Perlen vom Bodensee hat angefragt, dass sich der jährlich in Buchform erscheinende Schachkalender einmal vorstellt. Gut, kann er haben. Vorweg: Ich gebe normalerweise keine Interviews. Das ist mein erstes. Vielleicht auch mein letztes.

Stellst du dich erstmal vor, wir können doch „du“ sagen, oder?
Natürlich, unter Schachfreunden sind wir per du. Damit das klar ist: Ich bin kein schnell zusammengeschusterter Fotokalender, von denen einige sich unter meinem Namen ausgeben, sondern ein vielseitiger Taschenkalender, der in deiner Jacken- oder Hosentasche Platz hat. Soweit ich höre, wird mein origineller Lesestoff geschätzt. Ich bin 42 Jahre alt und komme aus Berlin. Mein Vater ist der Schachhändler, Fernschachgroßmeister und Autor Arno Nickel.
Und deine Mutter?
Die Mutter ist unbekannt, aber das geht ja vielen Publikationen so. Mehr weiß ich über die Umstände meiner Geburt. Damals in den Achtzigern gab es Taschenkalender zu vielen Themen: Literatur, Umwelt, Politik, Sport. Von Lifestyle redete damals noch niemand. Arno setzte darauf, dass auf den Kalendertischen, die damals alle Buchläden hatten, auch Platz für einen Schachkalender sei. So kam ich unter die Leute. Arno gründete einen Verlag, die Edition Marco, belieferte Buch- und Schachhändler und machte später selbst einen Schachladen auf. Heute gibt Arno noch das eine oder andere Buch heraus und führt ein Schachantiquariat. Den Schachkalender hat er aber vor zwei Jahren abgegeben.
Warum das?
Arno ist über siebzig, da wollte er sich eine so aufwändige Terminarbeit nicht mehr antun. Weil Chess Tigers Arnos Laden kaufte, aber nicht auch den Schachkalender mit übernehmen wollte, wurde ich von einem langjährigen Mitarbeiter adoptiert.
Wer ist denn dein Adoptivvater?
Es ist ein bisschen komplizierter. Arno hat früher alles gemacht. Stefan Löffler, der seit fast dreißig Jahren für die Frankfurter Allgemeine über Schach schreibt, hat die Redaktion übernommen. Wolf Bōese kümmert sich um die Gestaltung. Und Chess Tigers besorgt den Vertrieb.

Kann es sein, dass du jünger aussiehst als früher?
Danke, ich nehme das mal als Kompliment für meinen gediegenen Schwarz-Weiß-Look, der einfach zum Schach passt. Anders als früher habe ich keinen farbigen Umschlag mehr. Innendrin sind außer den Anzeigen dieses Mal nur einige Fotos außergewöhnlicher Schachfiguren farbig. Voriges Jahr waren es Fotos von Stev Bonhage. Dafür gibt es ein paar pfiffige grafische Elemente. Am einfachsten wäre es gewesen, in der früheren Ausstattung weiterzumachen. Abgesehen davon, dass ich mit Festeinband, Fadenbindung und Lesebändchen inzwischen über 20 Euro kosten müsste, hätte ich keine jüngeren, neuen Leser gefunden. Die brauche ich aber, wenn es mich noch länger geben soll. Ein größerer Teil der Einnahmen geht nicht mehr in die Ausstattung sondern in die Inhalte. Deshalb koste ich, seit Stefan und Wolf mich übernommen haben, nur noch 14 Euro. Mehr als ein Schachmagazin, weniger als ein Schachbuch. Damit bin ich das ideale Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk für einen lieben Schachfreund oder eine liebe Schachfreundin.
Fürs Weihnachtsgeschäft bist du mit Erscheinen im Dezember spät dran.
Ja, wirtschaftlich ein Eigentor, aber ein Geschenk an die Leser. Stefan Löffler hat sich die Zeit genommen, bis die Qualität stimmte. Zwischendurch nahm er andere Schreibaufträge an, im Schach war ja zuletzt viel los: Grand Swiss, Europameisterschaft, Mobbing, Weltpokal. Als er voriges Jahr eine englische Ausgabe des Schachkalenders namens „Pocket Chess“ machte, die er bei der Schacholympiade in Budapest lancierte, wo er außerdem auch noch eine Vortragsreihe und eine Comedy Show produzierte, hat er sich überarbeitet. Dabei ist Stefan bewusst geworden, dass er keinen Burnout riskieren sollte.
Was ist eigentlich so originell an deinem Lesestoff?
Hast du schon mal von einem Filmwissenschaftler erklärt bekommen, warum Schach in so vielen Filmen vorkommt und dabei so viele Fehler passieren? Wusstest du, dass der zweite Staat nach der Sowjetunion, der Schach massiv unterstützte, Nazi-Deutschland war? Dass die Bundesform-Figuren aus der Nazizeit stammen? Die Niederlande hat viele großartige Schachjournalisten hervorgebracht, aber die größte Wirkung hatte einer, der als Kommunist von vielen geschnitten wurde und den im Ausland kaum einer kennt: Berry Withuis. Das Bauern-, Turm- und Königsdiplom, mit dem auch in Deutschland früher viele Schach lernten, hat Withuis erfunden. Grandios ist auch die Leseprobe aus Danny Renschs „Dark Squares“, wie er von seiner ärmlichen Kindheit in einer Sekte, die Schach zu seiner Bestimmung erklärte, zur Nummer zwei bei Chess.com aufstieg.

Klingt eher nach Magazinjournalismus als einem Kalender.
Turniertermine und Geburtstage von Spielern führe ich natürlich – und runde Jahrestage folgenreicher Schachereignisse, die zum Teil in Texten aufgegriffen werden. Die historische Einordnung ist eines meiner Markenzeichen. Platz für eigene Einträge bietet mein Kalendarium auch. Früher hat Arno Ranglisten und Ligaansetzungen im Anhang abgedruckt, aber das findet man alles zuverlässig online.
Du willst jüngere Leser ansprechen, aber Schachspieler unter fünfzig bevorzugen Gratisinhalte aus dem Netz.
Allein mit Qualität komme ich dagegen nicht an. Den Schachkalender kannst du, ohne dich zu schämen, zuhause oder im Büro liegen lassen. Deine Partnerin oder dein Kollege werden darin blättern, das eine oder andere lesen und dich nicht für einen bemitleidenswerten Idioten halten.
Gibt es etwas Neues, was du noch loswerden willst?
Meine nächste Ausgabe, der Schachkalender 2027, wird einen durchgängigen Schwerpunkt setzen, den ich jetzt aber noch nicht verrate. Für Leser und Nichtleser organisiert mein Redakteur Stefan Löffler ein einzigartiges Open. Es findet von 28. Juni bis 3. Juli auf über 2300 Metern Seehöhe statt, also mit Ausblick auf Gletscher und einen Bergsee. Wenn die gepaarten Spieler beide Fischerschach bevorzugen, etwa weil sie, statt sich vorzubereiten, lieber bergwandern oder saunieren, wird die Grundstellung an ihrem Brett ausgelost – ein wichtiges Experiment, damit wir mehr Spaß am Schach haben. Ich sag´ mal, das ist mein neues Motto: Mehr Spaß am Schach. Und vielen Dank fürs Fragen.
Wolf Bōese, Stefan Löffler: Schachkalender 2026, 192 Seiten, kartoniert, €14,-, Zehnerpack inkl. Versand in D €99,-
„Meine nächste Ausgabe, der Schachkalender 2027, wird einen durchgängigen Schwerpunkt setzen, den ich jetzt aber noch nicht verrate.“
150 Jahre Deutscher Schachbund?
Die späte Verausgabung wenige Tage vor Heiligabend ist wahrlich ein Eigentor. Hunderte, wenn nicht Tausende Exemplare könnten als Preise bei Weihnachts- oder Nikolausblitzturnieren vergeben werden. Herr Löffler scheint kein ausgebildeter Kaufmann zu sein.
Es wäre aus meiner Sicht wirklich schade, wenn es den Kalender bald nicht mehr gäbe. Und die nächste Ausgabe sollte wirklich spätestens am 30. November 2026 lieferbar sein, mit entsprechender PR-Arbeit in den Wochen vorher.