Das Kandidatenturnier könnte kurzfristig in Deutschland stattfinden. Während der anhaltenden Debatte um den Austragungsort Zypern hat der Unternehmer Wadim Rosenstein jetzt angeboten, den Wettbewerb kurzfristig nach Deutschland zu verlegen und alle Organisations- und Logistik-Kosten vollständig zu finanzieren.
Während die FIDE weiter an Zypern als Austragungsort festhält, hat mit der Inderin Humpy Koneru eine erste Spielerin gesagt, dass sie wegen Sicherheitsbedenken erwägt, auf die Teilnahme zu verzichten. In der Nacht zum 2. März hatte der Iran eine britische Militärbasis auf Zypern mit einer Drohne angegriffen und getroffen. In den Tagen danach haben das zypriotische sowie das britische Militär mindestens vier weitere Drohnen auf dem Weg nach Zypern abgefangen. Seitdem schützen EU- und NATO-Kräfte die Insel stärker denn je, insbesondere die Republik Zypern, die südlichen zwei Drittel der geteilten Insel, die seit 2004 der EU angehören.

Ein gewichtiger Faktor, der aus FIDE-Sicht für Zypern spricht, ist der kasachische FIDE-Hauptsponsor „Freedom“. Dessen Chef Timur Turlov bezeichnet Zypern als „unser Tor zu globalen Märkten“. Seit 2014 operiert von hier aus der EU-Ableger Freedom Finance Europe Ltd, frei von Sanktionsrisiken, wie sie bei internationalen Geschäften von russischen oder kasachischen Freedom-Ablegern bestehen. Die Freedom-Gruppe mit ihrem ebenfalls auf Zypern beheimateten Online-Broker „Freedom24“ ist Hauptsponsor des Kandidatenturniers.
Im Angesicht eines anhaltenden Kriegs sieht die Führung des Weltverbands bislang keinen Anlass zum Handeln. Generalsekretär Emil Sutovsky betonte gegenüber Chessbase India, er sehe „keine Gründe“ für eine Verlegung. Die Lage werde beobachtet. Rückhalt kommt von höchster sportlicher Ebene. Viswanathan Anand stellt sich im Gespräch mit indischen Medien hinter die Entscheidung. Er verweist auf die professionelle Organisation und äußert die Erwartung, dass sich die Spieler nach Beginn des Turniers auf das Geschehen am Brett konzentrieren werden.
Ob das so einfach ist, wenn draußen Drohnen und Raketen fliegen?
Genau hier setzt das Angebot von Rosenstein an. Deutschland garantiere „maximale Sicherheit und Verlässlichkeit“, die Infrastruktur sei vorhanden, die Kosten würden übernommen. Rosensteins Initiative „WR Chess“ sei bereit, „sofort zu handeln“.
Rosensteins Vorstoß kommt nicht aus dem Nichts. In den vergangenen Wochen hat er auf Twitter diverse Treffen mit führenden Kräften des internationalen Schachs dokumentiert. Gespräche mit Utut Adianto (Indonesien), Kevin Goh (Singapur), Seçkin Serpil (Türkei) und Eloi Relange (Frankreich) kreisten um Ausbau, Bildung und neue Partnerschaften. Parallel band er den nigerianischen Schachförderer Tunde Onakoya als globalen Botschafter ein, mit Fokus auf Afrika und soziale Projekte. Rosenstein und WR Chess treiben offenbar eine Strategie voran, die über einzelne Events hinausgeht: Schach soll stärker in Bildungssysteme, neue Märkte und gesellschaftliche Programme integriert werden – und global wachsen.

Parallel läuft eine zweite Debatte, die das Turnier unabhängig vom Austragungsort betrifft. Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik stellt die Qualifikation von Hikaru Nakamura infrage. Grundlage ist eine FIDE-Regel, nach der Turniere mit Topspielern mindestens 30 Tage vor Beginn registriert sein müssen.
Diese Regel war ins Blickfeld geraten, nachdem Sergey Karjakin sich mit einem Zwei-Partien-Match gegen ein Kind zurück in die Top Ten der Welt gespielt hatte. Dort blieb er nur für gut 24 Stunden. Dann strich die FIDE das Match aus der Wertung. Begründung: Es war nicht 30 Tage vorher angemeldet.
Selbiges trifft auf ein („Micky-Maus-“)Turnier zu, das für Nakamuras Qualifikation entscheidend war. Ohne die sechs Partien beim „Maritime Chess Festival“ hätte Nakamura die notwendige Mindestanzahl an gewerteten Spielen verfehlt und wäre kein WM-Kandidat geworden. Dem Reglement nach hätte es nur zählen können, wenn es kurzfristig eine explizite Genehmigung des FIDE-Präsidenten gegeben hat. Arkady Dvorkovich hat sich dazu wie generell zum Kandidatenturnier bislang nicht öffentlich geäußert.
(Titelfoto: Conrad Schormann)

