„Habe dieses Jahr viele Chancen, mich zu beweisen“: Matthias Blübaum nach seinem Sieg über Vincent Keymer

Auf Facebook verbreitete der Account dieser Seite vor Beginn der dritten Runde: „Vincent gegen Matthias heute. Wir sind noch im ersten Viertel des Wettbewerbs, aber das kann für beide wegweisend sein. Für Vincent in dem Sinne, um den Turniersieg mitzuspielen, für Matthias in dem Sinne, die ersten drei Runden ohne Null zu überstehen und sich auf Anhieb in diese gewaltige Aufgabe reinzubeißen.“

Stellung nach 18.Kd2, bester Zug für Schwarz? Objektiv wäre hier im Sinne von Schadensbegrenzung 18.Kf1 besser gewesen (18.g3 geht nicht wegen 18…Lxg3+ nebst 19…Txe3+), aber deswegen hatte Keymer Blübaum nicht per 17.h3?! zu 17…Lh4+ eingeladen. Nun, da der weiße König offen und mittendrin steht, kam Blübaum zu dem Schluss, dass es Sinn ergibt, die Damen draufzubehalten. Sein 18…Dd8! ist klar am besten. Was folgte, war eine Demonstration.

Was für eine Fehleinschätzung, die nur zwei mögliche Resultate berücksichtigte und das dritte ausblendete. WM-Kandidat Matthias Blübaum hat im Duell der deutschen Nummer eins gegen die Nummer zwei mit den schwarzen Steinen den Turnierfavoriten Vincent Keymer besiegt. Und das überzeugend. Gegen Keymers überambitionierten Vortrag zeigte Blübaum genau die Art von präzisem Konterschach, die auch beim Kandidatenturnier seine Chance sein kann. Tatsächlich fand nach der Partie der zur Selbstgeißelung neigende Blübaum keinen Anlass zur Selbstkritik. Nebenbei erreichte er mit 2691 Punkten ein neues persönliches Elo-Hoch.

Matthias Blübaum nach der Partie bei Fiona Steil-Antoni.

Nach der Partie empfing Fiona Steil-Antoni den neuen Co-Tabellenführer in Wijk (zusammen mit vier anderen Spielern) zum Interview, in dem er auch die Partie vorführte. Das Gespräch, übersetzt und redaktionell bearbeitet:

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Matthias, Glückwunsch. Ein sehr schöner Sieg gegen deinen Landsmann Vincent Keymer. Du bist nach acht Jahren zurück in Wijk aan Zee – damals noch in der Challengers-Gruppe, jetzt im Masters. Wie fühlt sich das an?

Danke. Es ist tatsächlich lange her, acht Jahre, aber ehrlich gesagt sieht hier alles noch ziemlich gleich aus. Das Dorf wirkt unverändert: derselbe Supermarkt, dieselben Restaurants. Aber ich bin ich sehr glücklich, diesmal im Masters spielen zu dürfen.

Ist das gleich Gebliebene eher positiv oder negativ? Hast du Wijk aan Zee damals gemocht?

Damals habe ich nicht besonders gut gespielt, hatte einen sehr schlechten Start. Es war grau, windig – da macht es natürlich keinen Spaß. Dieses Mal ist es ganz anders. Jetzt genieße ich es deutlich mehr.

Du bist mit zwei Punkten aus drei Partien gestartet. Das dürfte sich gut anfühlen.

Auf jeden Fall. Und mit Schwarz gegen Vincent zu gewinnen, war ehrlich gesagt nicht unbedingt zu erwarten. Das macht es umso schöner.

Ihr seid Teamkollegen, ihr seid befreundet. Kann man so eine Partie wie jede andere angehen?

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Ich versuche es zumindest. Ich habe es immer gehasst, gegen andere deutsche Spieler zu spielen – das ist mental schwierig. Man kennt sich sehr gut, weiß viel voneinander, besonders in der Eröffnung. Das macht es kompliziert, für beide Seiten.

Wer hat heute die Eröffnung gewonnen?

Zeitlich ich. Stellungsmäßig – ehrlich gesagt keine Ahnung.

Gegen Matthias Blübaum geriet Vincent Keymer bald auf der Uhr und auf dem Brett unter Druck. Nach 33 Zügen war es vorbei. | Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess

In diesem Turnier gab es bisher auffällig viele Fehler auf sehr hohem Niveau. Hast du eine Erklärung dafür?

Ich weiß es wirklich nicht. Es ist seltsam. Das sind alles absolute Weltklassespieler, und grobe Fehler sieht man normalerweise extrem selten. Hier ist schon viel Ungewöhnliches passiert – nicht in meinen Partien bisher, aber insgesamt.

In dieser Partie hattest du deutlich mehr Zeit auf der Uhr. Wie sehr hilft das?

Sehr. Wir spielen hier ohne Inkrement bis Zug 40, und wenn man mehr Zeit hat, ist das ein riesiger Vorteil. In solchen Situationen fühlt sich das Spiel sehr angenehm an. Umgekehrt kann es natürlich brutal sein.

Das neue Zeitkontroll-Format entspricht dem des Kandidatenturniers. Ein Vorteil für dich?

Definitiv. Das macht dieses Turnier zu einer idealen Vorbereitung. Es ist keine übliche Zeitkontrolle, und jede Partie hilft, ein besseres Gefühl dafür zu bekommen.

Matthias Blübaum im großen Prä-Wijk- und -Kandidaten-Interview.

Wie empfindest du das Spielen ohne Inkrement vor Zug 40 grundsätzlich?

Wenn ich mehr Zeit habe, macht es Spaß. Wenn nicht, kann es sehr unangenehm werden. Insgesamt gefällt mir, dass man gezwungen ist, seine Zeit bewusster einzuteilen.

Das Kandidatenturnier rückt näher. Ist Wijk aan Zee dein letztes Turnier davor?

Ja. Danach werde ich mich im Februar und März komplett auf die Vorbereitung konzentrieren. Vom Umfang, vom Niveau und von der Zeitkontrolle her passt dieses Turnier sehr gut.

Hat sich seit der Qualifikation etwas für dich verändert?

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Ein bisschen mehr Medienaufmerksamkeit, mehr Einladungen zu Turnieren wie diesem, die ich sonst vielleicht nicht bekommen hätte. Das ist natürlich schön. Ich werde dieses Jahr viele Chancen haben, mich zu beweisen – und hoffe, dass ich sie nutzen kann.

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joschi
joschi
20 Tage zuvor

Im Spiel gegen Sindarov hat sich wohl keine zu nutzende Chance geboten …