Das Schachjahr beginnt in einem Dorf an der niederländischen Nordseeküste: Wijk aan Zee. Wind, grauer Himmel, Sand zwischen den Zähnen. Was im Sommer Surfer und andere Strandurlauber anzieht, ist im Winter ein Ort, den niemand zufällig besucht. Der niederländische Großmeister und Autor Jan Hein Donner beschreibt die Atmosphäre 1969 als eine Art jährlichen Schachzirkus, der das Dorf für Wochen in Beschlag nimmt. Die Spieler werden beäugt, gelegentlich belächelt, aber akzeptiert. Am Anfang eines jeden Jahres den Schachtross zu beherbergen, ist Teil der örtlichen Identität.

Die Geschichte des Turniers beginnt 1938 in Wijk aan Zee auf dem Gelände von „Koninklijke Hoogovens“, eine Stahlfabrik. Der Wettbewerb ist damals Teil eines betrieblichen Freizeitangebots. Viele Teilnehmer stammen aus dem Werksklub; eine kleine Spitzengruppe spielt getrennt. Schach ist hier in erster Linie Gemeinschaft. Aber das regionale Hoogovens-Turnier gewinnt rasch an Bedeutung.

Dem fast in der Nachbarschaft aufgewachsenen holländischen Exweltmeister Max Euwe gelingt es in den Kriegsjahren nicht vollständig, sich den Avancen der Nazis und ihrer Schachförderung zu entziehen. Immerhin schafft er es mit Verweis auf seine Arbeit als Mathelehrer, den NS-Prestigeturnieren fernzubleiben. Am Hoogovens-Turnier etwa 20 Kilometer von seiner Haustür in Amsterdam entfernt nimmt er schon 1940 zum ersten Mal teil – und gewinnt.
1942 zieht das Turnier ins nahe Beverwijk um – und fällt im Hungerwinter 1945 aus, das einzige Mal in der Turniergeschichte. Ansonsten wird trotz Mangel und Zwang zur Improvisation zu Beginn eines jeden Jahres Schach gespielt. Am Ende des Turniers sammeln die Organisatoren, was sie bekommen können, und kochen für alle eine Erbsensuppe. Diese Suppe ist bis heute fester Bestandteil der Wijk-Tradition.

Ab 1946 wird das Turnier nach und nach größer, stärker und zunehmend international. Weltklassespieler kommen, Weltmeister auch – bis auf einen. Bobby Fischer hat nie mitgespielt. Trotzdem ist das Turnier spätestens in den 1950ern im Kalender der Schachelite verankert, ohne seinen bodenständigen Charakter zu verlieren. 1951 gewinnt mit Herman Pilnik ein gebürtiger Deutscher. Ansonsten ist es in all den Jahren nie einem Schachmeister aus Duitsland gelungen, Wijk für sich zu entscheiden.
1968 die Rückkehr nach Wijk aan Zee, wo ab 1980 das Gemeindezentrum De Moriaan zur festen Spielstätte wird. In dem funktionalen Bau sind die Welten nicht getrennt. Profis spielen wenige Meter entfernt von Amateuren, Zuschauer bewegen sich dazwischen, das Publikum ist hörbar, nicht störend, aber präsent.
Ein zentraler Bestandteil dieses Selbstverständnisses ist das durchlässige Turniersystem, das auf einer „demokratischen Idee“ basiert, wie der Journalist Peter Doggers jetzt in seinem Wijk-Podcast erklärt. Wer gewinnt, steigt auf, theoretisch von den unteren Amateurgruppen bis in die Spitze. Um schließlich im „Masters“ zu landen, „musst du nichts weiter tun, als 60 Partien am Stück zu gewinnen“, sagt Co-Host und Autor Arne Moll.
Anno 2026 hat Christian Glöckler aus Limburg an der Lahn immerhin sechs am Stück gewonnen. Das 14-jährige Ausnahmetalent ist auf dem besten Weg, die höchste Amateurgruppe für sich zu entscheiden. Damit wäre er für das „Challengers“ 2027 qualifiziert. Gewinnt er das auch, dürfte er sich 2028 im „Masters“ mit Keymer, Abdusattorov & Co. messen. Vielleicht auch mit Magnus Carlsen, dem Wijk-Rekordsieger.

„Koninklijke Hoogovens“ heißt längst nicht mehr so, ist aber Förderer des Wettbewerbs geblieben. 1999 fusionierte das Unternehmen mit dem britischen Konkurrenten „British Steel“. Der Konzern „Corus“ entstand, damals drittgrößter Stahlproduzent der Welt, und das Schach in Wijk sah plötzlich rot aus. Alles war in den Farben des Sponsors gehalten. 2007 ging Corus in den Besitz der Europa-Tochter des indischen Unternehmens „Tata Steel“ über. Seitdem heißt der Wettbewerb „Tata Steel Chess“, und aus der Turnierfarbe Rot wurde in den folgenden Jahren ein kühles Blau.

Der Stahl produzierende Sponsor ist Teil der dreckigen, giftigen lokalen Wirklichkeit. Das Werk in IJmuiden, wenige Kilometer vom Turniersaal entfernt, prägt die Region wirtschaftlich – und macht die Menschen krank und die Natur auch. Wijk aan Zee ist nie nur Schachidylle. Es ist immer auch Projektionsfläche des andauernden Konflikts zwischen Industrie, Umwelt und gesundem Leben.

1990, in der Nacht vor einer Runde, entfernen Aktivisten sämtliche weißen Könige von den Brettern im Spielsaal. Hunderte Figuren verschwinden. Später tauchen sie in den Dünen wieder auf. Diese Konfliktlinie zieht sich bis in die Gegenwart. Immer wieder gibt es Proteste gegen Emissionen, gegen Umweltbelastung, gegen die Rolle des Sponsors und dessen „Sportswashing“. 2024 blockieren Aktivisten von Extinction Rebellion zeitweise die einzige Zufahrtsstraße zum Dorf. Das Turnier reagiert mit dem, was es seit jeher auszeichnet: improvisieren, weiterspielen.
In diese Welt tritt 2004 ein 13-jähriger Norweger, der zunächst kaum auffällt. Magnus Carlsen spielt nicht in der Topgruppe, sondern in einer dritten Kategorie, am Rand des Geschehens. Keine Sonderrechte, keine Bühne, kein Zugang zu den Spitzenbrettern. „Ich geriet irgendwie in Panik und rannte gewissermaßen durch den Saal an den Tischen entlang, ohne zu wissen, was ich mit mir anfangen sollte“, erzählt Carlsen später. „Ich habe es nicht gewagt, irgendjemandem in die Augen zu schauen.“
Carlsen gewinnt damals die C-Gruppe mit einem Vorsprung von 1,5 Punkten. Vor der letzten Runde, als er den Turniersieg fast sicher hat, lässt ihn ein Schiedsrichter zu den Top-Tischen durch: „Du darfst jetzt zuschauen.“ Carlsen erzählt, ihn habe in diesem Moment eine Mischung aus Aufregung und Panik erfasst. Wenig später erlebt er einen Moment, der ihm eindrücklich in Erinnerung bleiben soll: Bei der Siegerehrung gratuliert der große Viswanathan Anand dem skandinavischen Knirps zum Sieg in der C-Gruppe. Knapp zehn Jahre später entreißt der Norweger dem Inder den WM-Titel.

Heute ist Carlsen mit acht Siegen in der A-Gruppe (die jetzt „Masters“ heißt) der Rekordhalter. 2026 fehlt er, obwohl er nach eigener Aussage „ernsthaft überlegt“ hat, seinen Hut wieder in den Ring zu werfen. Aber, so sagte er in einem Interview, „nach der Geburt meines Sohns war ich nach ein paar Wochen extrem müde.“ Eine Pause schien ihm eher angebracht als der dreiwöchige Schach-Schlauch an der holländischen Nordseeküste.