Wenn man schon beisammensitzt, sollte es dann nicht möglich sein, die Gelegenheit zu nutzen, um über etwas abzustimmen? In den Gremien des Deutschen Schachbunds und vor dem Hintergrund der dort zu berücksichtigenden Regularien ist das jedenfalls nicht so einfach. Im Gespräch mit dieser Seite beschreibt Michael S. Langer, wie es im Oktober 2025 beim DSB-Hauptausschuss in Hofgeismar nicht zu einer Abstimmung kam.
Seinerzeit hatte sich in einer vergifteten Atmosphäre offenbart, dass es so nicht weitergeht, aber ob sich das einer Mehrheit offenbart hatte, war nicht ganz klar. Und nicht herauszufinden. Einige Stunden und 20.000 Euro Sitzungskosten später gingen alle Beteiligten auseinander, ohne einen Fahrplan für alles Weitere entwickelt zu haben. Wenig später war Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbands, Teil des Treffens einer kleineren Gruppe in Berlin, wo er das Ziel verfolgte, DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach zu einem möglichst baldigen Rückzug zu bewegen. Als gescheitert empfindet Langer dieses Treffen nicht. Man habe einen Kompromiss erzielt.
Nun ist DSB-Finanzchef Alexander von Gleich zurückgetreten. Als Folge davon haben statt des angebahnten neuerlichen Hauptausschusses im Mai einige DSB-Mitgliedsverbände einen außerordentlichen Kongress beantragt. Beim 14. Kongress in 12 Jahren soll eine gewichtige und von allen Formalitäten gedeckte Abstimmung auf der Tagesordnung stehen: Wahl eines Präsidiums. Über den Tagesordnungspunkten steht Monate später unverändert die Frage, wie es weitergehen soll. Und ob es an der Spitze unseres Verbands eigentlich so sein muss, wie es seit Bestehen dieser Seite ist und mutmaßlich davor schon war.
Michael S. Langer im Gespräch:
Michael, der Ehemann unserer Präsidentin wirft dir vor, „Propaganda“ zu betreiben.
Ich finde, dass seine Frau einen schlechten Job macht. Nicht mehr, nicht weniger.
Als Finanzchef Alexander von Gleich zurücktrat, hast du gesagt, jetzt sei der Einzige gegangen, der vertrauensvoll mit Geld umgeht. Was sollen alle anderen davon halten, von den Referent:innen mit ihrem Etat über den Gipfel-Organisationschef bis zum Geschäftsführer?
Ich habe die Vier im Präsidium vor Augen gehabt, die die Gesamtverantwortung für unseren Verband tragen. Meine Aussage richtete sich an die anderen Präsidiumsmitglieder, nicht gegen die ganze Welt.
Das Gesicht der Sanierung eines ruinierten Verbands ist nicht Alexander von Gleich. Offensichtlich ist Ingrid Lauterbach vertrauensvoll mit Geld umgegangen…
…nachdem der Kongress zwei Beitragserhöhungen beschlossen hatte. Gib mir pro Jahr 300.000 Euro extra, dann saniere ich dir fast jeden Haushalt.
„Vertrauenskrise“ hast du mehrfach gesagt. Wer vertraut wem nicht und warum? Aus dem Lauterbach-Lager heißt es, sie werde wegen Nichtigkeiten angegriffen. Es ist sogar zu hören, die Funktionäre könnten nicht mit einer starken Frau umgehen.
Worauf sich der Bruch begründet, kann doch jeder sehen. Die vielen Leute im Haupt- und Ehrenamt, die seit ihrer Amtsübernahme hingeschmissen haben, die offenen Briefe, der Widerstand, der an diversen Stellen ausbricht. Ich habe erlebt, wie in Neuwied unser Finanzchef auf offener Bühne von seiner Präsidentin demontiert wurde. Jetzt erlebe ich seinen Nachfolger, der in wichtige Grundsatzentscheidungen nicht einbezogen wird und aufhört. Die Geschäftsführerin, die unter Umständen entlassen wurde, die mit „Tollhaus“ freundlich umschrieben sind. Die Frauenreferentin, die jedes Kleinstthema in Kongresse und Hauptausschüsse bringt, weil Kooperation mit dem Präsidium nicht möglich ist. Die Senioren auf den Barrikaden. Und, und, und.

Spätestens der Hauptausschuss im Oktober 2025 in Hofgeismar war der Knackpunkt.
„Vertane Chance“ habe ich dazu in mehreren Interviews gesagt. Die fehlende Bereitschaft, sich einem Votum zu stellen, sehe ich als ultimativen Schlussstrich unter vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das hat dann zum Antrag von anfangs fünf und schließlich noch ein paar mehr Verbänden geführt, einen außerordentlichen Kongress zu veranstalten. Ich will gar nicht verhehlen, dass dieser Antrag auch aus der Emotion heraus entstanden ist – und aus dem Gedanken, dass wir auf dem Weg zum außerordentlichen Kongress schon eine Lösung finden werden.
Warum sich auf einen Weg begeben, den keiner sehen kann? Wenn es jetzt nicht mehr geht, musst du die Sache jetzt regeln. Nicht in ein paar Monaten einen Kongress veranstalten, und niemand weiß, was bis dahin passiert.
Alexander von Gleich hat ja eine Abstimmung herbeiführen wollen, um Klarheit zu bekommen. Das wurde aus formalen Gründen abgelehnt. Dann erst kam es zum Kongress-Antrag.
Willkommen in der Schachverwaltung. Sogar Sitzungsleiter Klaus Deventer sagt, eine solche Abstimmung wäre möglich gewesen. Es hätten genug Geschäftsordnungsfachleute teilgenommen, um das zu klären.
Das finde ich fast schon lächerlich. Als Sitzungsleiter kannst du so eine Versammlung steuern, proaktiv Wege aufzeigen. Klaus Deventer hat nichts aufgezeigt, er hat sich vehement dagegen gewehrt. Natürlich haben einzelne Vertreter der Landesverbände versucht, zu einer Abstimmung und zu Klarheit zu kommen. Der Versammlungsleiter und passiv unterstützend drei Präsidiumsmitglieder haben alles dafür getan, dass es nicht passiert.
Dann habt ihr euch in Berlin getroffen, und es kam wieder eine für Monate unklare Gemengelage heraus. Da habt ihr euch verzockt.
Manchmal hast du einfach keine Ahnung.
Das höre ich gelegentlich. Und am Ende ist es meistens so, wie es hier steht.
Vielleicht hat dir niemand erklärt, dass das Berliner Ergebnis ein Kompromiss ist. Damit haben wir ein Szenario aus dem Weg geräumt, das es im deutschen Schach meines Wissens nie gegeben hat: ein Misstrauensvotum. Ich empfinde Respekt davor, dass sich Ingrid Lauterbach dieser unangenehmen Situation gestellt hat; eine Verhandlung mit Menschen, die sie abwählen wollen. Dafür hat sie meine Anerkennung. In Berlin sind zwei gegensätzliche Vorstellungen aufeinandergeprallt: Die eine Seite möchte dauerhaft oder zumindest möglichst lange im Amt bleiben, die andere möchte es idealerweise sofort beenden. Und dann verhandelt man so lange, bis es ein Ergebnis gibt, von dem alle Beteiligten glauben, dass es funktioniert. Wie eine Tarifverhandlung.
Am Ende einer Tarifverhandlung ist klar, wie es weitergeht. Du hast für einen definierten Zeitraum etwas Belastbares in der Hand. Hier hat sich schnell gezeigt, dass es nur ein Datum gab, aber keine Vereinbarung für den Zeitraum bis dahin. Es ging weiter wie vorher.
Das sagt nach meinem Empfinden mehr über Ingrid Lauterbach aus als über das Ergebnis. Wenn ich wüsste, dass ich nicht mehr gewollt bin, und wenn ich einen Zeitpunkt angekündigt habe, zu dem ich abtrete, dann ändere ich bis dahin mein Führungsverhalten. Dann mische ich mich nicht mehr in Planungen für nach meiner Zeit ein und lege einen Fokus darauf, einen ordentlichen Übergang zu organisieren. Diese Erwartungshaltung hatte ich, und die habe ich immer noch.
Hast du diese Erwartung in Berlin kommuniziert?
Wir haben über das Gespräch Stillschweigen vereinbart. Sie hat sich bereiterklärt, das Amt zu räumen. Wer diesen Schritt geht und im Sinne des DSB denkt, will eine Nachfolge nicht nur ermöglichen, sondern möglichst konstruktiv gestalten.
Aus Alexander von Gleichs Rückzug lässt sich schließen, dass „konstruktiv Übergang gestalten“ nicht passiert ist. Und in Ermangelung eines verlässlichen Fahrplans taucht plötzlich wieder ein außerordentlicher Kongress im Mai auf.
Den brauchen wir jetzt. Der Einzige, der breites Vertrauen genießt, der verlässlich mit Zahlen umgeht und wirtschaftlich verantwortlich agiert, wird zum 31. März abtreten und erklärt, er kann in der bestehenden Konstellation nicht weiterarbeiten. Und das ist derjenige, der die Pleite aufgearbeitet, die Sanierung verantwortet und erste Reformen angestoßen hat. Wir können doch nicht vom 1. April bis in den August ohne Finanzer weitermachen. Nebenbei, es fehlt jetzt auch der stellvertretende Präsident. Das allein ist Krise genug, um einen Kongress zu veranstalten, der eine geordnete Führung unseres Verbands sicherstellt.
Gab es eine geordnete Führung jemals? Neue Leute gelten als Hoffnungsträger, dann dauert es nicht lange, und es geht den Bach runter. Ist vielleicht am System etwas kaputt und weniger an den Leuten? Oder macht das System etwas mit den Leuten?
Das System ist ein Faktor. Der gesamte organisierte Sport in Deutschland basiert auf Regeln aus den 80er-, 90er-Jahren. Wir tun aktuell nichts anderes, als zu hoffen, dass wir mit denselben Mechanismen künftig erfolgreich arbeiten können. Sicher ist, es wird nicht nur im Schach immer schwieriger, einen Verband in dieser Größenordnung, ehrenamtlich zu führen. Das wird sich immer wieder bemerkbar machen. Insofern erwarte ich nicht, dass nach einem Wechsel blühende Landschaften entstehen. Was ich mir verspreche, ist, dass wir zu mindestens diesem gemeinsamen Nenner zurückfinden: Dinge miteinander besprechen, kommunizieren, transparent und verlässlich agieren.
Das alte Thema Ehrenamt versus Profession war vielleicht bei einem Präsidenten mit großem Namen relevant, der als repräsentativer Grußonkel funktionierte, aber operativ nicht mitarbeitet. Da fehlte im Hintergrund jemand, der es beruflich macht. Im Fall einer Präsidentin im Vorruhestand, die 70 Stunden die Woche für den DSB arbeitet, ist „Ehrenamt“ nicht das Problem. Aber würde jetzt ein Banker mit mehreren Jobs im Ausland gewählt, wäre es wieder eines. Eigentlich müssten an der DSB-Spitze flexible Konstellationen möglich sein, je nach Lebenssituation der Gewählten. Die Schachverwaltungsvorstellung, alles genau regeln zu können, und dass wir exakt vier ehrenamtliche Präsidiumsmitglieder und einen Geschäftsführer brauchen, ist sicher falsch.
Ehrenamt versus Hauptamt würde ich nicht gegeneinander ausspielen oder als Gegensätze sehen wollen. Eine verlässliche Definition für Rollen, Aufgaben und Zusammenarbeit ist notwendig. Sicher ist, am Ende brauchen wir an der Spitze jemanden mit einem ganzheitlichen professionellen Zugang. So jemanden haben wir gerade nicht.
Wer soll es machen?
Den Namen des Kandidaten habe ich schon vor längerer Zeit gespoilert.
Nicht nur du. Aber dann kam es anders.
Er ist trotzdem der offensichtliche Kandidat. Wenn er diese Aufgabe angehen will, muss er sich jetzt eine Mannschaft zusammenstellen.
Dem Rücktrittsschreiben entnehme ich, dass er es sich nicht mehr antun will. Und ich nehme an, dass er keine Zeit hat für all die Nebenkriegsschauplätze, die kein Mensch braucht.
In dieser Konstellation will er das nicht mehr. Das habe ich herausgelesen. Der Rücktritt von einem Amt bedeutet nicht, dass man nicht für ein anderes kandidieren kann.
Was die DSB-Präsidentin nun vorträgt (siehe DSB-Meldung Bundeskongress vom 04.03.2026), verfehlt den eigentlichen Kern der Debatte. Niemand hat gefordert, den Bundeskongress um jeden Preis an einem bestimmten Datum durchzusetzen. Es ging ausschließlich darum, die Durchführung von zwei Bundesversammlungen innerhalb weniger Monate zu vermeiden – aus naheliegenden organisatorischen und finanziellen Gründen. Diese Argumente lagen auf dem Tisch und wurden nachvollziehbar begründet. Trotzdem hat man sich sehenden Auges für die teurere und aufwendigere Variante entschieden. Das ist kein Missverständnis, sondern eine bewusste Entscheidung – gegen Wirtschaftlichkeit und gegen das Signal der Sparsamkeit gegenüber den Mitgliedern. Damit bewegt sich die Amtsführung leider auf… Weiterlesen »
Die erste Aufgabe einer Präsidentin ist es Bedingungen zu schaffen, dass Haupt- und Ehrenamtliche gerne für die gemeinsame Sache arbeiten. Sie sollte bei Streitigkeiten vermitteln und bei Konflikten Lösungen finden. Eine Präsidentin, die bei vielen Konflikten Partei ist, verkennt die Hauptaufgabe eines solchen Amtes.
Herr Langer wird oft als „Schach-Politiker“ bezeichnet. Das ist insofern zutreffend, als dass er genau wie ein Politiker ein sehr selektives Erinnerungsvermögen besitzt. Der Deutsche Schachbund musste schon einmal monatelang ohne den Vizepräsidenten Finanzen und den Stellvertreter des Präsidenten auskommen, nachdem Herr Langer Anfang 2015 diese beiden Ämter niedergelegt hatte. Ein Misstrauensvotum gab es übrigens auch schon einmal, und zwar im Sommer 2020, als Herr Langer einen Antrag auf Abwahl des Vizepräsidenten Verbandsentwicklung eingebracht hatte, der dann allerdings nicht behandelt wurde. Unabhängig davon stimme ich ihm zu: Alexander von Gleich ist im Vergleich zu Ingrid Lauterbach die deutlich bessere Wahl… Weiterlesen »
„…nachdem der Kongress zwei Beitragserhöhungen beschlossen hatte. “
Wie viel Geld fließt denn jetzt pro aktivem Mitglied und Jahr an den Deutschen Schachbund? Ich habe anscheinend den Überblick verloren.