Karjakins Kindercoup: Weltmeister Gukesh aus den Top 10 gekegelt

Nachtrag, 2. März: Im Lauf des Sonntags, 1. März, hat die FIDE die Auswertung des Matches von Sergey Karjakin gegen Mikhail Markov gestrichen. Karjakin gilt damit wieder als „inaktiv“.

An jedem ersten des Monats wird auf den meisten Schachseiten sklavisch die „neue“ Weltrangliste veröffentlicht. Aktuell ist diese neue FIDE-Liste zum Monatsanfang nie. Die März-Liste 2026 etwa zeigt Vincent Keymer als Nummer vier und Gukesh als Nummer elf, was den Stand von vor einer Woche spiegelt, bevor das laufende Turnier in Prag begann.

Mit seiner Rückkehr in die FIDE-Liste als Nummer zehn der Welt hat Sergey Karjakin den Weltmeister aus den Top Ten geworfen. Hätte Vladimir Putins Propaganda-Großmeister jetzt nicht bei Moskau zwei gewertete Partien gegen ein Kind mit Elo 1549 gespielt, die März-Liste würde den Weltmeister noch als Nummer zehn ausweisen. Aber dank des Kinderschach-Stunts beim „Russian Chess Crown match“ gilt Karjakin nicht mehr als inaktiv. Seine Rückkehr hat der ehemalige WM-Herausforderer so abgepasst, dass seine 2750 Elo für Platz zehn reichen. In der Februar-Liste wäre er damit Nummer 13 gewesen.

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https://twitter.com/PHChess/status/2027801106210836736

Karjakin hatte zuletzt im Juni 2023 eine klassische Partie gespielt und galt deshalb als inaktiv. Sein Rating blieb bestehen. Die zwei neuen Partien absolvierte er im Rahmen eines Schachfestivals bei Moskau, wo er neben Exweltmeister und Parlamentarier Anatoli Karpow zu den Ehrengästen zählte.

Sein Gegner im Zwei-Partien-Match, der 2018 geborene Mikhail Markov, war bei weitem nicht stark genug, um Karjakins erklärtes Ziel zu gefährden, ein „symbolisches Ziel“, wie er es nannte: in die Weltrangliste zurückkehren. Nebenbei hat er den kleinen Mikhail um 6,4 Elo erleichtert.

Noch bevor die neue Liste erschien, verkündete Karjakin in mehreren russischen Medien seinen Coup – und erklärte, seine Schachkarriere sei nicht beendet. Er sei offen für Einladungen, wenn er unter russischer Flagge antreten könne, stellte aber klar, dass seine „politische“ Tätigkeit im Föderationsrat vorgeht. Karjakin äußerte zudem die Hoffnung, dass in diesem Jahr sein eigenes Turnier „Chess Stars“ wieder stattfinden werde.

Die „Chess Stars“ in Moskau, wo unter anderem Francisco Vallejo-Pons (Spanien) und Bibisara Assaubayeva (Kasachstan) Sergey Karjakin die Hand gereicht haben. | Foto via Chess Stars

Das sei sein Lieblingsturnier, mit starken Spielern aus Russland und der Welt. Daran wolle er unbedingt teilnehmen. Neben einer Reihe russischer Großmeister:innen haben bei diesen Veranstaltungen in Moskau schon zwei Ex-Weltmeister:innen Karjakin die Hand gereicht: der im Schweizer Exil lebende Vladimir Kramnik sowie Hou Yifan (China). Zu den internationalen Teilnehmern zählen Amin Tabatabaei (Iran), Raunak Sadhwani (Indien) und Stammgast Teimour Radjabov (Aserbaidschan).

Karjakin wurde 1990 in Simferopol auf der Krim geboren. Als Zwölfjähriger wurde er unter zweifelhaften Umständen Großmeister – damals der jüngste der Geschichte. Sein GM-Titel ist anerkannt, veranlasste aber die FIDE letztlich zu einer Regeländerung. Heute muss mindestens eine GM-Norm in einem offenen Turnier erzielt werden.

„The Dark Side of Chess“ in der New York Times erzählt die Geschichte von Karjakins GM-Titel. In diesen Tagen versucht Faustino Oro, eingeladen vom russischen Verband, beim Aeroflot-Open in Moskau den mittlerweile von Abhimanyu Mishra gehaltenen GM-Rekord zu brechen.

2009 wechselte Karjakin vom ukrainischen zum russischen Verband. In Russland erfreute sich der Schachmigrant mehr staatlicher Unterstützung als jeder andere russische Großmeister, was mit Karjakins langjähriger demonstrativer Putin-Unterstützung zusammenhängt. Als russische Truppen sich 2014 die Krim einverleibten, posierte Karjakin auf Instagram mit gerecktem Daumen in einem Putin-T-Shirt.

Kaum war die Ukraine überfallen, sandte Sergey Karjakin seinem Diktator diese Ergebenheitsadresse (englische Übersetzung).

Seit dem Überfall auf die Ukraine unterstützt Karjakin offen den Krieg und seinen Präsidenten, der ihn angezettelt hat. Regelmäßig zeigte er sich in der Nähe der Front beim „Unterstützen der Truppen“, sei es in Mariupol, im Donbass oder beim Simultan mit der Söldnertruppe Wagner in deren Hauptquartier in St. Petersburg.  Auch am Rande von Kreml-Kundgebungen war er immer wieder zu sehen.   

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Nachdem ein erster Versuch, ein Amt zu bekommen, bei der Präsidentenwahl des russischen Schachverbands gescheitert war, wurde Karjakin im September 2024 Mitglied des russischen Föderationsrates. Er vertritt die annektierte Krim, „meine Heimat“.  Am 24. Februar 2025, dem dritten Jahrestag des Überfalls, setzte die Europäische Union Karjakin in ihrem 16. Paket auf ihre Sanktionsliste.

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Thomas Richter
Thomas Richter
9 Tage zuvor

Unabhängig davon was man von Karjakin als Person und Politiker hält: dieser „Coup“ ist eine Kuriosität, nicht mehr und nicht weniger. „We are not a serious sport“ vom Twitter-Aktivisten PH Nielsen könnte man auch zu der Art sagen, wie Nakamura sich für das Kandidatenturnier qualifizierte (wobei es für ihn „Mickey Mouse-Turniere“ waren, für alle anderen ernsthafte Turniere auf ihrem Niveau). Warum man „Als Zwölfjähriger wurde er unter zweifelhaften Umständen Großmeister“ nun nochmal aufwärmen muss, anhand eines NY Times Artikel aus dem Juli 2021, erschließt sich mir nicht – auch das ist im Nachhinein eher eine Kuriosität. Zum Weltklassespieler (das war… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
7 Tage zuvor

Offizielle Begründung der FIDE nun: das Turnier oder Match war nicht 30 Tage vorab bei der FIDE gemeldet – erforderlich wenn ein Teilnehmer Elo 2700+ hat (oder eine Teilnehmerin Elo 2500+). Demnach könnte Karjakin nun in der Mai-Liste auftauchen, wenn nun ein „Turnier“ irgendwann im April rechtzeitig vorab gemeldet wird. Auf Twitter hat dann jemand mitgeteilt, dass auch eines der „Mickey Mouse-Turniere“ mit Hikaru Nakamura nicht 30 Tage vorab gemeldet war. Demnach wäre Nakamuras Eloplatz im Kandidatenturnier hinfällig, da er so 2025 keine 40 Elo-gewerteten Partien gespielt hat. Bei „Disqualifikation“ von Nakamura (zuvor wurde mal ein gewisser Sergey Karjakin disqualifiziert)… Weiterlesen »

Schachfreund
Schachfreund
9 Tage zuvor

Warum hat Karjakin eigentlich ausgerechnet gegen dieses Kind gespielt? (Mal abgesehen von der Frage, warum er überhaupt gegen ein Kind Wertungspartien spielt.) Sicher, Elo 1549 sind für einen Achtjährigen so ganz gut, aber auch nicht herausragend. In meinem Verein haben wird das auch. „Unser“ Achtjähriger hat sogar noch ein paar Elo-Punkte mehr.

Wenn Karjakin wenigstens gegen ein „Supertalent“ gespielt hätte, dann hätte die Aktion (Wertungspartien gegen ein kleines Kind) im Rahmen eines Schachfestivals wenigstens einigermaßen Sinn gemacht.

Ansonsten: Ohne Worte. Zur Person Karjakin ist im Grunde genommen alles gesagt.

Oliver Dunne
Oliver Dunne
7 Tage zuvor

Nachrichten über Sergey Karjakin finde ich alle irgendwie deprimierend.

Georg Adelberger
Georg Adelberger
9 Tage zuvor

Woher hast Du die 6.4 Punkte, die der Kleine verliert? Das kann ich fast nicht glauben, bei einer ELO-Diff von 800 ist die Erwartung Null. Selbst mit einem 40er Faktor verliert man da nicht so viel. Auf 2700chess ist Karjakin weiter nicht gelistet, kann mich daher nicht selbst vergewissern, da müsste für ihn ja auch ein entsprechendes Plus gelistet sein, oder zumindest ein +1,6.

Zuletzt bearbeitet am 9 Tage zuvor von Georg Adelberger
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