„Kein Schach auf einem toten Planeten“: Extinction Rebellion blockiert Turnierauftakt in in Wijk an Zee

Umweltaktivisten von „Extinction Rebellion“ (XR) haben am Samstagvormittag den Zugang zum Tata-Steel-Turnier in Wijk an Zee blockiert. Kurz vor dem geplanten Start des traditionsreichen Turniers kippten die Demonstrierenden vor dem Haupteingang des Veranstaltungsorts De Moriaan einen Haufen Kohle ab und ketteten sich an die Türen.

Nach Angaben der Gruppe handelte es sich um 2025 Kilogramm Kohle – eine bewusst gewählte Zahl. Sie stehe für das Jahr, in dem der Stahlkonzern klimaneutral hätte sein sollen. Zusätzlich entrollten die Aktivisten ein Banner mit der Aufschrift „No Chess on a Dead Planet“.

2025 Kilogramm Kohle. | Foto via Extinction Rebellion

Der Protest richtete sich ausdrücklich gegen den Hauptsponsor des Turniers, Tata Steel Netherlands. Extinction Rebellion wirft dem Unternehmen vor, seine Rolle als einer der größten industriellen Emittenten des Landes durch das Schachturnier zu überdecken. In einer Mitteilung spricht die Gruppe von „Sportswashing“: Ein international renommiertes Sportereignis werde genutzt, um von Umwelt- und Gesundheitsfolgen der Stahlproduktion abzulenken.

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Blei, Feinstaub, Schwermetalle: Milliardenklage

Die Stahlproduktion in Wijk an Zee schädigt nachweislich die Gesundheit der gut 2.000 Einwohner des Küstenorts und der Umgebung. Studien und Messungen niederländischer Behörden weisen seit Jahren auf erhöhte Belastung der Luft und des Bodens durch Blei, Feinstaub, Schwermetalle und andere Schadstoffe hin. Nach Angaben des staatlichen Gesundheitsinstituts RIVM (Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu) ist die Lebenserwartung in der Region messbar reduziert; zugleich treten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenerkrankungen und bestimmte Krebsarten häufiger auf. Besonders umstritten ist die Bleibelastung, die nach Einschätzung von Umwelt- und Gesundheitsorganisationen ein Risiko für die Entwicklung von Kindern darstellt.

Aktuell läuft in den Niederlanden eine Milliardenklage gegen Tata Steel. Die von Bürgern gegründete Stiftung „Stichting Frisse Wind“ hat im Namen der Anwohnerinnen und Anwohner Ende 2025 beim Bezirksgericht in Haarlem eine Sammelklage eingereicht. Gefordert werden rund 1,4 Milliarden Euro Schadenersatz wegen mutmaßlicher Gesundheits- und Vermögensschäden von Anwohnern in der Region. Tata Steel bestreitet die Vorwürfe und kündigte an, sich juristisch zu verteidigen.

Klimaaktivist IM Günther Beikert.

Der Konzern reagierte am Samstag mit einem öffentlichen Appell. Man respektiere das Recht auf Protest, rief die Aktivisten jedoch dazu auf, das Schachturnier nicht zu stören. Tata Steel betonte, dass man grundsätzlich dasselbe Ziel verfolge – den Ausstieg aus fossilen Rohstoffen – sich aber über den Zeitplan uneinig sei. Der Dialog mit Aktivistengruppen solle fortgesetzt werden.

Laut Zeitplan sollten am frühen Nachmittag sowohl die Partien der Weltklasse als auch zahlreiche Amateurturniere beginnen. Extinction Rebellion erklärte, man wolle den Zugang an diesem Tag blockieren. Wenig später meldeten die Veranstalter, der Auftakt werde im Sinne der Sicherheit aller Beteiligten verschoben.

https://twitter.com/tatasteelchess/status/2012509455091372189

Extinction Rebellion ist eine 2018 in Großbritannien gegründete internationale Klimabewegung, die mit zivilem Ungehorsam auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam macht. XR organisiert sich dezentral, ohne formale Mitgliedschaft oder zentrale Führung, und setzt bewusst auf öffentlich sichtbare Störungen, um politischen und gesellschaftlichen Druck zu erzeugen. Seit 2019 ist die Bewegung mit vielen lokalen Gruppen auch in Deutschland aktiv. Inhaltlich fordert XR einen schnellen Ausstieg aus fossilen Energien, transparente politische Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und ein Ende von Imagekampagnen großer Emittenten – etwa durch Sport- oder Kultursponsoring. XR ist umstritten. Kritisiert werden Aktionsformen, die gezielt Störungen verursachen. Befürworter halten genau das für nötig, um Themen sichtbar zu machen, die sonst ignoriert würden.

Matthias Blübaum im großen Perlen-Interview vor Wijk an Zee.

Das Tata-Steel-Turnier in Wijk an Zee, oft als „Wimbledon des Schachs“ bezeichnet, findet in diesem Jahr zum 88. Mal statt und zählt zu den bedeutendsten Veranstaltungen im internationalen Turnierkalender. Gerade diese Symbolkraft macht das Turnier aus Sicht der Aktivisten zum Ziel ihres Protests. Sportlich und aus deutscher Sicht ist der Wettbewerb vor allem wegen drei Teilnehmern interessant: Vincent Keymer ist im Superturnier, dem „Masters“, als Weltranglistenvierter an eins gesetzt. WM-Kandidat Matthias Blübaum erlebt in Wijk seine sportliche Generalprobe für das Kandidatenturnier. Parallel versucht Christian Glöckler (14) im Qualifikationsturnier, sich die Teilnahmeberechtigung für das „Challengers“ 2027 zu erkämpfen.

Vincent Keymer wird als nominelle Nummer eins des Felds in das Superturnier von Wijk an Zee gehen. Eine Geständnisbox, um sich während der laufenden Partien ans Publikum zu wenden, ist dort nicht vorgesehen. | Foto: Stev Bonhage/Freestyle Chess
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Tom
Tom
22 Tage zuvor

„Tata Steel betonte, dass man grundsätzlich dasselbe Ziel verfolge – den
Ausstieg aus fossilen Rohstoffen – sich aber über den Zeitplan uneinig
sei.“

Ob „irgendwann“ ein „Zeitplan“ ist?

Stefan Link
Stefan Link
12 Tage zuvor

Was passiert wenn diese Wirrköpfe die Europäische Stahl-Chemie und Autoindustrie vertrieben haben???
Millionen Arbeitslose!
Die Wirtschaftlichen-Sozialen und Politischen Folgen werden ein Chaos.Genau das wollen sie.
Diese „Aktivisten“ sind nur skrupellose, fanatische Terroristen!