Das „grenke Freestyle Chess Open“ kehrt 2026 nach Karlsruhe zurück. Vom 2. bis 6. April wird im Karlsruher Kongresszentrum erneut das weltweit größte offene Schachturnier ausgetragen. Der Sieger des Freestyle-A-Opens qualifiziert sich für die Freestyle-Weltmeisterschaft. Magnus Carlsen und Vincent Keymer haben gemäß einer Mitteilung des ausrichtenden Schachzentrums Baden-Baden sowie von Freestyle zugesagt.
Parallel zum Freestyle-Open findet wie gewohnt das Open im traditionellen Schach statt, beide Wettbewerbe unter identischen Bedingungen, mit klassischer Bedenkzeit und der Möglichkeit, bis zur fünften Runde zwischen den Turnieren zu wechseln. Mit 215.000 Euro Preisfonds ist das Freestyle-Open hoch dotiert. 60.000 Euro und ein WM-Ticket gehen an den Sieger. Im Grenke-Open sind 70.000 Euro zu gewinnen, 20.000 für den Sieger.

Traditionell ist in der Schachszene der Beginn eines jeden Jahres vom Bangen geprägt, ob das Grenke-Festival stattfindet. Nachdem im vergangenen Jahr am 13. Februar der Daumen hoch ging, sind die Veranstalter in diesem Jahr früh dran. Am heutigen Samstag um 12 Uhr verbreiteten die Grenke- und Freestyle-Kanäle die frohe Botschaft.
Die Ankündigung des Riesenturniers fällt in eine Phase, in der sich einige Linien im Spitzenschach neu sortieren: die Haltung von Magnus Carlsen zum klassischen, traditionellen Schach, die Haltung der FIDE, die jetzt ein neues, anscheinend auf Carlsen zugeschnittenes WM-Format erfunden hat, das Verhältnis zwischen Freestyle Chess und der FIDE, dazu die Frage, ob und wie es abseits der nun jährlich geplanten WM mit Freestyle weitergeht.
Carlsen und das klassische Schach
Schon bevor er den „großen“ Weltmeistertitel abgab, hat Magnus Carlsen wiederholt betont, dass ihn traditionelles Schach mit klassischer Bedenkzeit kaum mehr reizt. 2024 spielte er nach einem Bericht von chess.com 18 gewertete Partien, 2025 noch 16.
Jetzt haben zur allgemeinen Überraschung binnen weniger Tage zwei mit klassischer Bedenkzeit gespielte Turniere Carlsens Teilnahme verkündet: Der Norweger hat sein Mitwirken am Norway Chess bestätigt, das vom 25. Mai bis 5. Juni erstmals in Oslo ausgetragen wird. Hinzu kommt seine überraschende Teilnahme am traditionsreichen, aber sportlich bislang nicht in der ersten Reihe stehenden TePe-Sigeman-Turnier in Malmö Anfang Mai.
Das Grenke-Freestyle-Open ist das dritte Turnier mit klassischer Bedenkzeit, für das Carlsen in kurzer Folge gemeldet hat, der letzte Freestyle-Wettbewerb, der dem gerecht wird, was sich die Nummer eins der Welt ursprünglich für Freestyle gewünscht hatte: Auf dem Elite-Level solle traditionelles Schach mit kürzeren Bedenkzeiten gespielt werden, während Schach960 prädestiniert für klassische Bedenkzeiten sei, so das Votum Carlsens, als Freestyle begann. Aber nachdem Vincent Keymer den Tour-Auftakt 2025 in Weissenhaus unter anderem vor Carlsen und Fabiano Caruana gewonnen hatte, wurde die Bedenkzeit bei folgenden Veranstaltungen sukzessive eingedampft.
Das Grenke-Freestyle-Turnier nimmt nicht nur als einziger klassischer Freestyle-Wettbewerb eine besondere Rolle ein, auch als einziger offener, der am Brett gespielt wird. Carlsen&Co. werden sich beim größten Schachturnier der Welt mit 3000 anderen Spielerinnen und Spielern, mehrheitlich Amateure, einen Saal teilen. Und Carlsen wird vor der Herausforderung stehen, seinen Coup des Vorjahres zu wiederholen: 9 Punkte aus 9 Partien, die sein Freestyle-Rating auf die bisherige Höchstmarke von 2923 hoben, neben Keymers Weissenhaus-Sieg und Levon Aronians Höhenflug die sportlich bemerkenswerteste Leistung des Freestyle-Premierenjahres. „Das werde ich nicht wieder schaffen, so viel ist sicher“, hat Carlsen im April 2025 zu Protokoll gegeben. Im April 2026 tritt er an, um es zumindest zu versuchen.
Freestyle und die FIDE
Nachdem Freestyle und die FIDE nun doch zueinander gefunden haben, wird das Festival 2026 das erste sein, bei dem die FIDE zumindest indirekt in Karlsruhe mit von der Partie ist. Das Freestyle-A-Open ist der erste Teil eines FIDE-Freestyle-WM-Zyklus, der erst noch entwickelt werden muss.
Den Verantwortlichen des Weltverbands wird die Freestyle-Kooperation sehr recht sein. Schon vor zwei Jahren hat die FIDE zum Auftaktturnier in Weissenhaus versucht, in Ostholstein einen Fuß in die Tür zu bekommen. Jan Henric Buettner hätte nur zugreifen müssen, das WM-Match Ding-Gukesh sowie die 960-WM der FIDE hätten Ende 2024 in Weissenhaus stattgefunden.

Stattdessen hielt er Abstand und behielt seine Unabhängigkeit, verfolgte aber durchaus den Plan, einen Freestyle-Weltmeister zu küren. Nicht zuletzt deswegen war das Verhältnis zwischen Freestyle Chess und der FIDE lange von offener Konfrontation geprägt. Carlsen forderte Arkady Dvorkovich zum Rücktritt auf, und die FIDE drohte den Spitzengroßmeistern Sanktionen an, wenn sie beim Freestyle mitspielen. Insbesondere beharrte der Weltverband darauf, dass nur er Weltmeistertitel vergeben darf – oder andere gegen eine Lizenzgebühr dazu ermächtigen. Noch im Juni erklärte Buettner gegenüber der Welt, die FIDE sei „korrupter als die FIFA“ und agiere mit „Schutzgeld-Mentalität“.
Umso bemerkenswerter ist, was Anfang 2026 folgte. Am 7. Januar unterzeichneten FIDE und Freestyle Chess einen Kooperationsvertrag. Vom 13. bis 15. Februar 2026 wird in Weissenhaus die erste „FIDE Freestyle Chess World Championship“ ausgetragen. Der Titel wird unter gemeinsamer Verantwortung vergeben. Geplant ist eine Frauen-WM Ende 2026 und Anfang 2027, wieder in Weissenhaus, die nächste Freestyle-WM. Die FIDE gibt derweil ihre zuletzt 2022 ausgetragene 960-WM auf.
WM-Standort Weissenhaus
An der WM 2026 nehmen acht Spieler teil, sechs davon qualifiziert über den privat ausgetragenen Grand Slam. Ein Platz wurde von Freestyle an Hans Niemann vergeben, einer von der FIDE an den Sieger einer kurzfristig angesetzten Online-Qualifikation. Dort setzte sich Nodirbek Abdusattorov durch. Gespielt wird nicht klassisch, sondern mit verkürzter Bedenkzeit, sodass sich binnen drei Tagen ein Champion küren lässt. Der Preisfonds beträgt 300.000 Dollar, deutlich weniger als bei einzelnen Grand-Slam-Events des Vorjahres.
Der Titelverteidiger wird nicht mitspielen. Hikaru Nakamura sagte ab. Der US-Großmeister trug in einem Stream eine Liste von Kritikpunkten vor: die kurzfristige Organisation, den reduzierten Preisfonds und die Zusammenarbeit mit der FIDE, „keine gute Entwicklung“ nach Nakamuras Einschätzung. Außerdem empfindet er es als „Schande“, dass Freestyle seit dem Weissenhaus-Turnier 2025 nicht mehr mit klassischer Bedenkzeit gespielt wird.
Allemal ist die WM-Vereinbarung mit der FIDE pragmatisch, sie befriedet den Titelstreit. Was jetzt fehlt, ist ein belastbares, verlässliches System mit einem transparenten Zyklus. Für 2027 steht mit den Grenke-Freestyle-Open der erste Qualifikationspfad fest. Nach dem Ende der Veranstaltung werden einige Spitzengroßmeister es eilig haben. Tags darauf beginnt knapp 1000 Kilometer entfernt in Katowice die Europameisterschaft 2026.
Das ist eine großartige Nachricht für das Schach in Deutschland: Karlsruhe ist erneut Gastgeber des größten Schachturniers der Welt! Stars und Amateure gemeinsam, klassisch und Freestyle – das ist attraktiv, die Marke 3000 ist wieder machbar. Dass das Kandidatenturnier zeitgleich stattfindet sehe ich eher als Plus denn als Minus – so ist das mediale Interesse bestimmt noch größer. Überschneidungen gibt es immer…
Ich hoffe neben Carlsen und Keymer auf Gukesh, Nepo, Erigaisi, Firouzja, Ding Liren, Aronian, Anand… Traut Euch 🙂
„Nach dem Ende der Veranstaltung werden einige Spitzengroßmeister es eilig haben. Tags darauf beginnt knapp 1000 Kilometer entfernt in Katowice die Europameisterschaft 2026.“ Das betrifft eher nicht „Spitzengroßmeister“, die nach Elo für den Weltcup qualifiziert sind (für andere wesentlicher Aspekt der Europameisterschaft). Aber einige sind in Karlsruhe verhindert, da sie vor, während und nach dem Turnier ca. 2500km Luftlinie entfernt eine Rolle im Kandidatenturnier haben – neben den Spieler(inne)n wohl auch Sekundanten. Auch Hilfe per Internet ist wohl nicht mit neun Turnierpartien (viermal Doppelrunden) zu kombinieren. Wenn einige deutsche GMs nicht mitspielen können wir spekulieren, ob sie vielleicht Teil des (vorhandenen… Weiterlesen »