Kein Frühstück für Blübaum, Krawatten für Gustafsson, Cola für Wei Yi: Was beim Kandidatenturnier wirklich passiert ist

Die Küste Zyperns ist übersät mit Warnschildern: „Achtung, Klippen! Gefahr!“ Ob Anish Giri mit der zypriotischen Unfallstatistik vertraut war, als er Matthias Blübaum und Rasmus Svane eine Wanderroute an den bröckeligen Abhängen empfahl? Wollte er sich auf diese Weise beim Kandidatenturnier eines Konkurrenten entledigen? Matthias Blübaum bestätigt den Verdacht nicht, hält aber für möglich, dass ihn Giri „ausgetrickst“ hat. Rasmus Svane sieht das Positive. Er freute sich über die Erweiterung des Repertoires an Spazierwegen, die der Niederländer dem deutschen Duo beschert hat.

Unter anderem die Klippen-Episode kam jetzt in mehreren Episoden des Bluhmecke-Podcasts zur Sprache. Während des Bundesligafinales empfingen dort Sonja Maria Bluhm und Katharina Reinecke die Garde der deutschen Nationalspieler. Und die vervollständigte das Bild von der Vorbereitung und dem Ablauf des Kandidatenturniers, das Matthias Blübaum ausschließlich mit der Unterstützung seiner Landsleute absolvierte.

Matthias Blübaum mit Sonja Maria Bluhm und Katharina Reinecke, die ihm in Berlin eine Fan-Begegnung der anderen Art arrangiert hatten.

Als Sekundanten hielten sich Frederik Svane und Dmitrij Kollars in Thailand auf – wegen der Zeitverschiebung. Wenn die beiden frühmorgens mit der Analysearbeit begannen, lag auf Zypern Blübaum noch in den Federn. Und wenn der WM-Kandidat selbst den Rechner einschaltete, fand er dort die Arbeitsergebnisse seiner in Südostasien weilenden Mitstreiter. Australien wäre in Sachen Zeitverschiebung noch besser gewesen, sagt Svane. Aber zwei Leute für mehr als vier Wochen auf die andere Seite des Globus zu schicken, das gab das Budget nicht her.

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Die Arbeitsteilung war klar geregelt. Frederik Svane und Kollars übernahmen die großen, zeitintensiven Analysen – komplexe Varianten, die zu durchleuchten Stunden dauerte. Rasmus Svane konnte seinen Schlafrhythmus dem von Matthias Blübaum angleichen. Auf Zypern war er für das Feintuning zuständig und prüfte das Repertoire der Gegner. Abends traf er sich mit Blübaum zur Vorbesprechung für den nächsten Tag. Dann gab er die Arbeitsaufträge nach Thailand durch.

Ein bisschen Blitz muss sein: Die Blübaum-Sekundanten Frederik Svane und Dmitrij Kollars am Strand von Hua Hin, Thailand. | Foto: privat

Ein großer Teil der eigentlichen Theoriearbeit sei bereits in den drei Monaten vor dem Turnier erledigt worden, in gemeinsamen Trainingslagern, ließ das Kandidaten-Quartett durchblicken. Während des Turniers ging es oft vor allem darum, Varianten anzupassen und zu aktualisieren. Für Kollars und Frederik Svane bedeutete die Arbeit dennoch eine Belastung. „Drei, vier Monate nonstop Schach analysieren geht auf den Kopf“, sagt Frederik Svane. Trotz dauerschachbelasteter Psyche: Er würde es wieder tun – besonders für einen deutschen Spieler. Kollars nimmt schachlich mit, dass es sehr interessant sei, im Lauf eines solchen Wettbewerbs den neuesten Stand der Theorie zu durchleuchten.

Während Kollars und Frederik Svane in Thailand Theorie ackerten, erledigte auf Zypern Rasmus Svane eine Aufgabe, die mit Eröffnungsanalyse wenig zu tun hat: ruhig bleiben. Für den Spieler sei wichtig, dass der Sekundant „entspannte Vibes“ rüberbringt, erklärt Rasmus Svane. Blübaum betonte, der ältere Svane-Bruder sei extrem gut darin, „ruhig zu bleiben, egal wie die Turniersituation ist oder was in der Partie passiert ist“.

„Entspannte Vibes rüberbringen“ war eine der zentralen Aufgaben von Rasmus Svane, während Matthias Blübaum sich beim Kandidatenturnier mit der Weltklasse maß. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Vor Beginn des Turniers hatte Rasmus Svane der Umstand geplagt, dass er seine Sekundantentätigkeit geheim halten muss. Monatelang sagte er in seinen Streams, er überlege noch, ob er die Europameisterschaft spielen werde – obwohl längst feststand, dass er nicht antreten würde. „Ich lüge nicht gerne“, gestand er jetzt. Aber das Geheimnis der Sekundanten gehört dazu: Wären Blübaums Helfer bekannt gewesen, könnten die Gegenspieler Schlüsse ziehen, in welchen Eröffnungen er besonders tief vorbereitet ist.

Blübaums Tagesablauf war strikt getaktet: aufstehen gegen halb elf, kein Frühstück, Dateien durcharbeiten, Mittagessen um halb zwei, noch eine Stunde Vorbereitung, dann Partie um halb vier. Ruhetage nutzte er konsequent für komplette Schach-Abstinenz.

Offen ist weiterhin, ob Vincent Keymer vorab mit Matthias Blübaum Trainingspartien gespielt hat. Blübaum sagt, er habe Keymer „pro forma“ angefragt, aber wegen dessen vollem Terminkalender mit einer Absage gerechnet. Keymer lässt einmal mehr offen, ob und wie die gemeinsame Vorbereitung abgelaufen ist.

Krawatten und die Wasserflasche

Soziale Kontakte hielten sich auf Zypern in Grenzen. Jeder blieb in seiner Bubble, kurze Grüße, mehr nicht. Die regelmäßigsten Begegnungen waren am ehesten die mit Jan Gustafsson. Mit ihm sprach Blübaum ausschließlich – über Krawatten. Gustafsson hatte einige seiner Schlipse an Mitkommentator Peter Svidler abgeben müssen und suchte nach Kompensation. „Er brauchte anscheinend jeden Tag eine neue Krawatte“, sagt Blübaum. Gefühlt täglich sei der Bundestrainer in die Stadt gefahren, um eine neue zu kaufen.

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Dann war da noch die Wasserflasche. Ein Clip, der Blübaum beim erfolglosen Kampf mit einem Schraubverschluss zeigt, machte die Runde. Blübaums Erklärung: Er hatte sich die Hände gewaschen, nicht richtig abgetrocknet – und die Flasche, die er zuvor selbst fest zugedreht hatte, ließ sich nicht mehr öffnen. „Klingt natürlich nach einer faulen Ausrede“, räumte er ein.

Besser lief es mit Wei Yis Colaflasche. Der chinesische Großmeister kam mit einer Flasche und einem „bisschen komischen“ Öffner zu Blübaum. Offenbar war Wei Yi selbst außerstande, das Behältnis zu öffnen. Blübaum gelang es, und Wei Yi gewann daraufhin seine Partie gegen Esipenko. Blübaum zum Cola-Coup: „Ich habe ihm den Sieg geebnet.“

Sportlich zieht Blübaum ein nüchternes Fazit: 6 aus 14, sechster Platz. „Ich hatte nie wirklich Chancen auf den Turniersieg“ – wie alle anderen Spieler bis auf einen. Nach sechs Runden sei das Turnier quasi zugunsten von Javokhir Sindarov entschieden gewesen. In der letzten Runde spielte er gegen Klippen-Giri auf einen Sieg, mit dem er sich den dritten Platz hätte sichern können, ein höheres Preisgeld – und die Qualifikation für die „Total World Championship“. Blübaum wählte eine scharfe Variante, dann unterlief ihm ein Fehlgriff, und die Partie ging schnell verloren. Blübaum: „Dann fühlt man sich ein bisschen dämlich, dass man das gemacht hat.“

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