Seitdem es Engines und Internet gibt, ist „Blunder“ ein im Schach überstrapazierter Begriff. Was früher ausschließlich an Einsteller grenzende grobe Fehler kennzeichnete, wird heute bemüht, sobald die Engine-Leiste ausschlägt, ob Mensch nun versteht, was auf dem Brett passiert oder nicht. Im Falle der Drittrundenpartie im Kandidatenturnier zwischen Fabiano Caruana und Wei Yi hat nicht einmal Niclas Huschenbeth verstanden, was da passiert ist. Aber es bedarf keines Großmeisters, um den Fehler zu verstehen, der die zweitkürzeste jemals in einem Kandidatenturnier gespielte Partie entschied. Wei Yis Einsteller wäre wahrscheinlich auch in der Bodenseeliga mit Figuren- und Partieverlust bestraft worden.
Ein paar Meter weiter dauerte die zwischen Praggnanandhaa und Javokhir Sindarov deutlich länger. Der Usbeke hatte mit Schwarz einen Springer für zwei Bauern und Spiel gegen den offenen weißen König geopfert – und wurde in einer wilden Partie am Ende einer dramatischen Zeitnotphase belohnt. Jetzt hat die Tabelle des Kandidatenturniers nach drei Runden zum ersten Mal ein Gesicht: Caruana und Sindarov führen mit 2,5/3, dahinter Matthias Blübaum und Pragg mit 1,5 Punkten, gefolgt vom Rest des Feldes mit einem Zähler.
Anish Giri hatte sich vor der Partie zwischen Matthias Blübaum und Andrey Esipenko den Unmut mancher Fans eingehandelt, als er feststellte, dass die 2698 Elo von Fanliebling Blübaum etwas anderes sind als die 2698 von Esipenko. Auf dem Brett sah es in der dritten Runde aus, als sei zumindest für die Dauer ihrer Partie die Spielstärke der Kontrahenten exakt die gleiche. Im Duell der einzigen beiden Spieler unter 2700 geschah 40 Züge lang herzlich wenig. Ausgangs des Mittelspiels war eher der etwas ins Hintertreffen geratene Blübaum derjenige, der daran interessiert war, die Chose möglichst bald in eine Punkteteilung zu überführen. Das gelang ihm überzeugend.
Am Mittwoch, Weiß gegen Praggnanandhaa, steht für Blübaum die Partie mit der bislang wahrscheinlich höchsten 1- oder 0-Wahrscheinlichkeit an. Der indische Youngster wird mit Schwarz keinen Beton anrühren, sondern Chancen suchen. Die vergangenen beiden Begegnungen machen Mut. Beim Grand Swiss gelang es Blübaum mit den weißen Steinen, Pragg nach einem Endspielfehler den vollen Punkt abzunehmen. Wenig später in Wijk aan Zee wollte Pragg mit den weißen Steinen die Revanche erzwingen, aber kam gegen Blübaums akkurate Verteidigung nicht durch.
(Titelfoto: Michael Walusza/FIDE)


„… sobald die Engine-Leiste ausschlägt, ob Mensch nun versteht, was auf dem Brett passiert oder nicht.“
Ist leider so, und das auch in einem absurden Ausmaß. Wenn man SCHACH mag, sind die Live-Chats völlig unlesbar, und die Kommentarspalte auf chess.com ist auch keine Freude.
Darf man hier „kotzen“ sagen? Mit welcher Lässigkeit und/oder Häme da über „offensichtliche“ Einsteller oder Geschenke oder verpatzte obvious/dead draws geredet wird, und Fehler riesengroß und Siege kleingeredet werden, ist wirklich zum Kotzen.
Vielleicht gibt es bei Conrads BodenseePerlen bereits einen Link zu dem wunderschönen Interview mit den Eltern von Matthias Blübaum über die schachliche Entwicklung ihres Sohnes sowie die Qualifikation zum K-Turnier im Besonderen
– doppelt wäre in diesem Fall auch ok 🙂 !
Viel Spaß !!
https://www.youtube.com/watch?v=Kob6LUnzypY
Ich kenne das Niveau der Bodenseeliga (vordere und hintere Bretter) nicht. Dabei vermute ich mal, dass an den hinteren Brettern Figurenverlust nicht zwingend Partieverlust ist – oder dass ein Spieler jedenfalls nicht direkt aufgibt nur weil ihm eine Figur abhanden kam.
Caruana hat wohl nicht damit gerechnet, dass Wei Yi (auch) das vorbereitet hatte – im Gegensatz zum Ami, der am Brett improvisierte. Wei Yi wusste vermutlich, dass zwei Minusbauern für Schwarz kein Problem sind – dann wollte er mehr als 0.00 und bekam weniger?