Im Vereinsheim des Hamburger Schachklubs hängt dieses Foto, aufgenommen am 23. Dezember 1985, einem der stolzesten Tage der bald zweihundertjährigen Vereinsgeschichte. Schauplatz ist das Interconti Hotel an der Außenalster, damals eines der besten Häuser der Hansestadt, 2013 wegen Konkurs geschlossen und bald darauf abgerissen. Garri Kasparow steht am Brett von Matthias Wahls. Der damals 17-Jährige ist eingerahmt von Helmut Reefschläger und Rainer Grünberg. Die Welt am Sonntag ist als Sponsor ausgewiesen.

Sechs Wochen zuvor hat Kasparow in Moskau Anatoli Karpow den Weltmeistertitel abgeknöpft. Im Frühsommer war er schon einmal in Hamburg und das gleich für zwei Wochen. Er gewann ein vom Spiegel organisiertes Match gegen Robert Hübner und gab dem Nachrichtenmagazin ein für einen Sowjetbürger mutiges Interview, dazu mehrere Simultanvorstellungen.

Außerdem lernte er Frederic Friedel kennen, einen Wissenschaftsjournalisten, der sich zunehmend auf Computerschach spezialisiert hat.
Friedel ist der eigentliche Grund, warum es ihn kurz vor Weihnachten wieder nach Hamburg zieht. Beide spielen mit dem Gedanken, eine Firma zu gründen. Die Ära der Personal Computer beginnt, die Zeit ist reif für Schachsoftware. Auf solchen Disketten mit Computerspielen, wie sie ihm Friedel einige Monate zuvor nach Baku schickte, um mit ihm in Kontakt zu kommen, könnten Partien mit Kommentaren von Kasparow verbreitet werden. Schachspieler, die sich einen Computer leisten konnten, würden sicher ordentlich dafür bezahlen. Kasparow hat den Beginn dieser neuen Ära im Schach selbst ausführlich nacherzählt.
1985 in Hamburg steckt ihm die Anreise aus der Niederlande und ein sechsrundiges Match gegen Jan Timman in den Knochen. Erst am Vortag hat er mit einem brillanten Weißsieg das 4:2 klargemacht.
Auf den Auftritt im Interconti ist er weder körperlich noch schachtechnisch eingestellt. Es ist kein gewöhnliches Simultan. Ihm gegenüber sitzen acht gestandene Bundesligaspieler des HSK im HSV, wie der Verein damals heißt. Alle Partien werden mit Uhr gespielt. Das einzige Privileg des Simultangebers: er muss die Züge nicht aufschreiben. Wie in einem Mannschaftskampf hat Kasparow an der Hälfte der Bretter Weiß und an der anderen Hälfte Schwarz.
Seine Weißpartien hat er im Griff, doch an den Schwarzbrettern läuft es nicht rund. Vom einzigen Profi auf Hamburger Seite, dem aus London eingeflogenen Neuseeländer Murray Chandler, wird Kasparow systematisch überspielt.
Kritisch ist die Partie gegen Wahls.
Der Gymnasiast hat eine Figur geopfert, weil die Eröffnung nicht so gelaufen ist, wie er sich das vorstellte. Immerhin steckt der König des Weltmeisters in der Mitte fest. Hätte der im 25. Zug ein Turmschach durch Dazwischenziehen des Springers pariert, wäre er auf Gewinn gestanden. Stattdessen rückt er mit dem König vor. Wahls´ Turm bietet erneut Schach. Zugwiederholung?

Ein paar Bretter weiter ist Kasparow gegen den Medizinstudenten Hans-Jörg Cordes (heute Internist in Frankfurt) zwar mit großem Vorteil aus der Eröffnung gekommen, einem scharfen Botwinnik-Slawisch, doch danach hat er den Faden verloren, und seine Probleme wachsen von Zug zu Zug. Vielleicht beeinflusst das sein weiteres Spiel gegen Wahls. Er geht dem Remis aus dem Weg, stürmt mit dem König nach e6, übersieht, was Wahls vierzig Jahre später einen „billigen Trick“ nennt.
Auch die Partie gegen Cordes geht verloren.
Nur gegen Frank Behrhorst kann Kasparow mit Schwarz punkten. Von seinen gut stehenden Weißpartien kann er nur die gegen Grünberg gewinnen. Reefschläger, Hannu Wegner und Christian Hess halten remis. 4,5:3,5 für die Hamburger. Welch ein sensationelles Resultat das ist, ahnt an diesem Abend noch keiner.
Beim anschließenden Abendessen im Interconti sei Kasparow nicht niedergeschlagen, sondern ausgesprochen freundlich gewesen, erinnert sich Wahls. Weil der HSK-Tisch schon voll war, aß er am Tisch von Friedel und Kasparow. Der war gerne bereit, mit dem Hamburger Schüler über Eröffnungen zu fachsimpeln. Seine regelrecht kindliche Freude am Schach ist Wahls eindrücklich in Erinnerung geblieben. „Wahrscheinlich braucht man diese Freude, wenn man Weltmeister werden will.“

Kasparow nahm die Niederlage aber nicht auf die leichte Schulter, wie Friedel sich erinnert: „Es war für ihn richtig schmerzhaft. ´Ich komme wieder,´ sagte er mir, ´und zeige ihnen wer ich bin.`“ Den Weihnachten verbrachte Kasparow mit zwei von Moskau mitgeschickten Aufpassern bei Familie Friedel. Frederic Friedel erinnert sich:
An Heiligabend übernahm ich von seinen Gastgebern. Er und seine Freunde schlugen vor, dass wir einkaufen gehen. „Aber alle Geschäfte sind geschlossen!“, sagte ich. „WARUM??“, fragte er. „Weil es Heiligabend ist“, antwortete ich, und erklärte ihm, wie das hier in Deutschland abläuft. „Ich nehme euch stattdessen mit zu mir nach Hause.“
Wir stiegen ins Auto und fuhren zu uns nach Hollenstedt. „Aber ich muss dich warnen,“ sage ich, „wir haben einen Gast bei uns, jemanden, den du kennst.“ Er konnte nicht erraten, wen ich meinte, und war ziemlich schockiert, als er sah, dass es Nigel Short war.
Ich hatte meine Frau Ingrid angerufen und ihr gesagt, dass ich Gäste mitbringen würde. Zum Glück hatten wir genug für das Abendessen: Sie bereitete noch mehr Kartoffelsalat und Würstchen zu – unser traditionelles Heiligabendessen. Es schmeckte ihnen sehr gut, und sie waren fasziniert vom beleuchteten Baum und den Geschenken. Nach dem Abendessen begannen wir, am Computer zu spielen.

„Fred, das musst du sehen!“
Fünf Monate später war Friedel dabei, als Kasparow sein nächstes Uhrensimultan gab. Am 24.Mai 1986 trat er in Frankfurt gegen eine deutsche Jugendnationalmannschaft an. Unter seinen Gegnern ist auch wieder Wahls, der sich an einen merkwürdigen Zwischenfall erinnert. Kasparow sei spurlos verschwunden gewesen. Später habe sich herausgestellt, dass er Friedel suchte, um ihm etwas Dringendes mitzuteilen: „Fred, das musst du sehen! Gegen Wahls ist genau unsere Vorbereitung auf dem Brett.“ So ungefähr werden seine Worte gewesen sein.
Kasparows Aufregung ist nur im Kontext eines Treffens einige Tage zuvor in Basel zu verstehen. Dort spielte er ein Match gegen Tony Miles, in sechs Partien gestand er der Nummer eins der damals zweitstärksten Schachnation nur gerade ein Remis zu. Friedel besuchte ihn, einen Bonner Physikstudenten im Schlepptau. Dieses Mal hieß es: Garri, das musst du sehen! Müde vom Match winkte der ab, doch Friedel ließ nicht locker.
Matthias Wüllenweber, so hieß der Student, hatte eine Schachdatenbank programmiert. Der Prototyp von Chessbase. Kasparow war überwältigt. Er stieg zwar nicht als Mitgründer des Hamburger Softwarehauses ein, wurde dafür aber Anwender Nummer eins. Dass er das Spitzenschach in den folgenden Jahren dominierte, liegt auch daran, dass er die neue Technologie umarmte und mitprägte. Die auf den jeweiligen Gegner zugeschnittene Eröffnungsvorbereitung wurde seine wichtigste Waffe. Die Frankfurter Partie gegen Wahls war der erste Beweis, wie stark diese Waffe wirkte. Es war ein Massaker.
Mit Chessbase bewaffnet machten Handicap-Matche gleich viel mehr Spaß. Kasparow ließ sich stets die Aufstellung vorher geben und analysierte die Repertoires und Schwächen seiner Gegner. Anfang 1987 kam es zur Revanche gegen den HSK: 7:1 für Kasparow (sein Sieg gegen Wahls war laut diesem lehrbuchreif und ist auf dessen Website kommentiert):
Uhrensimultane wurden seine liebste Art Schaukampf, ein Markenzeichen seiner Ära. Friedel war fast immer dabei, um bei der Vorbereitung zu assistieren. Immer stärkere Gegner mutete Kasparow sich zu. 1992 trat er in Baden-Baden an vier Brettern gegen die deutsche Nationalmannschaft an. Einsatz war ein 7er-BMW. 3:1 für Kasparow, der hinterher dem Spiegel exklusiv Einblick in seine Vorbereitung gab:

Seinen wohl stärksten Auftritt lieferte er 1998 in Tel Aviv gegen Israel ab. Zwei Durchgänge, 7:1 für Kasparow. Nach dem 23. Dezember 1985 in Hamburg verlor er nie wieder.
Autor Stefan Löffler ist Herausgeber des Schachkalender, dessen 2026-Ausgabe gerade erschienen ist, und beleuchtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung alle Aspekte des Schachs.
Klasse Geschichte! Allen ein paar schöne Feiertage!