„Glück und ein paar frühe Siege“: Matthias Blübaum vor dem Kandidatenturnier

Eigentlich hatte Exweltmeister Magnus Carlsen vor, in letzter Minute in den laufenden WM-Zyklus einzusteigen. „Aber dann sah ich, dass Matthias Blübaum sich für das Kandidatenturnier 2026 qualifiziert hat. Und Blübaum habe ich in klassischen Partien nie besiegt“, erklärte Carlsen. Und zog zurück: „Ich fürchtete einen beispiellosen Blübaum-Triumph und überlegte es mir anders.“

Natürlich hat Magnus Carlsen das weder gesagt noch erwogen, sich wieder in die WM-Mühle zu begeben. Das Zitat ist eines aus einer ganzen Reihe erfundener Aussagen von Topspielern, die in diesen Tagen kursieren. Der Inhalt ist stets ähnlich: Blübaum sei übermächtig. Er werde ohnehin nicht zu stoppen sein. Das Kandidatenturnier werde er mit 14/14 gewinnen.

Wenn es nach den Fans geht, wird Matthias Blübaum ab Sonntag beim Kandidatenturnier ordentlich durchwischen bzw. -fegen. | Bild: Open AI

#GreatBluebaumSweep, frei übersetzt: der große Blübaum-Durchmarsch, ist der Hashtag zum Blübaum-Meme, das in den Wochen vor dem Kandidatenturnier Fahrt aufgenommen hat. Es erhebt den Außenseiter zum Unbezwingbaren, spiegelt den Respekt vor seinem sportlichen Höhenflug und den Umstand, dass Blübaum seit dem Grand Swiss international einige Fans gewonnen hat.

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Der Protagonist selbst erfreut sich daran, bleibt aber auf dem Boden. Matthias Blübaum verweist auf die Elozahlen, und die weisen ihn als niedrigstbewerteten der acht WM-Kandidaten aus. Trotzdem, spielen können alle, und mit etwas Glück und einer günstigen Choreografie kann einem Außenseiter der Coup gelingen. Blübaum sagt, die Chance sei sehr klein, aber existent.

Um Unterstützung zu finden, musste WM-Kandidat Blübaum sich gar nicht international umschauen. Zwar hält er die Namen seiner Helfer geheim, aber die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Abo) offenbart jetzt einige Namen: Keymer, Svane, Gustafsson, Svane. Mit Vincent Keymer habe er Trainingspartien gespielt, sich von Jan Gustafsson Rat geholt und mit Rasmus Svane sowie Frederik Svane trainiert. Das Portal web.de nennt derweil explizit Rasmus Svane als denjenigen, der Blübaum beim Kandidatenturnier unterstützt.

Hilfreich sei es, Helfer zu haben, sagt Matthias Blübaum über diese für ihn neue Konstellation, die ihm ermöglicht, Arbeitsaufträge zu vergeben: „Guck dir diese Variante an, ich gehe schlafen.“ Davon berichtete Blübaum jetzt in seinem ersten Interview auf Zypern, das er Theophilus Wait von Lichess kurz vor Beginn des Wettbewerbs gegeben hat.

Das Gespräch, redaktionell bearbeitet:

Matthias, willkommen auf Zypern. Wenn dir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass du hier sitzen würdest – wie hättest du reagiert?

Ich hätte wahrscheinlich gelacht und gesagt: Denk dir einen besseren Witz aus. Vor einem Jahr habe ich zwar zum zweiten Mal die Europameisterschaft gewonnen, aber das fühlte sich noch unglaublich weit weg von einer Kandidaten-Qualifikation an. Darüber habe ich damals gar nicht nachgedacht.

Jetzt bist du hier. Wie fühlt sich das an?

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Ich freue mich vor allem auf die erste Partie. Direkt davor ist die Spannung meist am größten, weil man nicht genau weiß, was einen erwartet. Man weiß nicht, in welcher Form man sein wird. Sobald die Partie beginnt, kann man einfach Schach spielen – und hoffentlich ordentliches Schach.

In Wijk aan Zee hast du öffentlich gemacht, dass du jetzt einen Sekundanten hast. Wie ist diese Erfahrung im Vergleich zu anderen Turnieren, bei denen du alleine warst?

Wenn man nicht alles selbst machen muss, ist das natürlich angenehm. Du siehst irgendeine nervige Variante, und dann sagst du: Schau dir das bitte an, ich gehe schlafen. Das ist hilfreich. Aber am Ende muss man trotzdem selbst Schach spielen. Es hilft ein bisschen, aber es verändert auch nicht alles komplett. Wijk aan Zee lief gut, deshalb hoffe ich, dass es diesmal auch gut läuft.

Matthias Blübaum im Gespräch mir Finn Engesser und Raj Tischbierek kurz vor Turnierbeginn.

Magst du über die Finanzierung deiner Vorbereitung sprechen?

Ja, klar. Das ist kein Geheimnis. Es wurde vom Deutschen Schachbund veröffentlicht, der im Grunde alles zusammengebracht hat. Sie haben die Spendensammlung organisiert, selbst etwas beigesteuert, und auch der Staat gibt etwas. Am Ende wurde es eine deutlich größere Summe, als ich erwartet hätte. Ich bin ziemlich sicher, dass sie trotzdem kleiner ist als bei fast allen anderen Teilnehmern.

Zum Beispiel Fabiano Caruana.

Ja, und wahrscheinlich kleiner als bei jedem anderen Teilnehmer. Bei China weiß ich nicht genau, wie das läuft. Aber bei Indien ist es sicher größer. Dort dürfte vom Staat deutlich mehr kommen. Für mich war es einfach sehr schön, weil ich in der Vorbereitung im Grunde das machen konnte, was ich machen wollte, ohne ständig über das Geld nachzudenken.

Ein Teil kam über Crowdfunding. Das ist auf diesem Niveau eher ungewöhnlich. Wie war das für dich?

Auch das wurde letztlich vom Deutschen Schachbund organisiert. Ich habe nur gesagt: Natürlich könnt ihr das machen, ich bin nicht dagegen. Einerseits ist es sehr schön, und es kam viel mehr Geld zusammen, als ich erwartet hatte. Andererseits denke ich manchmal, dass es so viele bessere Zwecke gibt, für die man Geld spenden könnte, als für irgendeinen Schachspieler, der sich auf ein Turnier vorbereitet. Aber am Ende ist es die freie Entscheidung der Leute, ob sie spenden wollen oder nicht. Und ja, es war deutlich mehr, als ich gedacht hätte. Dafür bin ich sehr dankbar.

Motiviert dich das zusätzlich, dass Leute dich auf diese Weise unterstützen?

Natürlich. Auf der anderen Seite kann es auch den Druck erhöhen. Man denkt: Die Leute haben dich unterstützt, und wenn du dann das schlechteste Turnier deines Lebens spielst, werden sie nicht gerade begeistert sein. Aber die Leute, die dafür Geld geben, wissen ja auch, dass sie nichts erwarten können. Sie wollten es einfach tun. Deshalb ist es am Ende einfach schön und motivierend. Letztlich bin ich sehr dankbar und hoffe einfach, hier mein bestes Schach zu spielen.

Du bist der erste Deutsche seit rund 40 Jahren im Kandidatenturnier, seit Robert Hübner. Spielt das für dich eine Rolle?

Bis zu einem gewissen Grad schon. Es fühlt sich besonders an. Ich finde es generell großartig für das deutsche Schach, dass wir jetzt mich im Kandidatenturnier haben und mit Vincent einen Topspieler. Dadurch stehen die Chancen gut, dass wir auch in den nächsten Jahren wieder Spieler dort haben werden.

Zuletzt 1983 hatte sich mit Robert Hübner ein Deutscher unter die letzten Acht des WM-Zyklus gekämpft. Vierzehneinhalb Jahre vor Matthias Blübaums Geburt verlor damals Hübner per Roulettekugel-Entscheid das Kandidaten-Viertelfinale gegen Exweltmeister Wassily Smyslow.

Manche sehen dich als Außenseiter. Siehst du dich selbst auch so?

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Ja, ich bin da ziemlich objektiv. Ich habe zusammen mit Andrey Esipenko die niedrigste Wertungszahl. Trotzdem denke ich nicht, dass es unmöglich ist, das Turnier zu gewinnen. Ich brauche einfach sehr viel Glück und am besten ein paar frühe Siege, damit etwas ins Rollen kommt. Aber objektiv sind meine Chancen sicher mit die niedrigsten im Feld. Deshalb mache ich mir auch nicht zu viel Druck. Ich will einfach so gut spielen, wie ich kann.

Manche Spieler sagen, diese Außenseiterrolle könne auch ein Vorteil sein, weil sie Freiheit gibt und den Druck senkt. Fühlst du das auch so?

Frag mich das lieber nach dem Turnier. Ich glaube, es ist beides – Segen und Fluch. Es kann gut sein, weil Leute gegen dich Risiken eingehen und du weniger Druck hast als jemand, der als Favorit gilt. Aber es kann auch ein Fluch sein, weil jeder gegen dich eine Partie gewinnen will. Wenn du dann nicht in Form bist, kann das ein sehr hartes Turnier werden. Es kann also beides sein. Ich hoffe natürlich, dass es ein Vorteil wird.

Das große Perlen-Blübaum-Interview Ende 2025.

Gerade in der zweiten Turnierhälfte könnten Leute gegen dich überziehen, weil sie unbedingt gewinnen müssen.

Ja, genau das meine ich. Besonders in der zweiten Hälfte werden manche vielleicht völlig verrückt spielen, weil sie diese Siege brauchen, um noch um Platz eins zu kämpfen. Dann werden einige wahrscheinlich um jeden Preis gewinnen wollen.

Mein Eindruck von deinem Stil ist: geduldig, saubere Technik, insgesamt sehr kontrolliert. Könnte dir das helfen, wenn andere zu viel riskieren?

Es könnte helfen. Aber wie gesagt, es hängt stark davon ab, wie gut man in Form ist. Selbst um geduldig zu sein, muss man sehr gut spielen. Man darf keine Fehler machen. Man muss verstehen, was der Gegner vorhat, und alles rechtzeitig verhindern. Wenn man nicht gut in Form ist, übersieht man etwas, und dann wird es schnell zum Albtraum.

„Wei Yi sollte einer der Favoriten sein“, sagt Matthias Blübaum.

Gegen Wei Yi hast du noch nie eine klassische Partie gespielt. Wie schätzt du ihn ein?

Online haben wir ein paar Partien gespielt, aber sehr wenige. Deshalb habe ich kaum Erfahrung gegen ihn. Ich halte ihn für einen unglaublich starken Spieler und denke, dass er eigentlich einer der Favoriten in diesem Turnier sein sollte. Ich glaube, viele unterschätzen ihn ziemlich deutlich.

Ian Nepomniachtchi hat ihn als Geheimtipp bezeichnet. Würdest du dem zustimmen?

Ich sehe ihn nicht als Favoriten, aber als einen der möglichen Anwärter. Es gibt viele Spieler, die dafür infrage kommen. Wenn er in guter Form ist und ein paar Siege holt, kann er sehr leicht ein sehr ernster Kandidat für Platz eins werden. Wir werden sehen. Ich spiele schon in der ersten Runde gegen ihn, also schauen wir mal, wie die Partie läuft. Vor dem Start weiß man es nie genau.

Wen würdest du sonst als Topanwärter sehen? Gibt es vielleicht noch jemanden, der unterschätzt wird?

Im Grunde hat jeder außer mir und Esipenko mehr oder weniger ernsthafte Chancen. Nicht, dass wir gar keine hätten, aber wir sind eben klar niedriger gewertet. Deshalb würde ich sagen, der Rest hat bessere Chancen. Und selbst da ist es sehr schwer, jemanden herauszuheben. Viel hängt davon ab, wie das Turnier für jeden läuft.

Du ziehst Esipenko mit in die Außenseiterrolle.

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Das will ich eigentlich gar nicht. Also nehme ich allein diese Rolle ein und sage: Ich bin der Außenseiter. Im Ernst: Alle anderen sind 2740 oder höher, also haben sie alle ernsthafte Chancen.

Seit 2014 ist Fabiano Caruana fester Bestandteil der Kandidatenturniere. Einmal hat er gewonnen, zweimal ist er Zweiter geworden.

Caruana ist auf dem Toplevel sehr konstant. Dies ist schon sein sechstes Kandidatenturnier.

Von jemandem wie ihm erwartet man, dass er am Ende in den Top drei landet. Aber Erster zu werden, ist eben noch einmal etwas anderes. Um Erster zu werden, braucht man auch Glück, die nötigen Siege zum richtigen Zeitpunkt. Und man muss in den letzten Runden mit dem Druck umgehen können, wenn es sehr angespannt wird.

Wie schätzt du Hikaru Nakamura ein? Seine letzte klassische Partie gegen absolute Weltklassespieler liegt schon eine Weile zurück. Ist er vielleicht im Moment etwas überschätzt oder eingerostet?

Die Leute dachten schon vor einigen Jahren, dass er eingerostet ist, als er während Corona fast nur gestreamt hat. Dann kam er zurück und hat im klassischen Schach alle besiegt und herausragend gespielt. Seine 2800 hat Nakamura klar verdient. Trotzdem lässt sich nicht vorhersagen, wie er in diesem Turnier spielen wird. Er ist offensichtlich ein wahnsinnig starker Spieler, aber wir wissen nicht, in welcher Form er sein wird. Wenn er gut startet, kann er das Turnier genauso gut gewinnen wie im Grunde jeder andere.

Beim Kandidatenturnier 2022 in Madrid gelang es Hikaru Nakamura in der achten Runde, Fabiano Caruana niederzuringen.

Kennst du das „Great Blübaum Sweep“-Meme?

Ich weiß gar nicht, wer damit angefangen hat. Ich nehme das einfach mit Humor. Es ist ganz lustig. Ich glaube nicht, dass das wahrscheinlichste Ergebnis ist, dass ich 14 aus 14 hole, aber ich werde mein Bestes geben, um die Fans glücklich zu machen.

Wenn du die erste Partie gewinnst, werden die Leute wahrscheinlich schon völlig durchdrehen.

Ja, wenn ich die erste Partie gewinne und mit 1 aus 1 starte, dann werden die Leute sofort verrückt und sagen, die Chancen sind noch da.

https://twitter.com/chesscom/status/2035355837359587505

Das Meme entstand, nachdem jemand die Bilanzen aller Teilnehmer untereinander verglichen hat und du die beste hattest. Aber du bist Mathematiker, also muss ich dir nichts über Stichprobengröße erklären.

Die Stichprobe ist nicht besonders groß. Natürlich ist es schön, da ordentlich dazustehen. Ich glaube, unter den Teilnehmern habe ich nur gegen Sindarov verloren. Ich habe gegen Praggnanandhaa beim Grand Swiss gewonnen, und Esipenko habe ich geschlagen, als er noch ein Kind war. Da habe ich meine Chancen eben früh genutzt. Ansonsten gab es viele Remis. Aber ganz ehrlich sagt diese Statistik überhaupt nichts. Sie ist einfach nur lustig anzuschauen. Hoffentlich kann ich den Score noch verbessern, aber es wird natürlich sehr schwer.

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