Wachtebeke und Wijk, beides fängt mit W an, beides liegt an der Nordsee und nicht weit voneinander entfernt. Wer in Wijk die Autobahn 4 hinunterfährt, an Antwerpen vorbei, kommt zwei Stunden später kurz hinter der belgischen Grenze in der 8.000-Einwohner-Gemeinde Wachtebeke an (die seit gut einem Jahr kein eigenständiger Ort mehr ist). Hier sitzt Christian Glöckler wieder am Brett.

Kein Weltklasseumfeld wie bei seinem 2850-Fabelturnier im De Moriaan, kein Rampenlicht, keine Sponsorenlogos, keine 2700er. Gespielt wird im Lyceum, in einer nüchternen Halle mit Bühne und Neonlicht. Rote Tischdecken auf einfachen Tischen, die Bretter dicht an dicht. Vereinsrealität. „Schaakclub De Pluspion Wachtebeke“ heißt der örtliche Club. Ein Dorfclub, ja, aber ambitioniert, mit einem gefüllten Veranstaltungskalender und intensiver Jugendarbeit.

In den 2010ern hat einige Jahre lang der deutsche FM Ufuk Tuncer das erste Brett in Wachtebeke besetzt. 2022 hat Wachtebeke Europapokal gespielt. Die Belgier landeten auf Rang 42 unter 70 Teams, 10 Plätze vor Bundesligist SF Berlin. Heute ziert mit dem Spanier Jaime Santos Latasa ein 2600er die Vereinsrangliste, in der sich auf Rang 24 die einstige U16-Weltmeisterin Annmarie Mütsch findet, die jetzt unter belgischer Flagge spielt.
Jedes Jahr während der Krokusvakantie (Krokusferien) läuft hier ein kleines Winter-Schachfestival, kurz bevor andere Blumen als der frostresistente Krokus sprießen können: Open, Seniorenturnier, Blitz und so weiter. Zur zehnten Auflage in diesem Jahr gibt es erstmals ein internationales GM-Turnier. Zumindest heißt es so. Im zehnköpfigen Teilnehmerfeld finden sich genau drei Großmeister. Das ist wichtig für die anderen sechs Spieler, denn drei GM unter den Gegnern sind Bedingung, um GM-Normen erzielen zu können.
Deswegen ist Christian Glöckler da. Und nicht nur der. Auch den fast gleichalten Hussain Besou interessieren in Wachtebeke weniger die Krokusse und die nahe Nordsee. Die beiden deutschen Ausnahmetalente des Jahrgangs 2011 haben ihren IM-Titel geschafft, und nun soll die Reise in den Fußstapfen der beiden Ausnahmetalente des Jahrgangs 2008 weitergehen. Leonardo Costa und Marius Deuer sind seit kurzem das, was Glöckler und Besou möglichst bald werden wollen: Großmeister (inoffiziell zumindest. Alle Bedingungen sind erfüllt, aber dem Vernehmen nach ist Besous und Deuers letzte Norm noch nicht bei der FIDE eingereicht.)
Glöckler machte zum Auftakt in Wachtebeke da weiter, wo er in Wijk aufgehört hatte. Sieg gegen IM Aaron Alonso Garcia. Auch Besou startete stark – und strauchelte:

Die Auslosung wollte es, dass die beiden Deutschen in der zweiten Runde aufeinandertreffen. Beide hatten ihre Vorbereitungsarbeit gemacht. Es entwickelte sich ein länger als 20 Züge währendes Theorieduell im Najdorf-Sizilianer. Und es passierte dieses (Zeitverbrauch beachten):
Nach 8,5/9 in Wijk hatte es Christian Glöckler erwischt. Fortan trennten sich die Wege. Hussain Besou gewann die nächsten drei Partien und führte nach vier Runden mit drei Punkten das Feld an, während bei Glöckler 1,5 Zähler zu Buche standen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags läuft in Wachtebeke die fünfte Runde. Für eine GM-Norm sind sieben Punkte aus neun Partien erforderlich.
(Titelfoto (Montage): Lennart Ootes/Tata Steel Chess, Dariusz Gorzinski/Dortmunder Schachtage)