
Wer diese Warnung liest und dann auf die Aktivitäten der vergangenen Wochen blickt, muss feststellen: Sie trifft in alle Richtungen. Sie trifft Dvorkovich, der über FIDE-Kanäle und FIDE-Personal de facto bereits eine Kampagne fährt. Sie trifft aber auch das weitverzweigte Fördernetzwerk, das der FIDE-Hauptsponsor Freedom Holding Corp. und deren Chef Timur Turlov aufgebaut haben. Und sie trifft jeden anderen potenziellen Kandidaten, der über Turniereinladungen, Sponsoring-Deals oder Veranstaltungsangebote Föderationen umwirbt.
Das Superwahljahr im Schach
Die FIDE-Wahl im September ist nicht die einzige, die die Schachwelt in Atem hält. 2026 ist ein Superwahljahr. Bei der ECU steht der zwischen Dvorkovich- und Westeuropa-Nähe balancierende Präsident Zurab Azmaiparashvili zum ersten Mal vor einer Herausforderung: Zwei Gegenteams treten an.
Lukasz Turlej, FIDE-Generalsekretär und damit bezahlter Mitarbeiter des Weltverbands, kandidiert für die Präsidentschaft bei der ECU. Würde er gewinnen, wäre er damit Teil des FIDE-Councils. Dazu sagt das Team von Amtsinhaber Azmaiparashvili, dem sich DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach angeschlossen hat: „Ein FIDE-Angestellter kandidiert für einen Posten im FIDE-Council. Das sprengt jede Grenze.“
An dieser Stelle klingt es ein wenig nach deutscher Schachverwaltung. Schon als seinerzeit der DSB-Angestellte Paul Meyer-Dunker als Präsident des Berliner Landesverbands kandidierte, entfleuchten den anderen Landespräsidenten wegen eines vermeintlichen Interessenkonflikts Drohungen, die sich wenig später als Sturm im Wasserglas entpuppten. Wer jetzt liest, womit sich die Funktionäre bei der kommenden Schachverwaltungsversammlung befassen wollen (darüber wird an dieser Stelle noch zu reden sein), stellt fest, dass am 16. Mai das gleiche Thema anhand der Personalie Kevin Högy erneut dekliniert werden soll. Högy ist zugleich DSB-Sportdirektor und als Meyer-Dunkers Nachfolger Präsident des Berliner Verbands.
Beim Deutschen Schachbund, einem der größten der Welt, hat jetzt Richard Lutz, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, seine Bereitschaft erklärt, für das Präsidentenamt zu kandidieren – steht aber womöglich schon wieder vor dem Rückzug. Die Lage ist unübersichtlich.
Bei der FIDE selbst ist das Kandidatenfeld so offen wie seit Jahren nicht. Dvorkovich will antreten, aber über ihm hängt ein EU-Sanktionsrisiko. Nach der Abwahl von Viktor Orbán in Ungarn ist der Blockierer weggefallen, der laut übereinstimmenden Berichten bisher verhindert hat, dass Dvorkovichs Name auf einer EU-Sanktionsliste landet. Malcolm Pein, FIDE-Delegierter der English Chess Federation, Organisator des London Chess Classic und Kolumnist des Telegraph, hat am 20. April erklärt, er werde kandidieren, falls Dvorkovich von der EU sanktioniert wird. Dass es so kommt, gilt als wahrscheinlich. Die EU will ihr nächstes Sanktionspaket möglichst bald verabschieden, aber wann genau das sein wird, ist offen.
Der deutsche Unternehmer Wadim Rosenstein hat der naheliegenden Vermutung, dass auch er als FIDE-Präsident kandidiert, nie widersprochen. Seine jüngsten Aktivitäten – das Angebot eines alternativen Austragungsorts für das Kandidatenturnier, diverse Turniere und Turnierserien in aller Welt, dazu ein langer autobiografischer Post – lesen sich wie der Vorwahlkampf eines Mannes, der auf den richtigen Moment wartet.
Und dann ist da Timur Turlov, CEO der Freedom Holding, dem wichtigsten Geldgeber der FIDE. Turlov ist Präsident des Kasachischen Schachverbands, Leiter der FIDE-Tochterorganisation International School Chess Federation, und seit Kurzem Eigentümer von ChessBase. Freedom Holding gibt nach eigenen Angaben jährlich mehr als 15 Millionen Dollar für Schachförderung aus und sponsert zunehmend auch nationale Verbände direkt – darunter den Österreichischen Schachbund. Aktuell soll Turlov bemüht sein, eine Partnerschaft mit dem spanischen Verband zu etablieren. Das Gerücht, dass Turlov selbst kandidiert, falls Dvorkovich nicht antritt, wird seit Wochen diskutiert.
Sein Antreten würde einige Fragen aufs Tableau hieven, um die es zuletzt ruhig geworden war. Turlovs Unternehmen wird seit 2021 von der US-Börsenaufsicht SEC untersucht – eine Tatsache, die Freedom Holding im Februar 2026 erstmals offengelegt hat. Turlov steht seit 2022 auf der ukrainischen Sanktionsliste. Die Ermittlungen des US-Justizministeriums gegen sein Unternehmen könnten noch laufen. Auf Anfrage dieser Seite wollte das Ministerium weder bestätigen noch dementieren, dass gegen Turlov weiterhin ermittelt wird.
Zu guter Letzt kontrolliert der Kasache mit ChessBase nun ein Schachunternehmen, dessen mit Gefälligkeitsberichterstattung übersäte News-Website weite Teile der Szene für seriös halten. Dort wird seit vier Jahrzehnten auch über FIDE-Politik berichtet. Sollte Turlov kandidieren, hätte er eine der größten Schachwebsites für Berichterstattung in eigener Sache unter Kontrolle.
Die Schachwelt steht vor einem Wahljahr, in dem Geld, Macht und Information in einer Weise zusammenlaufen, die es so noch nicht gegeben hat. Wer am Ende in Samarkand am 26. September triumphiert, wird davon abhängen, wer bis dahin die besseren Allianzen geschmiedet hat – und wer kontrolliert, was darüber berichtet wird.
(Titelbild via FIDE)

