Kleiner Mann ganz groß, Challengers 2027! Eine Runde vor Schluss hat Christian Glöckler sich in der Top-Amateurgruppe von Wijk aan Zee den Turniersieg gesichert und damit die Qualifikation für das Challengers im nächsten Jahr. Sollte er das auch gewinnen, hätte er sich im Wijk-Turniersystem aus eigener Kraft durch alle Nadelöhre bis nach ganz oben zu den Keymers und Blübaums gekämpft.

Aber so weit sind wir noch nicht. Morgen ist erst einmal die letzte Partie der 2026er-Auflage zu spielen. Bislang war es eine fabelhafte Leistung, die nach sechs Siegen zum Start die Frage aufwarf, ob der 14-Jährige vielleicht mit 9 Punkten aus 9 Partien durchmarschiert. Vorgestern fabulierten vermeintliche Fachleute sogar von einer angeblichen 3200-Performance, die er gespielt habe. Das war natürlich Blödsinn. So lange du bei 100 Prozent stehst, ist das Performance-Ausrechnen sinnlos.

Insofern war es nicht nur für seine Gegnerin Machteld van Foreest, auch für den Rechenschieber ein Segen, dass Christian in der siebten Runde einen halben Zähler gelassen hat. Nach dem Sieg in der achten Runde können wir jetzt seriös bestimmen, wie seine 7,5 Punkte aus 8 Partien einzuschätzen sind: Performance, wait for it, 2852! Boah! Mit anderen Worten: Würde Christian immer so spielen wie jetzt in Wijk an Zee, wäre er die Nummer eins der Welt.
Aber so weit sind wir erst recht noch nicht. Christian ist aktuell unter den besten 10 der Welt Jahrgang 2011 und jünger. Das ist schonmal ziemlich gut, aber bis ganz nach oben wären noch viele Meilensteine abzuhaken, darunter der GM-Titel und eben das Challengers 2027. Was immer passieren mag, Christian weiß jetzt schon, früher als alle Gegenspieler:innen, dass Anfang 2027 eine tolle Herausforderung auf ihn wartet. Und kann entsprechend planen. Vielleicht ein kleiner Vorteil?
Ein Dämpfer für die Blübaumania
Ganz oben hat die Blübaumania einen kleinen Dämpfer bekommen. Nachdem er Gukesh und Giri geblübombt hatte, nebenbei die 2700-Hürde nahm, konnten wir ja nicht anders, als zu spekulieren, ob da vielleicht sogar in Sachen Turniersieg etwas geht. Der Weg dahin führt zwangsläufig über den Tabellenführer, und der saß Matthias Blübaum heute gegenüber. Als es zum ersten Mal kritisch zu werden drohte, hat sich Matthias noch grandios rausgelogen – um sich wenig später selbst eine Grube zu graben. Nodirbek Abdusattorov hat im Masters jetzt eine Runde vor Schluss einen Punkt Vorsprung. Das wird wahrscheinlich reichen.
Ganz egal, wie es morgen ausgeht, Matthias Blübaum hat in Wijk ein Riesenturnier gespielt, den anderen WM-Kandidaten Respekt eingeflößt und nebenbei einige Herzen gewonnen. Als Außenseiter gestartet, hatte er die 50 Prozent und eine Performance jenseits der 2700 schon zwei Runden vor Schluss sicher. Jetzt sind nicht nur die einheimischen Fans neugierig, wie sich dieser late bloomer aus Germany im Kreis der WM-Kandidaten schlagen wird. Und, wer weiß, vielleicht setzt er ja morgen noch eine Kirsche auf die Torte.
Vincent Keymer und die Inder
Vincent Keymer hat derweil die Hackordnung im heimischen Schach wieder hergestellt. Nach drei Siegen am Stück steht er jetzt bei 7/12, einen halben Zähler vor Matthias Blübaum. Er hat sogar ein wenig Elo gewonnen, was nicht so einfach ist, wenn du mit 2776 in ein Turnier gehst. Gigantische sechs Partien hat Vincent in Wijk gewonnen, mehr als jeder andere. Leider hat er auch vier verloren. Trotzdem kann er theoretisch sogar noch das Turnier gewinnen. Dafür müsste in der letzten Runde ein Schwarzsieg über Weltmeister Gukesh her (wie das geht, kann ihm Matthias erklären), Abdusattorov müsste verlieren und Sindarov dürfte nicht gewinnen. Dann könnten wir morgen einen Tiebreak um den Turniersieg sehen.
Drei Inder hat Vincent schon hinter sich und alle drei besiegt. Auch vor diesem Hintergrund erscheint ein voller Punkt mit Schwarz gegen den stets kompromisslosen Gukesh zumindest nicht unmöglich. Auch bei den Indern (allgemeine Diagnose: überspielt) sortiert sich gerade die Hackordnung neu. Wenn die jungen indischen Stars kollektiv weiterkriseln so wie jetzt in Wijk, fehlt nicht mehr viel, bis Indien eine neue Nummer eins hat. Das wäre dann ein alter Bekannter: Viswanathan Anand (56) steht in der Weltrangliste fünf Punkte hinter Gukesh, sieben hinter Erigaisi.

„Würde Christian immer so spielen wie jetzt in Wijk an Zee, wäre er die Nummer eins der Welt.“ Gemeint ist wohl: wenn er immer (auch gegen stärkere Gegner) _Ergebnisse_ hätte wie nun in Wijk aan Zee …. . Rein spielerisch war es trotz allem „durchwachsen“ – in einigen Partien (auch heute in Runde 8) waren durchaus drei Ergebnisse möglich. Keine Kritik, aber Tata Steel Challengers 2027 wird natürlich eine andere Kiste (wobei er sich zwischenzeitlich weiter verbessern kann). Abdusattorov hat einen _halben_ Punkt Vorsprung auf Sindarov. Diese Turniersituation vor der letzten Runde hatte er auch 2023, damals vor Giri –… Weiterlesen »
Dann müsste das ja auch die erste GM Norm für Christian sein. Wie viel Eloplus hat er denn durch dieses Turnier gemacht?