Beim Grenke Freestyle Open 2026 wird erstmals ein Pilotprojekt zur Cheating-Erkennung im Turniersaal getestet. Kameras filmen Spielerinnen und Spieler, und eine KI wird die bewegten Bilder systematisch auswerten, um auffälliges Verhalten zu erkennen. Ziel ist, Hinweise auf Betrug frühzeitig sichtbar zu machen. Der neue Ansatz adressiert ein Problem, das in großen Open-Turnieren als schwer kontrollierbar gilt.
Das Grenke Freestyle Open mit womöglich mehr als 4000 Teilnehmern (Anmeldestand bei Veröffentlichung dieses Beitrags: 3839) zählt zu den größten Schachveranstaltungen weltweit. In solchen Formaten stößt die klassische Aufsicht an Grenzen. Schiedsrichter können nicht jede Partie gleichzeitig im Blick behalten, technische Kontrollen sind, wenn überhaupt, nur stichprobenartig möglich. Und selbst wenn ein Verdacht auf unerlaubte Hilfe aufkommt, lässt er sich oft nicht belegen. Das Dunkelfeld gilt als groß, ohne dass es sich erhellen ließe. Bis jetzt.
Bekannte Fälle zeigen, wie Betrug am Brett funktioniert. Der Klassiker: das Mobiltelefon auf der Toilette. Gelegentlich bedienen sich Betrügerinnen und Betrüger externer Hilfe. Im Lauf der vergangenen Jahre sind diverse Fälle bekannt geworden, beginnend mit Clemens Allwermann vor mehr als 25 Jahren. Und nicht nur Amateure erliegen der Versuchung, künstlich ihre Spielstärke zu steigern. Bei der Schacholympiade 2010 ließ sich Großmeister Sébastien Feller per Handzeichen gute Züge durchgeben. 2019 machte der Fall des Großmeisters Igors Rausis Schlagzeilen. 2024/25 traf es mit Großmeister Kirill Shevchenko eine der größten Hoffnungen des ukrainischen Schachs. Beide hatten auf der Toilette am Handy ihre laufenden Partien analysiert.
Eigentlich wird Cheating vor allem um Zusammenhang mit Onlineschach debattiert, aber es besteht Grund zu der Annahme, dass Betrug beim Schach am Brett verbreiteter ist. In einer im August 2025 veröffentlichten Studie unter mehr als 1.900 deutschen Vereinsspielerinnen und -spielern gaben rund sieben Prozent der Befragten an, im Lauf des vergangenen Jahres am Brett betrogen zu haben. Für Online-Schach lag der Wert in derselben Studie etwas niedriger – ein Hinweis auf das gewaltige Dunkelfeld, das zu erhellen bislang nicht gelungen ist.

Vor diesem Hintergrund hat der niederländische Informatiker und Schachspieler Joop van der Hoorn ein Verfahren entwickelt, das allein anhand des Verhaltens von Spielerinnen und Spielern Verdachtsmomente erkennen soll. Van der Hoorn koordiniert das Pilotprojekt beim Grenke Freestyle Open in Zusammenarbeit mit dem Nordwestdeutschen Schachbund, der das Vorhaben für erfolgversprechend hält und finanziell unterstützt. Weitere Unterstützung kommt von den Ausrichtern Grenke und Freestyle.
Trefferquote über 80 Prozent beim ersten Test
Anfang des Jahres hat van der Hoorn in Apeldoorn in Zusammenarbeit mit dem dortigen Club ein Testturnier organisiert. Teilnehmer wurden gezielt aufgefordert, möglichst unauffällig Betrugsversuche zu unternehmen, während Kameras sie filmten. In der Auswertung zeigte sich, dass bestimmte Verhaltensmuster gehäuft in Partien mit Betrugsversuchen auftraten. Dazu zählten Veränderungen in der Mimik, kurze Blickbewegungen weg vom Brett oder verzögerte Reaktionen nach kritischen Zügen. „Es sind oft sehr kleine Veränderungen, die Menschen kaum auffallen, die der Technik aber nicht entgehen“, sagt van der Hoorn. „In der Summe ergeben sie ein Muster.“
Und Muster zu lernen und zu erkennen, ist das Spezialgebiet der Künstlichen Intelligenz, die die Videobilder in Echtzeit analysiert. Nach van der Hoorns Angaben lag die Trefferquoten schon beim Testturnier über 80 Prozent. Die in Apeldoorn gesammelten Daten dienten als Basis für das Feintuning am Algorithmus, wie er jetzt in Karlsruhe zum Einsatz kommt.
„Das System meldet Auffälligkeiten, keine Verstöße“
Rund um die Grenke- und Freestyle-Open greift das System auf die Kamerabilder im Saal zurück. Die KI-gestützte Auswertung erfasst unter anderem Blickverhalten, Reaktionszeiten nach gegnerischen Zügen sowie Bewegungsmuster am Brett. Sogar auffällig pulsierende Halsschlagadern kann das System erkennen. Ziel ist, Abweichungen vom erwartbaren Verhalten im Partieverlauf zu erkennen.

„Das System meldet Auffälligkeiten, keine Verstöße“, betont van der Hoorn. Schlägt die Video-KI-Überwachung an, bedeutet das einen Verdacht, mehr nicht. Eine Auffälligkeit gilt nicht als Nachweis eines Regelverstoßes, sondern als Anlass für eine genauere Prüfung. Wenn in Karlsruhe während laufender Partien die Auswertung Auffälligkeiten zeigt, wird die betreffende Partie im Nachgang genauer analysiert. Zudem können Schiedsrichter bereits während der Partie informiert werden, um genauer hinzusehen. „Das weitere Vorgehen liegt im Ermessen der Schiedsrichter“, erklärt van der Hoorn. Mal mag es bei verstärkter Beobachtung bleiben, aber auch das nachträgliche Nullen von Partien ist nicht ausgeschlossen. Solche Fälle würden dann hinsichtlich möglicher Sanktionen, bis hin zur Sperre, dem Verband übergeben.
Erster offizieller Einsatz beim Schachgipfel?
Das Pilotprojekt läuft für die Dauer des Grenke Freestyle Open und wird anschließend ausgewertet. Danach kommen erstmals die Verbände ins Boot. Es gilt zu entscheiden, ob und in welcher Form das Verfahren weiter eingesetzt wird. Eine mögliche nächste Anwendung wird bereits geprüft: Beim Deutschen Schachgipfel in Dresden im Juli, zu dem mehr als 1.000 Teilnehmer erwartet werden, könnte das System erneut zum Einsatz kommen.
Gratulation, sehr schön gemacht! Erst bei der Erwähnung des „Nordwestdeutschen Schachbundes“ habe ich an das heutige Datum gedacht. Chapeau!
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