„…dass ich da ohne Niederlage durchmarschiere!“ – WM-Kandidat Matthias Blübaum im Interview

Für Matthias Blübaum reiht sich in diesem Wochen ein erstes Mal an das nächste. Die Reihe begann, offensichtlich, Mitte September mit der Qualifikation für das Kandidatenturnier, weit mehr als ein persönlicher Meilenstein. Zuletzt 1983 hatte sich mit Robert Hübner ein Deutscher unter die letzten Acht des WM-Zyklus gekämpft. Vierzehneinhalb Jahre vor Matthias Blübaums Geburt verlor damals Hübner per Roulettekugel-Entscheid das Kandidaten-Viertelfinale gegen Exweltmeister Wassily Smyslow.

Wahrscheinlich hat Matthias Blübaum nie zuvor so viele Autogramme gegeben wie in den vergangenen Wochen und Monaten. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Im Interview mit dieser Seite berichtet Blübaum, welche neuen Erfahrungen er seit dem World-Cup-Triumph gemacht hat. Interviews geben zum Beispiel, nicht nur den Schachmedien, die sich ohnehin gelegentlich beim Doppel-Europameister aus Bielefeld melden. Den gebürtigen Lemgoer erreichten Anfragen von Zeitungen und Zeitschriften fürs allgemeine Publikum. „Das kannte ich noch nicht“, sagt Blübaum, der jetzt mit der Vorbereitung auf die größte sportliche Herausforderung seiner Karriere begonnen hat. Auch die hielt Neues bereit: Blübaum, bislang Einzelkämpfer, stellte ein Team zusammen, verhandelte Honorare – und freute sich über eine Einladung zu einem Superturnier. Wäre er nicht WM-Kandidat, hätten ihn die Ausrichter in Wijk an Zee höchstwahrscheinlich nicht eingeladen, zum ersten Mal in der Elitegruppe des „Wimbledon des Schachs“ mitzuspielen.

Zuletzt hat Matthias Blübaum zum ersten Mal in seiner Karriere eine Sponsoring-Anfrage erreicht: Cystiphane, die Haarpflegemarke des französischen Unternehmens Laboratoires Bailleul, wird den deutschen Großmeister auf seinem weiteren Weg durch den WM-Zyklus begleiten. „Über diese Unterstützung bin ich sehr froh“, sagt Blübaum, der Mitte Dezember die Zeit für ein Schachgespräch mit dieser Seite fand:

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Matthias, danke für deine Zeit. Davon hast du wahrscheinlich weniger als sonst, aber umso mehr Anfragen von Leuten, die etwas von dir wissen wollen. Der wievielte war ich, der dich um ein Gespräch gebeten hat?

Mitgezählt habe ich nicht. Vielleicht waren es so um die 20 seit der Qualifikation fürs Kandidatenturnier, darunter viele allgemeine Presseanfragen. Und das kannte ich noch gar nicht. Normalerweise interessieren sich nur Schachmedien für mich.

Bei weitem nicht nur Schachmedien war Matthias Blübaums Triumph beim Grand Swiss einen ausführlichen Beitrag wert. Unter anderem der Spiegel porträtierte den deutschen WM-Kandidaten (für Abonnenten).

Du hast jetzt das Weltklasseturnier in Wijk an Zee vor der Brust, danach das WM-Kandidatenturnier. Vor ein paar Jahren hat Alexander Donchenko hier sehr eindrücklich erzählt, wie einsam es während eines dreiwöchigen Wettbewerbs werden kann, wenn man allein ist. Das wird dir hoffentlich nicht passieren.

Wijk ist ein sehr langes Turnier. Der Ort kann sich trostlos anfühlen, umso mehr, wenn es nicht läuft. Ich finde auch, dass es während so langer Wettbewerbe wichtig ist, jemanden dabeizuhaben, mit dem man einfach nur essen gehen oder reden kann. Und das gilt natürlich auch und wahrscheinlich sogar noch mehr für Zypern, wo es wichtig sein wird, dass jemand dabei ist.  

Dein Team für die kommenden Monate steht, aber, Betriebsgeheimnis, du kannst nicht preisgeben, wer es bildet. Vielleicht kannst du uns stattdessen eine Vorstellung von dem Berg vermitteln, vor dem du jetzt stehst und den du noch nie bestiegen hast. Was ist zu tun, was steht an? Dossiers der Gegner anlegen? Neue Eröffnungen lernen?

Gezielte Vorbereitung auf die Gegner spielt eine Rolle, Eröffnungsideen erarbeiten auch. Sich für einen bestimmten Gegner etwas Spezielles zurechtzulegen, funktioniert kaum. Auf dem Level kann jeder jede Eröffnung spielen, insofern kann ich mich nicht auf etwas Spezifisches einstellen.

Wahrscheinlich hast du auch organisatorisch einiges zu tun.

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Das meiste sollte erledigt sein. Mit Leuten reden, über Honorare sprechen, schauen, wie viel Geld ich generell zur Verfügung habe, und so weiter. So viel planen zu müssen, war für mich ganz neu. Jetzt bin ich froh, dass es ans Schachliche geht.

Den praktischen Teil der Vorbereitung absolvierst du als Teilnehmer des Superturniers in Wijk an Zee. Aber da könnte der Aspekt auftauchen, dass du nicht deine Vorbereitung aufs Kandidatenturnier offenbaren willst. Ist das ein Problem?

Natürlich kann es mir passieren, dass ich gerne etwas spielen möchte, von dem ich dann doch Abstand nehme, weil ich es mir lieber für Zypern aufhebe. Aber das Nachdenken über solche Konstellationen will ich nicht übertreiben. Ich glaube nicht, dass das ein Riesenproblem ist. Zum Vorbereitungsaspekt in Wijk kommt noch, dass wir dort nach der gleichen Zeitkontrolle spielen wie beim Kandidatenturnier. Ich vermute, dass Anish Giri das arrangiert hat. Mir ist das sehr recht.

Womöglich hat WM-Kandidat Anish Giri daran mitgearbeitet, dass in Wijk an Zee 2026 nach derselben Bedenkzeitregelung gespielt wird wie beim Kandidatenturnier.2026. | Foto: Lennart Ootes/WR Chess

Im Grand Swiss arbeitete für dich, dass einige 2750-Spieler gegen dich härter auf den vollen Punkt gedrückt haben, als gut für sie war. Kann das auch beim Kandidatenturnier deine Chance sein? Es gibt ja nur einen Preis zu gewinnen.

Ja, selbst der Underdog kann bei diesem Turnier nur ein Ziel haben. Am Ende wird es sieben Verlierer und einen Gewinner geben. Ich erwarte, dass viele gegen mich etwas mehr gewinnen wollen als gegen andere. Aber das wird auch von der jeweiligen Turniersituation abhängen. Dazu kommt, dass niemand zu viel Risiko wird nehmen wollen, weil in diesem Turnier jede Niederlage richtig weh tun wird.

Wie hast du dich beim Grand Swiss davon frei gemacht, dass du ab Runde fünf in einer Gewichtsklasse gespielt hast, die normalerweise nicht deine ist? Pragg, Arjun, Nodirbek, Vincent und so weiter, ein Top-Ten-Spieler nach dem anderen, und am Horizont die Qualifikation fürs Kandidatenturnier. Das kann dich nicht unbeeindruckt gelassen haben.

Ich weiß, dass ich zumindest theoretisch gegen jeden Spieler der Welt eine vernünftige Partie spielen kann und gegen niemanden verlieren muss. Außerdem hatte ich gegen jeden der Genannten schon gespielt. 2017 bei meinem ersten Grenke Classic war das noch anders. Zum ersten Mal gegen Magnus Carlsen, zum ersten Mal in einer ganz anderen Liga, da war ich tatsächlich ein bisschen starstruck. Inzwischen bin ich erfahren genug, dass ich weiß, ja, diese Leute sind gut, aber wenn ich ordentliche Züge mache, kann ich mitspielen. Beim Grand Swiss hatte ich außerdem Beispiele aus den vergangenen Jahren vor Augen. Immer wieder steht bei diesem Turnier ein Außenseiter aus der 2650-Klasse plötzlich ganz oben. Aber die Regel ist, dass er sich irgendwann eine Niederlage einfängt und nach unten durchgereicht wird.

„Zum ersten Mal gegen Carlsen, zum ersten Mal in einer ganz anderen Liga“: Matthias Blübaum beim Grenke Classic 2017, wo er dem Weltmeister einen halben Punkt abknöpfte. | Foto: Georgios Souleidis/Grenke Chess

Das sollte dir nicht passieren.

Je länger du dich oben hältst, desto eher denkst du daran, dass etwas möglich sein könnte. Bei mir war das zum Glück nicht so ausgeprägt. Mich hat es vor allem glücklich gemacht, dass es so gut lief, und ich habe es geschafft, meine Nerven zumindest bis vor der letzten Runde unter Kontrolle zu halten. Die Gedanken „Was wäre, wenn“ konnte ich nicht ganz ausblenden, aber es blieb beherrschbar. Erst nach der letzten Partie gegen Alireza wurde mir die Dimension dessen, was auf dem Spiel stand, richtig bewusst. Wenn ich die verloren hätte, auf dem Papier wäre es nur ein halber Punkt weniger gewesen und auch ein sehr gutes Turnier, aber trotzdem nicht ansatzweise dieser Erfolg.

Matthias Blübaum zeigt die kritischen Momente aus dem Grand Swiss.

Vor der letzten Runde warst du nervös?

Extrem! ich wusste, jetzt muss ich wirklich nur noch eine gute Partie spielen, und das ist es dann. Das war in den Runden davor anders gewesen. Während der zweiten Turnierhälfte war klar, ich spiele ein sehr gutes Turnier, und das hätte eine Niederlage nicht geändert. Und es war auch vor allen Partien klar, wenn ich heute nicht verliere, kriege ich morgen gleich den nächsten Top-Ten-Spieler. Ich kann doch nicht davon ausgehen, dass ich da ohne Niederlage durchmarschiere! Insofern war ich während des Turniers nicht übermäßig nervös. Aber vor der letzten Runde umso mehr.

„Extrem nervös“: Grand Swiss, letzte Runde, Tisch eins, Matthias Blübaum gegen Alireza Firouzja. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Gegen Alireza Firouzja sah es zeitweise unbequem für dich aus.

An die Partie werde ich mich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens erinnern. Aus praktischer Sicht war es eine Zeitlang gefährlich für mich…

Nach 25.Tb3 sind jegliche Springereinschläge auf g2 oder garstige Schachs auf h3 aus der Partie. Als nächstes wird sich die weiße Dame den Bauern b6 einverleiben, und Schwarz hat keinen guten Weg, Damentausch auszuweichen. Trotzdem gelang es Firouzja, den Druck aufrecht zu halten. „Ich musste höllisch aufpassen“, sagt Blübaum.

…als du 25.Tb3 gespielt hast und abzusehen war, dass du die Damen vom Brett bekommst, sollte es sicher für Weiß sein?

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Ja, an der Stelle war ich anfangs happy, weil ich gesehen hatte, dass ich danach die Damen tauschen kann. Aber das Doppelturmendspiel war dann immer noch trickreich mit seinen verdoppelten Türmen auf der zweiten Reihe. Da habe ich wieder Angst bekommen. Die Engine mag ja 0,00 anzeigen, aber aus praktischer Sicht war das brandgefährlich. Ich musste höllisch aufpassen, um es sicher ins Remis zu führen. Der Moment, an dem ich wirklich gedacht habe, dass ich das jetzt schaffe, kam erst bei diesem kuriosen 41.Te2, mit dem ich ein Turmpaar tauschen konnte. Kein schwieriges Motiv, aber sehr ungewöhnlich, ich hatte das noch nie gesehen. Es entsteht dann zwar ein Endspielt mit 2:1 Bauern für ihn, aber das ist sofort remis, weil ich seinen König einsperren kann. Da wusste ich, es ist geschafft.

Nach dem kuriosen 41.Te2 geht endlich ein Turmpaar vom Brett. Schwarz behält im Endspiel zwar einen Mehrbauern, aber der ist nur akademischer Natur.

Ein Knackpunkt, nicht nur für dich, war die Partie gegen Vincent Keymer in der vorletzten Runde. Habt ihr darüber nochmal geredet?

Direkt nach der Partie, als wir zusammen zurück zum Hotel gelaufen sind. Ansonsten nicht. Warum auch? Für Vincent war das extrem bitter. Hätte er gewonnen, wäre er jetzt wahrscheinlich WM-Kandidat. Und worüber sollten wir reden? Jeder Schachspieler weiß, dass er die Schuld für Fehler allein bei sich suchen muss.

Eine Konstante unter den Nationalspielern ist, dass jeder sich mit den Kollegen freut oder mitleidet. Welche Rolle spielt für dich das Klima unter den Spielern?

Ich bin sehr froh, dass wir uns alle so gut verstehen. In der Nationalmannschaft hilft das, aber auch bei Einzelturnieren. Wir gehen zusammen essen oder unternehmen irgendwas.

„Alex hat mir keine Chance gegeben und ich ihm zu viele“: Blübaum versus Donchenko beim World Cup. | Foto: Eteri Kublashvili/FIDE

Beim World Cup hieß es, du habest vor dem Match gegen Alexander Donchenko zusammen mit ihm gegessen.

Danach auch! Gemeinsames Mittag- und Abendessen, das ist ganz normal, egal wie es ausgeht. Bei der Deutschen Meisterschaft in München habe ich ihn besiegt, danach waren wir auch zusammen beim Abendessen.

Am Brett lief es diesmal andersherum.

Das hat mich ziemlich geärgert. Aber ich muss eingestehen, dass Alex einen fantastischen World Cup gespielt hat. Gegen mich hat er völlig verdient gewonnen. Alex hat mir keine Chance gegeben und ich ihm zu viele.

Lass uns ein wenig über deinen Werdegang sprechen. Als Südbadener mit ostwestfälischem Migrationshintergrund kenne ich Lemgo und Karl-Ernst Blübaum. Welche Rolle spielt es, mit einem Vater aufzuwachsen, der 2250 Elo hat?

Man hat dann direkt einen Trainer. In meinem Fall hat er mir automatisch sein Eröffnungsrepertoire mitgegeben, ein sehr spezifisches. Wäre ich woanders schachlich sozialisiert worden, hätte ich wahrscheinlich nicht als erste Eröffnung Französisch gelernt und mit Weiß 1.d4 gespielt. Aber das hat er eben mir und meinen Schwestern antrainiert. Auf eine Weise hat mich das definiert, und ich bin damit sehr gut gefahren.

Karl-Ernst Blübaum (hinten rechts), eine Institution im ostwestfälisch-lippischen Schach. | via RTU-Open

Und abseits des Eröffnungsrepertoires?

Bin ich meiner Familie sehr dankbar für die Unterstützung. Meine Eltern haben nicht nur ermöglicht, sondern auch unterstützt, dass ich in meiner Kindheit die Turniere spielen konnte, die du brauchst, um weiterzukommen. Das gibt es ja nicht geschenkt, im Gegenteil. Jugend-WM und solche Sachen, zwei Wochen im Hotel, das kostet richtig Geld. Und es gibt materiell nichts zurück.

Jetzt ist das Haus Blübaum wahrscheinlich erfüllt von Stolz und Freude.

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Mein Vater war ein wenig perplex nach dem Grand Swiss. Niemand hatte ansatzweise damit gerechnet, dass so ein Ergebnis möglich ist, er auch nicht. Selbst ich habe vor Turnierbeginn diese Möglichkeit nicht einmal erwogen.

Deine Schwester Johanna hat neulich berichtet, dass du ihr beim Schach hilfst.

Wenn ich Zeit habe und sie gerade ein Turnier spielt, dann gebe ich ihr Tipps, welche Eröffnung eine gute Idee sein könnte oder sowas. Für mich ist das keine große Arbeit. Ich trainiere sie nicht, aber wenn es sich ergibt, helfe ich ihr gerne.

Hast du eigentlich je für Lemgo gespielt?

Natürlich. Da bin ich eingestiegen, irgendwann war ich in der ersten Mannschaft in der Regionalliga angekommen. Dann eine Saison Hansa Dortmund, dann Werder Bremen, jetzt Deizisau.

Zu deinen ostwestfälischen Wurzeln gehört auch ein neues Buch von Matthias Krallmann und Karsten Müller über dich. Wie kam es dazu? Was steht drin?

Diesmal bin ich als Autor nicht beteiligt, habe nur ein wenig mitgearbeitet. Ursprünglich hatte Matthias Krallmann nach dem ersten Buch die Idee, eine zweite Auflage zu machen. Das Projekt wurde größer, und ich konnte einfach nicht die Arbeit reinstecken, die erforderlich wäre, um als Co-Autor zu firmieren. Ich habe dann Matthias und Karsten gefragt, ob sie das nicht zusammen machen wollen. Für Matthias war es ein Herzensprojekt. Das Buch handelt zwar von mir und meinem Schach, aber mein Beitrag war bescheiden. Ein, zwei kommentierte Partien.

In deinen Kommentaren steht wahrscheinlich nicht „Gespielt wie ein kompletter Idiot“.

Das sind emotionale Aussagen direkt nach der Partie, die ich aber genauso empfinde. Oft fühlt es sich für mich an, als wäre viel von dem, was ich gemacht habe, furchtbar gewesen. Wenn ich später analysiere, stelle ich oft fest, dass ich gar nicht so schlecht gespielt habe.

„Wie ein kompletter Idiot“, der hofft, „wenigstens einmal ein anständiges Turnier zu spielen“. So klingt Matthias Blübaum nach seinen Partien. Deutsche Schachfans kennen das. Nun beschäftigt sich auch die internationale Schachszene mit dem Blübaumschen Hang zur Selbstgeißelung. Insgeheim weiß er natürlich, wie gut er ist, aber während seiner Partien oder unmittelbar danach fühlt es sich nicht so an.

Deine beste Partie, Blübaums Unsterbliche? Moskau 2016 gegen Korobov?

Ach, die war gar nicht so beeindruckend. Mehr oder weniger alles Vorbereitung. Dieses Qualitätsopfer haben damals die Engines nicht sofort angezeigt, aber irgendwann doch gemerkt, dass es einfach gewonnen ist. Deswegen habe ich in der Partie nicht viel leisten müssen. Zumindest etwas Kleines stört mich an fast jeder Partie, die ich spiele. Perfekt ist keine.

Du hast gerade noch auf Twitch gestreamt. Bei allem, was vor dir liegt: Müssen wir uns auf eine Pause von KeinSehrStarkerSpieler einstellen?

Bestimmt, aber wann, das weiß ich noch nicht. Zumindest den Titled Tuesday spiele ich erstmal weiter, das ist ja jetzt auch mit einer möglichen Qualifikation für den E-Sports World Cup verbunden. Ob ich jedes Turnier streame, mal sehen. Spätestens kurz vor dem Kandidatenturnier werde ich sicher aufhören. Aber im Prinzip habe ich schon immer gerne online gespielt. Auf etwas zu verzichten, das mir Freude bereitet, wäre nicht sinnvoll.  

Wenn du ein Online-Turnier spielst, wovon hängt ab, ob du streamst?

Manchmal ist es eine Stimmungsfrage, manchmal hängt es von den Umständen ab. Ein Faktor ist natürlich, dass ich etwas besser spiele, wenn ich nicht streame. Kein Riesenunterschied, aber es spart ein wenig Zeit, nicht parallel zu reden.

Sehen wir dich beim Streamen komplett ohne Filter, oder versuchst du nach unnötigen Niederlagen deinen Ärger zu bändigen, wenn die Kamera läuft?

Vielleicht haue ich ein bisschen weniger fest auf den Tisch, als wenn ich allein wäre. Im Prinzip spielen wir wegen der Cheating-Kontrolle mit Proctor ja sowieso unter Beobachtung – was sich allerdings gar nicht so anfühlt. Ich bin eher kein extrovertierter Mensch, aber Streamen geht ziemlich gut für mich, weil das ist, als würde ich Selbstgespräche führen, und nebenbei läuft ein Chat. Vor einem Live-Publikum zu spielen, das wäre etwas ganz anderes.

„Such a bad player“: Matthias Blübaum streamt den Freestyle Friday, wo es unter anderem gegen Magnus Carlsen geht.

Ist das Geld vom Kandidaten-Crowdfunding schon bei dir angekommen?

Ich glaube, dass das Geld erstmal beim DSB bleibt und anhand der Kosten, die mir entstehen, nach und nach bei mir ankommt. Was in dem theoretischen Fall passieren würde, dass etwas übrigbleibt, weiß ich gar nicht.

Das klingt, als wäre das Crowdfunding in den vergangenen Wochen nicht deine zentrale Baustelle gewesen.

Ich wusste von Beginn an wenig darüber. Jan Gustafsson hat mich gefragt, ob ich ein Crowdfunding okay fände, und ich habe mein Einverständnis gegeben. Ich hätte es ungern selbst gemacht, weil es seriöser wirkt, wenn das über den Verband läuft. Irgendwann kam dann die Mail von Ingrid Lauterbach, in der stand, dass es jetzt öffentlich ist.

Ein fünfstelliger Betrag ist für dich zusammengekommen. Was bedeutet dir das?

Das hätte ich nie erwartet und bin den Leuten sehr dankbar. Auch dank dieser Hilfe fügt es sich. Es sieht aus, als würde der DSB noch externe Fördermittel für meine Teilnahme bekommen und als könne er auch selbst noch ein wenig dazugeben. Jetzt liegt es an mir: hart arbeiten, mein Bestes geben.

Als Beobachter habe ich das Crowdfunding mit einem lachenden und einem weinenden Auge registriert. Zum ersten Mal in 40 Jahren qualifiziert sich einer von uns für die WM-Endausscheidung, und dann wir haben nicht die Mittel, unseren WM-Kandidaten so gut wie möglich zu unterstützen. Was sagt es über den Zustand des deutschen Schachs, dass wir in so einem Fall öffentlich um Hilfe bitten müssen?

Solche Gedanken hatte ich anfangs auch. Dass zuerst das Crowdfunding kam und danach die Entscheidung des DSB, selbst etwas dazuzugeben, fand ich nicht optimal. Nach meinem Empfinden hätte es andersherum sein sollen. Ein wichtigeres Turnier als das Kandidatenturnier gibt es schließlich nicht. Insofern hätte ich erwartet, dass zuerst der Verband Unterstützung zusagt, zumal offenbar die Finanzen besser aussehen als früher. Wäre abzusehen, dass Verbandsmittel allein nicht reichen, könnte man danach etwas Zusätzliches wie ein Crowdfunding versuchen. Aber ich will das nicht groß kritisieren, weil ich nicht alle Details und Abläufe kenne – und vor allem, weil es letztlich darum ging, mir zu helfen. Da kann ich mich jetzt nicht hinstellen und klagen. Vielleicht liefen ja schon Planungen im Hintergrund, als plötzlich das Crowdfunding auftauchte. Meinem Gefühl nach wäre jedenfalls eine andere Reihenfolge besser gewesen, aber ich bin dem DSB sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung und für die Organisation des Crowdfundings. Letztlich hat ja alles gut geklappt.

Kämpfst du als deutscher Profi auch gegen einen Standortnachteil?

Wenn wir nach Indien oder Usbekistan schauen, klar, da hat Schach einen ganz anderen Stellenwert. Und es ist ja auch logisch, diese Länder sind Weltspitze im Schach, in anderen Sportarten eher nicht. Also entsteht rund ums Schach Unterstützung, eine Fangemeinde und intensive Förderung schon bei den Kleinsten. In Deutschland haben wir König Fußball und ein paar andere Sportarten, in denen wir ganz gut sind. Insofern müssen wir beim Schach etwas kleinere Brötchen backen. 

Die gute Nachricht: Man muss sich nicht schon als Kind auf Schach fokussieren, um mit 18 Jahren WM-Kandidat zu sein. Man kann auch erst Mathematiker werden und es beim Schach immer noch ins Kandidatenturnier schaffen.

Sehr unerwartet, aber ja, offenbar funktioniert auch dieser Weg. Und es ist ja auch nicht so, als hätten wir in Deutschland keine Unterstützung. Ich stelle nur fest, dass es ganz andere Verhältnisse sind, wenn zum Beispiel Javokhir Sindarov nach dem World Cup vom usbekischen Staatspräsidenten ein Apartment geschenkt bekommt.

Der Teller aus Samarkand für den zweiten Platz beim Grand Swiss hat die Heimreise nach Bielefeld nicht überstanden. Im Stream bei Sonja Maria Blum und Katharina Reinecke präsentierte Matthias Blübaum wenig später die Einzelteile des kaputten Tellers.

Was macht eigentlich der Pizzateller aus Samarkand? Immer noch in Einzelteilen?

Mittlerweile sind es zwei kaputte Pizzateller! Nachdem der erste die Rückreise nicht überstanden hatte, haben mir die Veranstalter aus Usbekistan einen neuen Teller zugeschickt. Leider ist auch der kaputtgegangen. Und er war falsch beschriftet: „Women’s Grand Swiss“ stand darauf. Jetzt sitze ich hier mit zwei kaputten Tellern und muss mir Gedanken machen, wie ich daraus ein Andenken bastele, das ich behalten kann. Etwas, das mich dauerhaft an dieses Turnier erinnert, möchte ich auf jeden Fall haben.

Du isst gerne Pizza, steht in deinem Twitch-Profil. Kannst du das spezifizieren? Margerita? Vier Jahreszeiten?

Was da steht, ist nicht ganz ernst gemeint. Ja, ich esse gerne Pizza, aber so wichtig ist Pizza für mich nicht.

Diese Antwort macht meine letzte Frage kaputt.

Nämlich?

Wo es in Bielefeld und Lemgo die beste Pizza gibt.

Da hat jeder seinen eigenen Geschmack.

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6 Kommentare
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Tara
Tara
18 Tage zuvor

Danke für das Interview! Ich wünsche Matthias viel Glück für das Kandidaten-Finale! Er hat sich das selbst hart erarbeitet. Er ist menschlich und charakterlich voll geerdet. Da darf sich mancher selbst überheblicher und arroganter Weltmeister gerne eine dicke Scheibe von abschneiden. Vincent wird sicher in nicht allzu ferner Zeit ebenfalls seine Chance bekommen und kann das Jahr bis zu nächsten Chance nutzen noch reifer zu werden. Wann gab es jemals zuvor solch eine Konstellation? Beiden Spielern alles Gute für ihre Zukunft!

Thorsten Cmiel
Thorsten Cmiel
13 Tage zuvor

Grundsätzlich ist Crowdfunding eine gute Initiative und mit über 31.5K Euro überraschend erfolgreiche Aktion von Karthaus gewesen. Man muss den DSB nicht für alles kritisieren. Natürlich hat der Schachbund mit seiner Struktur keinen Plan (Etatposten), um einen plötzlich auftauchenden Kandidaten mal eben zu unterstützen. Hinzu kommen wahrscheinlich noch Geldmittel vom Innenministerium und es gelingt die etwa notwendigen 50K Euro aufzutreiben. Matthias sollte sich jetzt auf das Turnier seines Lebens vorbereiten können. Ich vermute, dass Frederik im Team Blübaum ist, denn beide haben Katar ausgelassen.

Michael
Michael
12 Tage zuvor

Allseits ein gesundes, frohes und gesegnetes 2026 !

und ….

Lieber Conrad,
herzlichen Dank für Dein schönes, arbeitsintensives und positives Wirken !!!