Netflix hat am Freitag, 6. Februar, die in der Schachszene seit Wochen herbeigesehnte Dokumentation „Queen of Chess“ veröffentlicht. Mehr als 300 Millionen Netflix-Abonnenten können den 94-minütigen Film über Judit Polgár jetzt sehen. Er rückt eine der außergewöhnlichsten Karrieren der Schachgeschichte ins Zentrum – und zielt ausdrücklich auf ein Publikum weit über die Szene hinaus.
Seine Weltpremiere feierte der Film bereits am 27. Januar beim Sundance Film Festival, dem größten Filmfestival der USA. Regie führte die mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilmerin Rory Kennedy. Chess.com-Redakteur Tarjei Svensen hat das Werk bereits gesehen und darüber geschrieben.

„Queen of Chess“ verbindet umfangreiches Archivmaterial aus bekannten Turnieren – darunter die Schacholympiade 1988 in Thessaloniki, die Ungarische Meisterschaft 1991 und Linares 1994 – mit privaten Familienaufnahmen und aktuellen Interviews. So entsteht ein dichtes Porträt, das sportliche Höhepunkte und persönliche Hintergründe eng miteinander verknüpft.
Der Film zeichnet Polgárs Weg aus dem kommunistischen Ungarn nach. Schon als Kind galt sie als Ausnahmetalent, gefördert von ihrem Vater László Polgár, der mit einem radikalen Erziehungskonzept beweisen wollte, dass Genies gemacht werden können. 1989, mit zwölf Jahren, war Polgár die bestbewertete Spielerin der Welt. Mit 15 Jahren brach sie den Rekord von Bobby Fischer und wurde die jüngste Großmeisterin der Schachgeschichte. Später folgte der bis heute einzigartige Schritt: Polgár schaffte es als erste und einzige Frau in die Top 10 der Weltrangliste und ins Kandidatenturnier.
Regisseurin Kennedy formuliert den Anspruch klar: Es gehe um eine wahre Geschichte über Durchhaltevermögen, Entschlossenheit und das Brechen von Barrieren. Auch Menschen ohne Schachkenntnisse sollen angesprochen werden. Der Film wolle Hoffnung vermitteln in einer Zeit, die vielen düster erscheine.
Zu Wort kommen Polgár selbst, ihre Eltern László Polgár und Klara Polgár, ihre Schwestern Susan Polgár und Sofia Polgár sowie ihr Ehemann Gusztáv Font. Ergänzt wird das durch Einschätzungen aus der Schachöffentlichkeit, unter anderem von Maurice Ashley, Jovanka Houska, Anna Rudolf und Dirk Jan ten Geuzendam.
Eine zentrale Rolle spielt Garri Kasparow. Der Film verfolgt ihre Begegnungen über Jahre hinweg, beginnend mit Linares 1994, als Polgár mit 17 Jahren erstmals beim spanischen Superturnier antrat. Ausführlich greift der Film die J’adoube-Kontroverse dieser Partie auf. Die Kamera hielt damals fest, wie Kasparow einen Zug zurücknahm – ein Vorfall, der bis heute nachhallt. Die Partie Polgár-Kasparow, Linares 1994, ging für Polgar verloren, wurde aber zum Symbol für Machtfragen, Ungleichbehandlung und Geschlechterrollen im Spitzenschach.
Der Start des Films erfolgt fünf Jahre nach dem weltweiten Boom durch The Queen’s Gambit. Damals stiegen Anmeldungen bei Chess.com sprunghaft an, der Verkauf von Schachbrettern explodierte, und Schach erreichte ein Massenpublikum. Ein Effekt dieser Größenordnung wird für „Queen of Chess“ nicht erwartet – doch der Film erscheint in einer Phase, in der das Schachpublikum breiter ist als je zuvor.
Die ersten Reaktionen fallen größtenteils wohlwollend aus. Die New York Times liest „Queen of Chess“ als klassisch erzählte Sportgeschichte mit politischer und gesellschaftlicher Tiefenschärfe. Die Dokumentation mache deutlich, wie sehr Polgárs Erfolg auch ein Sieg über offenen Sexismus war. Die Rezension erinnert an das damalige Klima, in dem selbst Bobby Fischer Frauen öffentlich abwertete, und stelle Polgárs Rekord als jüngste Großmeisterin in diesen Kontext. Über Archivmaterial und Gespräche mit Familie und Schachwelt entfalte der Film eine Chronik, in der sportliche Triumphe, familiäre Disziplin und politische Hürden eng ineinandergreifen.
Kritisch und doch zugewandt urteilt die Zeitung über die Machart: konventionell, aber effektiv. Schach bleibe auf der Leinwand schwer vermittelbar – viel Sitzen, viel Starren –, doch Kennedy löse das Problem, indem sie das Spiel konsequent mit der Welt außerhalb des Brettes verknüpft. „Queen of Chess“ sei weniger ein Film über Züge und Varianten, sondern Porträt einer Athletin, deren Karriere untrennbar mit geopolitischem Wandel und verschobenen Geschlechterrollen verbunden ist – und gerade dadurch Spannung gewinnt.
RogerEbert.com vergab 3 von 4 Sternen und schrieb, der Film gebe einer Champion „die verdiente Anerkennung“. Collider bewertete ihn mit 7/10, lobte die Zugänglichkeit und Polgárs Präsenz vor der Kamera. Kritischer äußerte sich ScreenRant, das den Film als „sehr Netflix-typisch“ bezeichnete und eine tiefere Auseinandersetzung mit der Diskriminierung vermisste, die Polgar erfahren hat.