Umbruch, aber wie? Der Schachsport und seine bunten Formate – ein hochdotiertes Durcheinander

Schach funktioniert als Sport, Schach funktioniert auch als Entertainment. Die meisten Veranstaltungen und Serien haben sich auf die eine oder andere Richtung festgelegt. Freestyle Chess will das erst noch. Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (für Abonnenten) sieht Jan Henric Buettner sein Projekt am Scheideweg. Der Freestyle-Chef sucht einen neuen „Lead-Partner“, der einen zweistelligen Millionenbetrag investiert und die Richtung vorgibt.

Zwei Wege stehen laut Buettner offen. Entweder ein Partner aus der US-Unterhaltungsbranche, mit klarer Ausrichtung auf Reichweite, Show und Streaming. Oder ein sportlich geprägter Partner aus dem Umfeld der FIDE, näher an Verbänden, Regeln und klassischer Ordnung.

Der Schachsport ist im Umbruch, und alle Veranstalter buhlen um Magnus Carlsen, der sich hier mit Jan Henric Buettner über seinen dritten Platz beim Freestyle in Vegas freut. Obwohl er längst nicht mehr Weltmeister ist, hat Carlsen 2025 mehr mit Schach verdient denn je. Er ist nicht der einzige Top-Profi, dem das so geht. | Foto: Lennart Ootes/Freestyle Chess

Freestyle könnte im Februar in Weissenhaus weitergehen, gefolgt vom Oster-Open in Karlsruhe. Aber Buettner macht deutlich, dass vor Ankündigungen für 2026 erst geklärt werden muss, wofür Freestyle künftig steht. In diesem Zusammenhang plant er ein Treffen mit FIDE-Chef Arkady Dvorkovich in Katar. Dass es überhaupt zu dieser Annäherung kommt, gilt als bemerkenswert. Frühere Gespräche zwischen Freestyle und der FIDE waren gescheitert, begleitet von Vorwürfen auf beiden Seiten. Nun scheint nach Monaten der Sprachlosigkeit wieder ein Arbeitsverhältnis entstanden zu sein.

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Als der WM-Streit zwischen FIDE und Freestyle eskalierte, fühlten sich einige Topspieler von der FIDE erpresst und hätten beinahe die Rapid- und Blitz-WM abgesagt.

Zum Freestyle-Finale in Südafrika hatte sich Dvorkovich zuschalten lassen – und betont, die FIDE erkenne Toursieger Magnus Carlsen als besten 960-Spieler der Welt an. Der Weltverband wiederum vergibt zwar mehr als 150 Weltmeistertitel, Tendenz steigend, hat aber mit dem Aufkommen der Freestyle-Serie seine 960-WM vorerst eingestellt. Offiziell ist immer noch (seit 2022) Hikaru Nakamura 960-Weltmeister, hätte aber schon im Februar 2024 seinen Titel verteidigen sollen. Die FIDE hat die 960-WM stillschweigend aus ihrem Turnierkalender gestrichen. Nach Dvorkovichs Südafrika-Auftritt darf sich nun Carlsen zumindest als Co-Weltmeister fühlen.

Eigentlich ist nach wie vor Hikaru Nakamura 960-Weltmeister, bekam aber seit dem WM-Sieg 2022 keine Gelegenheit, seinen Titel zu verteidigen.

Aufhänger des Beitrags in der FAZ ist der anhaltende Umbruch im Schachsport. In kurzer Zeit sind mehrere neue hochdotierte Großformate entstanden. Die Freestyle-Serie, die indische Global Chess League mit Franchise-Teams, der Esports World Cup in Riad, dazu die Pläne für eine „totale Weltmeisterschaft“, in der verschiedene Bedenkzeiten zusammengeführt werden. All diese Projekte konkurrieren um dieselbe Ressource: Zeit, Aufmerksamkeit und den größten Namen im Spiel – Magnus Carlsen.

Carlsen ist der Fixpunkt, um den sich vieles dreht. Ohne ihn gäbe es Schach nicht beim Esports World Cup (und Schach müsste nicht dort gespielt werden, wo der Machthaber unliebsame Journalisten zerstückeln lässt). Die geplante „totale Weltmeisterschaft“ ist auf Carlsen zugeschnitten, weil sie schnelle und Blitz-Formate kombiniert. Beim Freestyle ist Carlsen Mitgründer und Anteilseigner. Buettner betont gegenüber der FAZ, Carlsen hege zwar Sympathien für andere Projekte, habe aber keine Zusage für konkurrierende Formate gegeben habe, speziell nicht für die „Total World Championship“.

Durch die neuen Formate und Projekte entstehen im Schach eine Reihe von Jobs auch abseits der Bretter. Aber vor allem die Elitespieler spüren den Wandel im Portemonnaie. Carlsen verdiente 2024 so viel wie nie zuvor, norwegischen Medienberichten zufolge mehr als 3 Millionen Dollar. 2025 dürfte er das noch übertreffen. Allein in der Freestyle-Tour gewann er mehr als 800.000 Dollar Preisgeld.

Endstand der Freestyle-Tour 2025.

In welchem Maße andere Spieler profitieren, zeigt sich unter anderem an Levon Aronian. Der, 43 Jahre alt, ist seit Jahren nicht mehr Teil der absoluten Weltspitze, hat aber 2025 sein finanziell bestes Jahr erlebt, wie er gegenüber der FAZ erklärte. In Südafrika gewann Aronian den letzten Freestyle Grand Slam der Saison nach einem klaren Finalsieg über Magnus Carlsen. Im Sommer hatte er den Grand Slam in Las Vegas nach einem Finalsieg über Hans Niemann gewonnen. Die Tour beendete er als Zweiter mit einem Gesamtpreisgeld von knapp 500.000 Dollar.

„Jetzt kommt die Zeit, auf die ich meine ganze Karriere gewartet habe“: Levon Aronian Ende 2023 in der Hoffnung, bald mehr 960 spielen zu können. Wenig später entstand Freestyle Chess.

Seit Jahren schwärmt Aronian von Schach960 als Heilsbringer für die Elite des Sports. Seine Freude über die jüngsten Erfolge ist spürbar, doch sie fällt nicht unkritisch aus. Angesichts des vollgestopften Schach-Turnierkalenders warnt Aronian vor einem Zustand, in dem Spieler „zu Zombies“ werden. Und er warnt vor Wildwuchs: zu viele Turniere, zu wenig Struktur, kaum transparente Qualifikationen. Alles hänge derzeit am Moment, nicht an klaren Wegen und Strukturen. Aronian wünscht sich ein System, das dem Tennis ähnelt: mit festen Kategorien, Planungssicherheit und klaren Einstiegsmöglichkeiten. Aronian: „Die Schachorganisatoren sollten zusammenkommen. Ich sehe viel Interesse, in Schach zu investieren, aber es herrscht einfach zu viel Chaos, wenn es um Organisationen geht.“

Auf der einen Seite Begeisterung, Geld, neue Zielgruppen. Auf der anderen Seite fehlende Ordnung. Die Grand Chess Tour verliert an Bedeutung, weil Carlsen seit Jahren fehlt. Die Global Chess League läuft erstmals ohne ihn. Die FIDE steht vor der Frage, ob sie sich abschottet oder einbindet. Dass Dvorkovich unter diesen Umständen Carlsen öffentlich als Nummer eins würdigt, mag ein Signal sein.

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Buettner steht jetzt vor der Frage, ob er diese Dynamik für Freestyle nutzen kann. Er verweist auf hohe Reichweiten, auf 25 Millionen Dollar eingesammeltes Kapital, auf eine Freestyle-Doku, die bei einem großen Streamingdienst landen soll. Gleichzeitig räumt er Fehler ein, etwa einen zu komplizierten Modus beim Turnier in Las Vegas. Die erste volle Saison sei dennoch ein Erfolg gewesen, sagt er. Das zeige ihm das Feedback der Spieler.

Levon Aronian mit Familie nach seinem Turniersieg in Südafrika. | Foto: Lennart Ootes/Freestyle Chess

Das Argument, warum Schach960 als Zuschauersport fürs breite Publikum ungeeignet sein mag, lautet stets, dass es von Beginn an schwierig zu verstehen ist. Aronian gibt zu bedenken, dass dies eine Folge des traditionellen Schachlernens nur anhand der seit Jahrhunderten ausschließlich gespielten Stellung 518 ist. Auch das muss seiner Ansicht nach nicht so bleiben.

Stellung 518.

In Las Vegas hat der frühere Weltranglistenzweite mit Basketballprofis Schach960 gespielt – und gestaunt, wie selbstverständlich sie mit Stellungen umgingen, die geübte Spieler als „ungewohnt“ charakterisieren würde. Die Basketballprofis waren frei von Dogmen und auswendig gelernten Eröffnungszügen. Aronian hofft jetzt auf eine Generation, die Schach ohne Vorurteile und Vorgaben lernt. Ohne feste Regeln wie „erst die Springer raus“ oder „nie die Dame früh ziehen“.

Wie es sich auf der Amateurebene entwickelt, weiß auch Aronian nicht. Aber er ist sich sicher, dass in der Elite Schach960 kein kurzes Phänomen ist. Jeder Topspieler, mit dem er spreche, liebe dieses Spiel. „Es ist aus der Kiste, und man kriegt es nicht wieder weg.“

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Tara
Tara
23 Tage zuvor

Fischerschach oder Schach960 wird sich nie so verbreiten wie das klassische Schach, egal, wie oft neue Bezeichnungen dafür erfunden werden. Es ist zu kompliziert, zu herausfordernd für die große Masse der normalen Schachspieler. Es war ja kein Zufall, dass ausgerechnet Bobby Fischer auf diese Idee gekommen ist und jetzt der gelangweilte Carlsen neuerdings auch ins gleiche Horn bläst. Dass es überwiegend Schach-Spitzenprofis supertoll finden, also Spitzen-Schachspieler, besonders wenn plötzlich viel Geld im Spiel ist, nur alleine deswegen wird sich diese für die breite Masse zu komplizierte Variante weder verbreiten noch so geschätzt werden wie das klassische Schach. Das Schachvolk liebt… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
23 Tage zuvor

Ein paar Daten zur Popularität von Freestyle Chess im Amateurbereich: Beim Grenke-Open haben sich im A-Turnier 25% für Freestyle Chess entschieden. Das ist wohl etwas zu Gunsten von Freestyle Chess verzerrt da viele GMs, die generell nicht Buettners Zielgruppe sind, auch mal finanziell profitieren wollten – zum Beispiel die gesamte deutsche Nationalmannschaft hinter Keymer. Nur Donchenko spielte trotzdem Normalschach – wie auch Leonardo Costa, der damals noch GM-Normen brauchte und in Karlsruhe eine erzielte. Im B- und C-Turnier haben sich jeweils 14% für Freestyle Chess entschieden. Dabei war das ja eher eine Gelegenheit, Freestyle Chess einmal auszuprobieren – es gibt… Weiterlesen »

Joschi
Joschi
23 Tage zuvor

Also erstmal danke, super Artikel! Meiner Meinung nach scheitert es momentan an einem dominanten weltverband. Ständig schießen irgendwelche hochdotierten Turnierserien aus dem Boden, mit unterschiedlichen Formaten und Wertungen. – Eine Blase. Woher kommen die Millionen für Carlsen und Co? Aus der Werbung jedenfalls nicht. Am besten finde ich immer live übertragene Turniere, bei denen der Ruhetag am Wochenende liegt. Für wen werden solche Turniere eigentlich organisiert? Für die Fans jedenfalls nicht. – Ein Vorwurf, den sich auch der Freestyle-Apostel Büttner gefallen lassen muss. In Berlin oder meinetwegen Linares hätte er hunderte Schlachtenbummler gehabt … Wir brauchen eine starke, gut organisierte… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
23 Tage zuvor

Die Elite kann sich auch, oder wohl vor allem deshalb, für Freestyle Chess begeistern weil Buettner (zukünftig vielleicht ein „Lead-Partner“) ihnen Geld und Luxus bietet. Wenn das nicht mehr der Fall sein sollte wird es wohl wieder weitgehend „in der Kiste verschwinden“ – wie zuvor 2010 nach dem Ende der Mainz Chess Classics. Ob es diesen „Lead-Partner“ gibt ist dabei weiterhin unklar, eigentlich ist es (angesichts von Weissenhaus im Februar und Grenke Chess immer an Ostern, nächstes Jahr Anfang April) bereits die Zeitnotphase. Warum FIDE nun doch eine Rolle spielen könnte: vielleicht gibt es gar keinen potentiellen Lead-Partner? Buettner kontaktierte… Weiterlesen »