Alexander von Gleich will Präsident des Deutschen Schachbunds werden. Das bestätigte der Finanzfachmann und DSB-Vizepräsident auf Anfrage dieser Seite. Bevor er sich zur Wahl stellen kann, werden bis zu neun Monate vergehen, in denen eine scheidende Präsidentin und ihr potenzieller Nachfolger gemeinsam die Geschicke des Verbands leiten müssen. Ob und wie das funktioniert, ist nicht ausgemacht.

Wie von Gleich zum DSB kam
Die Personalie von Gleich repräsentiert einen von Ingrid Lauterbachs ersten Triumphen nach ihrer Wahl am 20. Mai 2023. Nachdem das Vorgängerpräsidium den Verband auch finanziell abgewirtschaftet hatte, entbrannte eine Debatte um die Ursachenforschung. Sollten externe Wirtschaftsprüfer untersuchen, was passiert war, oder lässt sich eine solche Aufarbeitung mit Bordmitteln stemmen?
Für die zweite Lösung sprach, dass sie nichts kostet. Dagegen sprach, dass Leute, die jahrelang nichts gemerkt und am Ende zwei Mitverantwortliche entlastet haben, kaum als Aufklärer infrage kommen. Lauterbach plädierte trotzdem für eine interne Lösung. „Wir haben richtig gute Leute“, betonte sie kurz vor ihrer Wahl im Gespräch mit dieser Seite.
Wen sie meinte, offenbarte sich im August 2023, als der „Finanzuntersuchungsausschuss“ die Bühne betrat, gebildet von Alexander von Gleich und Matthias Kierzek. Die beiden einte, dass sie sich mit der zu untersuchenden Materie auskennen, dass sie seit Jahren anerkannte Mitglieder der Schachszene sind und, am wichtigsten, dass sie vom Geschehen in den Jahren davor unbelastet sind. Im November 2023 präsentierten von Gleich und Kierzek ihren allgemein beklatschten Untersuchungsbericht, das wahrscheinlich einzige DSB-Dokument in der jüngeren Vergangenheit, das zumindest einen spezifischen Teil einer Fehlentwicklung benennt und beleuchtet.
Ein knappes Jahr später trat der neue DSB-Finanzchef Axel Viereck zurück. Wegen seiner Untersuchung und seinem Kontakt zur DSB-Spitze war der Volkswirt und Banker Alexander von Gleich nun näher dran denn je – der logische Nachfolger. Ab Oktober 2024 bekleidete er das Amt des Vizepräsidenten Finanzen kommissarisch. Seit Mai 2025 verantwortet er als regulär gewählter Vizepräsident die DSB-Finanzen. Während von Gleich beim Kongress in Paderborn ohne Gegenstimme ins Vizepräsidenten-Amt und zum Stellvertreter der Präsidentin gewählt wurde, siegte Präsidentin Ingrid Lauterbach knapp gegen Paul Meyer-Dunker.

Murren beim Kongress, Eskalation beim Hauptausschuss
Schon im Mai war das Murren über Lauterbachs Amtsführung nicht zu überhören. Während sie in der Sache oft richtig liegen mag, scheitert sie seit Beginn ihrer Tätigkeit daran, eine Anführerin und Integrationsfigur zu sein, die Menschen einbindet, sie auf ein Ziel einschwört und mitnimmt – was gerade in der reformbedürftigen, teils dysfunktionalen Geschäftsstelle wichtig gewesen wäre. Die dort agierenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kamen nach dem Ende der Fenner-Krause-Ära vom Regen in die Traufe.

Mit Sicherheit hatten Ingrid Lauterbach und ihr Vizepräsident Jürgen Klüners schon Ende 2023 die Geschäftsführerin Anja Gering auf dem Kieker. Mit Sicherheit war der Umgang mit Gering schon Ende 2023 bei mindestens einer Gelegenheit erniedrigend. Offen ist die Frage, ob und wie lange seitens des Präsidiums geplant war, sich von ihr zu trennen. Dazu gibt es zwei widersprüchliche, umso bestimmter vorgetragene Aussagen, der Kern der jüngsten Eskalation.

Auch Alexander von Gleich findet, dass intern diverse Abläufe reformiert und modernisiert werden müssen. Öffentlich geäußert hat er sich dazu bislang kaum, er trägt Lauterbachs Diagnose in weiten Teilen mit. Wahrscheinlich hat er wegen dieser inhaltlichen Nähe in den vergangenen Monaten davon abgesehen, seine nicht erst jetzt erwachte Präsidentschafts-Ambition zu erklären, solange Lauterbach im Amt ist. Eine Kampfkandidatur habe er für sich stets ausgeschlossen, sagte er auf Anfrage. Und: „Die Diskussionen über Ingrid Lauterbach empfand ich als unerhört und unnötig.“
Dass akuter Handlungsbedarf besteht, um die Diskussionen zu beenden, dürfte sich ihm offenbart haben, als Anfang Oktober in Hofgeismar der Hauptausschuss eskalierte. Es ging um Kleinteiliges rund um die außerordentliche Kündigung der Geschäftsführerin, unter anderem um die Frage, ob diese Kündigung lange geplant war. Lauterbach bestreitet das. Andere insistieren, dass sie die Kündigung angekündigt hat. Übereinstimmend berichten Delegierte, dass Lauterbach und einige Gegenspieler zu diesem und anderen Aspekten der Kündigung ausgiebig und zunehmend aufgeheizt die Kategorien „wahr“ und „unwahr“ deklinierten.
Das unwürdige Lügenschauspiel mit einer knapp wiedergewählten Präsidentin im Mittelpunkt warf die Frage auf, ob gut vier Monate nach ihrer Wahl nun womöglich doch eine Mehrheit meint, dass jemand anderes Präsident sein sollte. Gäbe es dazu ein klares Meinungsbild, „damit wäre es beendet gewesen“, sagt von Gleich. Er wollte im Hauptausschuss eine „Vertrauensfrage“ stellen, damit alle sehen können, wie es steht.
Deventer und die Vertrauensfrage
Zu dieser Vertrauensfrage kam es nicht, Versammlungsleiter Klaus Deventer ließ sie nicht zu. Viele Beteiligte kritisieren im Nachhinein Deventers Entscheidung, sehen sie gar als den Auslöser für die lähmende Entwicklung seitdem, die nun bis August 2026 anhalten dürfte. „Borniert“, sagte etwa Michael S. Langer gegenüber dem Schachmagazin 64. Und es liegt ja auch nahe: Wir scheitern wieder einmal an unserer Paragrafenhörigkeit und der fehlenden Bereitschaft, eingefahrene Bahnen zu verlassen.

Deventer stimmt zu, dass seine Entscheidung „nicht allen gefallen“ hat, stellt aber auf Anfrage dieser Seite fest: „Der Hauptausschuss war schlicht nicht zuständig, ein Meinungsbild über die Arbeit des Präsidiums einzuholen.“ Nicht der Hauptausschuss, sondern der Kongress wähle und entlaste das Präsidium und bewerte dessen Arbeit. Trotzdem hätte es laut Deventer einen Weg gegeben, ein Vertrauensvotum zu erzwingen: per Geschäftsordnungsantrag. „Genug Geschäftsordnungsstrategen waren ja anwesend. Sonderbar, dass sie nach der Sitzungspause, die es ja gab, diesen Weg nicht gehen wollten.“
Von Gleichs Einschätzung, mit einem Vertrauensvotum „wäre es beendet gewesen“, hält Deventer für „offenkundig falsch“. Hätte das Präsidium die Vertrauensabstimmung verloren und wäre zurückgetreten, wäre die Mehrheit des Hauptausschusses nicht darauf vorbereitet gewesen, ein Übergangspräsidium zu wählen. „Wen wir bekommen hätten, wäre von Zufällen abhängig gewesen.“ Und auch wenn das Präsidium nach der Abstimmung im Amt geblieben wäre, wäre es als Übergangspräsidium nach Deventers Einschätzung „kaum handlungsfähig“ gewesen. Deventer glaubt, dass beide Szenarien die Reputation des DSB geschädigt hätten.
Abwahl-Kongress – oder nicht?
Nachdem es zur Vertrauensfrage nicht gekommen war, beantragten in Hofgeismar fünf Landesverbände (Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Bayern, Thüringen) einen außerordentlichen Kongress, um dort das amtierende Präsidium abzuwählen und ein neues zu bestimmen. Dazu wäre es Anfang Februar 2026 gekommen. Aber sogleich begann im Hintergrund parallel die Suche nach einem Weg, wie sich eine gerade wiedergewählte Präsidentin schnell aus dem Amt hieven lässt, ohne sie abwählen zu müssen.
Auch hier mag die erstaunliche Annahme eine Rolle gespielt haben, dass der DSB immer noch über eine Reputation verfügt, die sich durch eine Abwahl beschädigen ließe. „In der Außenwirkung würde eine Abwahl des Präsidiums kein gutes Licht auf den Deutschen Schachbund als Ganzes werfen“, erklärte jetzt André Schulz dem Chessbase-Publikum. In welchem Licht der Verband seit Jahren dasteht, blieb offen.

Beim Showdown Ende Oktober in einer Berliner Kanzlei verfolgten Präsidentin und Opposition gegensätzliche Ziele: Die einen wollten, dass Lauterbach ihr Amt möglichst bald abgibt, idealerweise sofort, während sie möglichst lange daran festhalten wollte. In einem mehrstündigen Tauziehen setzte sich Lauterbach durch. Ihre Vorgabe „nicht vor dem Gipfel 2026“ war nicht zu erschüttern. Daraus entstand der Kongress- und Neuwahl-Termin spätestens Mitte August 2026. Deswegen starb der schon für den Februar angesetzte Ab- und Neuwahltermin im Februar 2026.
Bis zum Kongress im August werden nun mindestens zwei ohnehin angesetzte Termine verstreichen, zu denen sich eine Wahl anbieten würde: der Hauptausschuss im Mai und besagter Gipfel im Juli, der als Schauplatz eines Kongresses sogar prädestiniert ist. Stattdessen wird kurz nach dem Gipfel an einem noch zu bestimmenden Ort ein separater Kongress zu veranstalten und zu bezahlen sein. Aus der Opposition heißt es hinter vorgehaltener Hand, man sei mit diesem Ergebnis nicht zufrieden. Die Verhandlung sei so zäh gewesen, dass es ein Erfolg sei, überhaupt zu einem Ergebnis gekommen zu sein.
Wäre es unter diesen Umständen nicht das bessere Ergebnis gewesen, die Verhandlung mit Lauterbach abzubrechen und dann im Februar die Lage zu klären? Peinlicher als vergangene Kongresse hätte dieser nicht werden können. Leute mit einem realistischen Blick auf die Restreputation des Konstrukts dürften zu der Einschätzung gelangen, dass es die jetzt ausverhandelten sechs Extramonate bis zum Neuwahl-Kongress eher nicht besser machen.
Die „Berliner Erklärung“ und die Folgen
Auf der DSB-Website ging sogleich die Fassade hoch, die sich dem Publikum als „gutes Licht“ und heile Welt verkaufen lässt: Bericht über das Treffen in Berlin, das die Teilnehmer:innen teils in getrennten Räumen absolviert haben, während ein Sherpa Nachrichten vom einen ins andere Zimmer trug. Auf der Verbandswebsite wird diese Zusammenkunft so charakterisiert: „Nun haben beide Parteien bewiesen, dass sie weiterhin miteinander kommunizieren und zum Wohle des deutschen Schachsports agieren“, steht dort. Noch am selben Tag erschienen genau dieser Passus und der Rest des gemeinschaftlich erklärten Quarks 1:1 auf Chessbase, deklariert als „Presseerklärung des DSB“ (die es nie gegeben hatte).

Die „Berliner Erklärung“ war kaum 24 Stunden online, da meldete sich schon Elisabeth Pähtz mit einem neuerlichen Rücktritt vom Rücktritt zu Wort. Nachdem bis dahin gegolten hatte, dass sie nicht mehr Nationalmannschaft spielt, solange Lauterbach im Amt ist, verkündete sie nun, sie habe Lust auf die Schacholympiade im September 2026 in Samarkand. Wenig später meldete sich Ingrid Lauterbach zu Wort – als diejenige, die beim Gipfel 2026 neben Organisationschef Bernd Vökler „die Fäden in der Hand hält“. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Vor diesem, maßgeblich von ihr mitgeplanten Gipfel wird sie nicht abtreten.
Ob die Fassade neun Monate lang hält, ist offen, ja, es ist noch nicht einmal gewiss, ob eine Fassade entsteht, die den Eindruck einer heilen Welt vermittelt. Wie sich die DSB-Führungsfiguren bis Mitte August arrangieren, ist ungeklärt. Der nun entstandene Schwebezustand hängt auch mit dem Umstand zusammen, dass es der seit Monaten als Nachfolger bereitstehende von Gleich bislang vermieden hat, einen präsidialen Pflock einzuschlagen – mutmaßlich, damit es nicht zu einem Konflikt mit Lauterbach kommt. Ob er bis zur Wahl im August als Präsident im Wartestand weiter lavieren und trotzdem zielführend arbeiten kann, erscheint fraglich. Auf Anfrage dieser Seite hielt er sich dazu bedeckt. Von Gleich erklärte lediglich: „Ich sehe mich in der Pflicht dem deutschen Schach zu helfen und glaube, dass ich hier weiter viel beitragen kann.“
Wenn ein Haus morsch, marode und verfault ist, dann ist ein Abriss und ein Neubau die richtige Entscheidung. Dieses elende, langsame weiter vor sich hin rotten dieses Schach-Verbandes ist nicht mehr mit anzuschauen.
Ich finde es schade, dass Ingrid Lauterbach abgesägt wurde. Aus meiner Sicht war sie eine erfolgreiche Präsidentin. Die Finanzen sind wieder geordnet, der Konflikt mit der DSJ wurde nicht nur befriedet, sondern ein gutes Verhältnis entwickelt.
Ok, fristlose Kündigung von Anja Gering. Eine fristgerechte Kündigung hätte es auch getan (das Amt der Geschäftsführerin war denn doch eine Nummer zu groß für sie).
Aus meiner Sicht ist das aber kein Grund, eine engagierte und kompetente Präsidentin abwählen zu wollen und sie damit zum Rücktritt zu drängen. Wir werden es noch bedauern, wenn sie nicht mehr im Amt ist.
Wie hätte Conrad Schormann eigentlich einen (von ihm zuvor prognostizierten) knappen Wahlsieg von Paul Meyer-Dunker kommentiert? Man weiß es nicht, aber ich tippe auf „Hurra, Neuanfang! Eine Minderheit hat diesen verweigert, aber Mehrheit ist Mehrheit.“ Knappe Mehrheiten sind mir im Zweifelsfall lieber als wenn ein Kandidat mangels Alternative fast einstimmig gewählt wird, vielleicht nur „weil man einen Dummen gefunden hat der sich das antun will“. Das mag es auf Vereinsebene geben. Manchmal macht jemand vielleicht auch nur oder eher „aus Pflichtgefühl“ weiter, weil kein Nachfolger bereitsteht. Nur eine Bewerbung (und selbst das) ist auch OK aber „Kampfabstimmung“ mit knappem Ausgang… Weiterlesen »
Aus dem Artikel wird klar, dass der Autor nicht einverstanden mit der Entwicklung ist, aber es bleibt – jenseits durchscheinender persönlicher Sympathien und Antipathien – unklar, warum. Insgesamt scheint das doch eine gute, für alle gesichtswahrende Lösung zu sein, von der auch der Verband profitiert. Wenn die sachliche Arbeit der Vorsitzenden an sich laut Autor gut war („während sie in der Sache oft richtig liegen mag“) dann ist es doch eine gute Lösung, wenn der von ihr mit Vertrauen ausgestattete (und laut Artikel auch bewährte) Gleich sich um ihre Nachfolge bewirbt, mit ähnlicher Sachkompetenz und dem Sympathievorschuss, den ein Neuanfang… Weiterlesen »
Seit dem Interview von Andre Schulz mit Michael Langer, der einen Nachfolger aus den inneren Kreis ins Gespräch brachte, war klar, dass Alexander von Gleich gemeint war. Warum er sich das antut, bleibt sein Geheimnis. Aber er ist die beste Wahl, um Ruhe reinzubringen. In ein paar Jahren kann der DSB dann einen Nachfolger suchen, der Kontakte in Politik und Wirtschaft hat und mehr Glamour ausstrahlt.