FIDE belegt iranischen Verband mit Geldstrafe: Suspendierung nach Israel-Boykott droht

Der Weltschachverband FIDE hat den iranischen Schachverband wegen eines Boykotts gegen Israel mit einer Geldstrafe belegt. Nach übereinstimmenden Berichten israelischer Medien muss der Verband bis zu 29.000 Euro zahlen, nachdem die iranische Frauen-Nationalmannschaft bei der Schacholympiade 2024 in Budapest nicht zu ihrer Begegnung gegen Israel angetreten ist. Zahlt der Verband nicht binnen 21 Tagen, droht eine einjährige Suspendierung.

Schlagzeile in der Tageszeitung Haaretz (Abo).

Die Ethik- und Disziplinarkommission der FIDE hat einstimmig entschieden (Dokument). Sie folgte einer Beschwerde des israelischen Schachverbands und wies die Verteidigung Irans zurück, die Absage sei durch höhere Gewalt verursacht worden. Die Iraner hatten geltend gemacht, wegen eines Hochwassers der Donau hätten die Frauen den Spielort nicht erreichen können. Die Kommission erkannte zwar an, dass es zu Überschwemmungen gekommen war, stellte aber fest, dass diese lokal begrenzt waren und keine andere Mannschaft an der Anreise hinderten. Die iranische Männer-Nationalmannschaft etwa war im selben Hotel untergebracht. Während die Frauen ihr Match gegen Israel platzen ließen, spielten die Männer gegen Armenien, ohne dass sie das Donau-Hochwasser beeinträchtigt hätte. Das Nichtantreten der iranischen Frauen führte zu einem kampflosen 4:0 für Israel.

Hochwasser während der Schacholympiade 2024.

Die Kommission sah einen vorsätzlichen Boykott. Der Umstand, dass der Hauptschiedsrichter vorab Hinweise auf einen möglichen Boykott erhalten hatte und am Spieltag keine formale Absage durch den iranischen Verband erfolgte, floss in die Bewertung ein. Der Verstoß wiege schwer, weil ein nationaler Verband bewusst gegen die Grundsätze der Nichtdiskriminierung verstoßen habe, heißt es in der Begründung, die die Kommission auf ihrer Website noch nicht öffentlich gemacht hat.

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Für die FIDE ist der Fall mehr als eine isolierte Disziplinarmaßnahme. Er berührt einen Konflikt, der den Weltschachverband seit Jahren begleitet. Der Iran erkennt den Staat Israel nicht an. Diese Haltung schlägt sich im Sport regelmäßig in Boykotts nieder. Während in vielen anderen Sportarten iranische Athleten offen nicht antreten und Niederlagen kampflos hinnehmen, hatte sich im Schach lange eine stillschweigende Praxis etabliert: Paarungen zwischen Iranern und Israelis wurden nach Möglichkeit vermieden. Diese Praxis steht im Widerspruch zu den Statuten der FIDE. Die FIDE-Führung unter Arkady Dvorkovich hat sie abgeschafft. Seitdem werden Iraner und Israelis regulär gegeneinander gelost – und es kommt immer wieder zu Boykotten.

Schon im Dezember 2020 hatte die FIDE das Thema auf höchster Ebene behandelt. Der Generalversammlung lag ein Antrag vor, der dem Iran mit harten Sanktionen bis hin zum Ausschluss drohte, sollten die Boykotte fortgesetzt werden. FIDE-Präsident Dvorkovich präsentierte seinerzeit einen abgeschwächten Kompromiss: keine sofortige Strafe, aber eine klare Aufforderung an den iranischen Verband, seine Spieler anzuweisen, gegen alle Nationen anzutreten. Die Botschaft lautete: Diplomatie jetzt, Konsequenzen später.

Ein Küsschen vom Ajatollah: Als IM Aryan Gholami Anfang 2019 beim Rilton-Cup eine Partie gegen einen Israeli verweigerte, war daheim der oberste Führer Ali Khamenei derart entzückt, dass er den Schachmeister einlud, um ihn zu liebkosen. (Foto: Iranische Medien)

Seitdem ist wenig passiert, was auch mit geopolitischen Verschiebungen zusammenhängt, die die Handlungsfähigkeit des Kreml-Emissärs an der FIDE-Spitze einschränken. Mit der gemeinsamen Intervention in Syrien 2015 zugunsten von Baschar al-Assad erwuchs aus den freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem iranischen und dem russischen Regime ein Bündnis. Das verstärkte sich noch mit dem russischen Überfall auf die Ukraine und den folgenden iranischen Waffenlieferungen nach Russland. Aktuell, im Angesicht einer Revolution, soll der oberste iranische Führer Ali Khamenei für den Fall eines Kollapses seines Regimes mit einigen Vertrauten die Flucht nach Moskau vorbereiten.

Auch der frühere FIDE-Vizepräsident Nigel Short spielte in diesem Komplex eine Rolle. Er hatte die iranischen Boykotte gegen Israel jahrelang lautstark öffentlich kritisiert und Sanktionen gefordert. Seitdem er als Vizepräsident Teil des Dvorkovich-Apparats geworden ist, verstummte diese Kritik zunehmend. Mittlerweile findet das Iran-Thema in Shorts öffentlichen Äußerungen gar nicht mehr statt – ein Indiz, wie sensibel und politisch aufgeladen das Iran-Thema innerhalb der FIDE ist.

„The capital crime of no wearing the hijab“: Früher hatte Nigel Short zur Diskriminierung der Frauen im Iran wie zu den Boykotten gegen israelische Sportler:innen eine klare Meinung. Vielleicht hat er die immer noch, aber er spricht sie nicht mehr aus, seitdem er Teil des Dvorkovich-Apparats ist.

Gleichwohl liegt fünf Jahre nach der FIDE-Drohung mit Konsequenzen nun eine konkrete Sanktion gegen den iranischen Verband auf dem Tisch. Die Entscheidung der FIDE-Kommission fällt in eine Phase, in der die iranische Führung unter massivem inneren Druck steht. Landesweit fordern Protestierende Freiheit. Das Regime reagiert mit Schusswaffen und einer Informationssperre: Das Internet ist abgeschaltet, Flüge ins Ausland abgesagt oder ausgesetzt. Mehr als 500 Menschen sollen seit dem Ausbruch der Proteste ihr Leben verloren haben.

Bericht im Spiegel über die Massenproteste im Iran (Abo).

Beim Schach verliert der Iran seit Jahren seine besten Köpfe. Deren prominentester hat sich jetzt zu Wort gemeldet. Alireza Firouzja, der inzwischen für Frankreich spielt und in Frankreich lebt, veröffentlichte eine Solidaritätsbotschaft mit den Protestierenden. „Long live Iran“ schrieb er auf Twitter und zeigte die Flagge aus der Zeit vor der Islamischen Revolution. Firouzja hatte den iranischen Verband bereits 2019 verlassen, da der (vom iranischen Verband stets bestrittene) Zwangsboykott gegen israelische Spieler seine sportliche Laufbahn beeinträchtigte. Firouzjas Karriere steht exemplarisch für den Aderlass, den das iranische Schach seit Jahren erlebt.

Seit der Auswanderung Firouzjas ist der ehemalige Junioren-Weltmeister Parham Maghsoodloo bester Spieler des Iran. Mutmaßlich als Folge der Proteste in seiner Heimat fehlte der eigentlich eingeplante Maghsoodloo am vergangenen Wochenende in den Reihen des SC Viernheim in der Schachbundesliga. Aus Viernheim heißt es, man habe seit einigen Tagen nichts von ihm gehört. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete schon 2023, auch Maghsoodloo plane, das Land zu verlassen.

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Parham Maghsoodloo beim Bundesliga-Finale 2025 in Deggendorf. | Foto: Rupert Helbig/SC Viernheim

Nicht nur Spielerinnen und Spieler haben dem Land den Rücken gekehrt. Die iranische Schiedsrichterin Shohreh Bayat beantragte 2020 politisches Asyl in Großbritannien, nachdem sie bei einer Weltmeisterschaft ohne Kopftuch fotografiert worden war und Repressalien fürchtete. 2023 solidarisierte sie sich offen mit der Protestbewegung im Iran, außerdem mit der um ihre Freiheit kämpfenden Ukraine – und Dvorkovich forderte sie auf, das zu unterlassen. In der Folge wurde sie von der FIDE nicht mehr eingesetzt und aus der Schiedsrichterkommission entfernt. Letztlich sei Arkady Dvorkovich nur „ein Bauer des Kremls“, sagte sie Anfang 2023 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Shohreh Bayat im Gespräch mit David Kulessa von der Süddeutschen Zeitung (Abo).

Vor diesem Hintergrund signalisiert die Geldstrafe, dass die FIDE zumindest punktuell ihre eigenen Regeln befolgt. Gleichzeitig bleibt offen, ob es bei dieser Linie bleibt. Die Vergangenheit zeigt, dass der Verband oft zwischen Prinzipien und politischen Abhängigkeiten laviert. Die Entscheidung der Ethik- und Disziplinarkommission lässt sich als Test und Prüfstein für die Glaubwürdigkeit des Weltverbands charakterisieren. Dass der iranische Verband die Strafe zahlt, ist nicht zu erwarten. Dann wird sich zeigen, ob die FIDE den nächsten Schritt geht.

Arkady Dvorkovich: Lavieren zwischen Prinzipien und politischen Abhängigkeiten.
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