Der russische Schachverband muss binnen 90 Tagen alle Schachaktivitäten in den von Russland kontrollierten ukrainischen Gebieten einstellen. Andernfalls wird er bei der FIDE für bis zu drei Jahre suspendiert. Das besagt eine Entscheidung des Court of Arbitration for Sport (CAS). Das Gericht hat in einem vom ukrainischen Verband angestrengten Berufungsverfahren die Sanktionen der FIDE gegen den russischen Verband geprüft.
Der Konflikt begann im September 2023 mit einer Beschwerde bei der Ethikkommission der FIDE. Die stellte im Juni 2024 fest, dass der russische Verband gegen die Regeln verstößt, weil er in Regionen tätig ist, die als Teil der Ukraine gelten. Die Kommission verhängte eine bedingte Sperre. Später reduzierte die FIDE-Berufungskammer die Strafe deutlich. Sie ersetzte die Suspendierung durch eine Geldstrafe von 45.000 Euro.
Der CAS hält diese Strafe für nicht angebracht. Eine finanzielle Sanktion sei „völlig ungeeignet angesichts der Art und Schwere“ der Verstöße. Das Gericht macht deutlich, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Regelverstoß handelt. Der russische Verband habe die territoriale Integrität und Souveränität des ukrainischen Verbands verletzt. Das sei kein kleiner Verstoß, dem sich mit einer Geldbuße begegnen ließe.
Besonders deutlich fällt die Abgrenzung zur FIDE-Einschätzung aus, den herausragenden Beitrag Russlands zum Schach als mildernden Faktor zu berücksichtigen. Der CAS nennt diesen Aspekt „komplett irrelevant“. Frühere Leistungen spielen bei der Bewertung eines aktuellen Regelverstoßes keine Rolle.
Ausschlaggebend für die Entscheidung war auch das Verhalten der russischen Seite. Das Gericht hält fest, dass der Verband keine Reue gezeigt („no remorse“) und seine Aktivitäten fortgesetzt hat, obwohl die Verstöße bereits festgestellt waren. Weder habe er die FIDE konsultiert noch versucht, Lösungen für Spieler:innen in den betroffenen Regionen zu entwickeln.
Ansätze, diesen Spielern eine Wahl zwischen Verbänden zu lassen, seien ausgeblieben – naturgemäß. Schach ist für die russische Seite ein Werkzeug, um junge Menschen aus der Ukraine gezielt zu putinisieren. Seit 2014 nach der Annexion der Krim hat der russische Verband laut Beschwerde in den betroffenen Regionen tausende Veranstaltungen organisiert und mehr als 6.000 Spieler:innen unter russischer Flagge registriert, viele von ihnen Kinder. „Das ist Teil des Prozesses, die ukrainische Identität in eine russische zu verändern“, erklärte Peter Heine Nielsen jetzt gegenüber der New York Times. „Es war erschreckend zu sehen, wie viel Aktivität es in diesen besetzten Gebieten tatsächlich gab – und wie offen das geschieht“, sagt Nielsen.
Der Konflikt berührt die besondere Rolle als gesellschaftliches und politisches Instrument, die Schach in Russland nach wie vor spielt. Über Jahrzehnte wurde es staatlich gefördert und gilt als Teil nationaler Identität. Namen wie Mikhail Botwinnik oder Anatoli Karpow stehen für diese Tradition. Die Verbindung zur Politik ist bis heute sichtbar. Sergey Karjakin, einst Herausforderer im WM-Kampf, ist inzwischen Senator für die Region Krim und tritt öffentlich für den Putin-Kurs ein. Bis vor kurzem war der im Urteil erwähnte Putin-Sprecher Dmitry Peskov Teil des Kuratoriums des russischen Verbands.
Der ukrainische Verband hat Putins Schach-Machern 2024 ein eigenes Schwergewicht gegenübergestellt: Oleksandr Kamyshin, ehemaliger Eisenbahn-Chef, seit 2023 Berater des Präsidenten und eine zentrale Figur der ukrainischen Verteidigungsindustrie. Kamyshin ist nebenbei Chef des ukrainischen Schachverbands, den jetzt vor dem CAS die US-Kanzlei Covington & Burling vertrat. Deren Anwalt David Pinsky ordnet die Entscheidung des Gerichts so ein: „Die praktische Folge ist, dass die russische Föderation in den besetzten Gebieten kein Schach mehr organisieren kann. Symbolisch zeigt es, dass diese Regionen im Alltag nicht als Teil der Russischen Föderation betrachtet werden.“

Trotz der klaren Worte bleibt die Entscheidung begrenzt. Die Beschwerdeführer wollten Sanktionen gegen Dvorkovich und eine weitergehende Bewertung der Rolle der FIDE erreichen. Der CAS hat beides als unzulässig verworfen und sich auf die Sanktion gegen die russische Föderation beschränkt. Vorwürfe gegen FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich hat das CAS nicht inhaltlich geprüft. Einen Teil hielt es für unzulässig, weil er interne Angelegenheiten des russischen Verbands betraf; einen weiteren Teil, weil solche Fragen zunächst innerhalb der FIDE behandelt werden müssten.
Die Entscheidung reicht über den Schachsport hinaus, weil sie ein Grundprinzip des internationalen Sports präzisiert: Nationale Verbände dürfen ihre Zuständigkeit nicht auf Gebiete ausdehnen, die einem anderen Verband zugeordnet sind. Der CAS macht deutlich, dass ein solcher Eingriff nicht mit einer Geldstrafe abgegolten werden kann, sondern strukturelle Folgen haben muss. Laut Pinsky gilt dieser Grundsatz unabhängig von der Sportart. Er widerspricht dem erklärten Ziel Putin-Russlands, die besetzten ukrainischen Gebiete über Sport und Leibesübungen zu vereinen.
Das Urteil ergeht wenige Monate, nachdem fünf Verbände, darunter der deutsche, in einer separaten Berufung vor dem CAS die Entscheidung der FIDE auf der Generalversammlung angefochten hatten, die Rückkehr der russischen und belarussischen Nationalmannschaften zu den Wettkämpfen zuzulassen. In diesem Fall ging es laut der Beschwerde nicht um territoriale Fragen, sondern um „schwerwiegende Verfahrensunregelmäßigkeiten“. Die Klärung dieser Berufung dürfte Monate oder sogar noch länger dauern.
Zum aktuellen Urteil gibt es eine Reaktion der FIDE. Sie erklärte laut chess.com, der Verband werde die Einzelheiten sorgfältig prüfen und Rücksprache mit ihren Schweizer Rechtsberatern sowie der FIDE-Verfassungskommission halten, um die geeigneten Schritte zur Umsetzung im Einklang mit der FIDE-Satzung zu ermitteln.
So sehr man die Entscheidung des CAS auch nachvollziehen kann:
Leidtragende sind die Schachspieler/innen in den von Russland annektierten Gebieten.
Rußland darf dort nun kein Schach mehr organisieren und die Ukraine kann es in der gegenwärtigen Situation natürlich nicht.
Die World Team Championships+ Fide Counsil 2022 in Besetztes Ost Jerusalem war kein Thema. Haben die Kolonisten eigentlich Schachvereine?
https://worldteams.fide.com/