Marius Deuer hat sich mit 17 Jahren den Großmeistertitel erspielt. Beim El Llobregat Open in Spanien sicherte sich der Aulendorfer nach starkem Start vorzeitig seine dritte und letzte GM-Norm, die schon nach acht gespielten Partien sicher war. Am Ende belegte Deuer mit 7 Punkten aus 10 Runden und einer 2611-Performance den sechsten Platz. Den notwendigen Sprung über die 2500-Elo-Marke hatte er schon im Dezember 2024 erstmals geschafft.
„Dieses Jahr noch GM zu werden, war mein großes Ziel“, sagt Marius Deuer auf Anfrage dieser Seite. „Zwischendurch habe ich gedacht, es klappt dieses Jahr nicht mehr, aber jetzt bin ich umso glücklicher.“ Das Turnier sei sehr gut gelaufen, nicht nur zu seiner Freude, sondern zu der der ganzen Familie, insbesondere Mutter Almut Steinbach, die Marius nach Spanien begleitet hatte.
Im Kindergarten in Hannover begann für Marius Deuer einst die Schachleidenschaft. Bald darauf besuchte er das Schachzentrum Bemerode in Hannover, wo Trainer Michael May sein außergewöhnliches Talent entdeckte und förderte. Marius’ Eltern unterstützten ihn von Beginn an: Mutter Almut Steinbach und Vater Ernst Deuer erkannten früh die Begeisterung ihres Sohnes und ermöglichten ihm erste Turnierteilnahmen. Mit fünf Jahren trat Marius seinem ersten Schachverein bei.
Der Umzug der Familie ins oberschwäbische Aulendorf bedeutete schachlich einen Neuanfang. Marius schloss sich dem SC Weiße Dame Ulm an. „Ulm ist zwar nicht um die Ecke, aber dort spielen viele Kinder, das war Marius wichtig“, erklärte seine Mutter die Entscheidung, eine Stunde Anfahrt zum Club in Kauf zu nehmen. Für den damals Achtjährigen zählte vor allem, sparringstarke Gleichaltrige um sich zu haben. Schnell fand er im neuen Umfeld mit Johannes Bathray einen Coach, dessen Handschrift ihn prägen sollte. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Marius Deuer und vielen Gleichaltrigen: „Marius liebt Bücher.“ Schachbücher verschlinge er geradezu, hat Almut Steinbach über ihren Sohn verraten.
Bei der Deutschen Jugendmeisterschaft 2020 in Willingen übersprang Deuer zwei Altersklassen: Statt in seiner eigentlichen U12-Kategorie startete er in der U16 – und spielte ganz oben mit. Am Ende errang er die Bronzemedaille. Noch im selben Jahr gelang Marius sein erster Sieg gegen einen Großmeister. Bei einem Open in Krakau bezwang er den ukrainischen GM Petro Golubka – mit Schwarz.
Hand gebrochen – eine Chance zu trainieren
Hinter Marius Deuers Aufstieg steht ein förderndes Umfeld aus Trainern, Familie und Verband. 2021 wurde er in den C- und 2024 in den B-Kader berufen. Mit Top-Talenten wie Leonardo Costa, Bennet Hagner oder Magnus Ermitsch bekam er vom DSB eine spezielle Förderung. Regelmäßig trainierte er außerdem mit dem Großmeistern Arshak Petrosyan sowie Artur Jussupow, der seit Jahren in Süddeutschland Nachwuchsspieler formt.
2022 sah Marius Deuer sogar in einer Verletzung eine Chance. Eigentlich wollte er an einem Turnier in Marienbad teilnehmen, doch zwei Tage vor der Abreise brach er sich die Hand. Statt zu spielen, vertiefte er sich daheim in Analyse, Theorie und Training. Und kam stärker zurück. Wenig später gelang ihm, 13-jährig, bei einem GM-Turnier in Italien die erste IM-Norm. Mitte 2023 beschenkte er sich zu seinem 15. Geburtstag mit dem Titel. Danach dauerte es gut ein Jahr, bis Ende 2024 am Tegernsee die erste GM-Norm unter Dach und Fach war.
Zweite GM-Norm am ersten Brett für Deutschland
2025 wurde Marius Deuer Nationalspieler, als ihn die DSB-Leistungssportabteilung erstmals für den Mitropa-Cup nominierte. In der Slowakei rechtfertigte der Neu-Nationalspieler das Vertrauen eindrucksvoll. Am ersten Brett für Deutschland sicherte er sich mit einer 2627-Performance Silber in der Einzelwertung und die zweite Großmeisternorm, eine Leistung, erzielt unter schwierigen Umständen. Deuers Resümee seinerzeit: „Es war ein tolles Turnier mit einem starken Team, das mich immer unterstützt hat. Trotz der schrecklichen Organisation, des schrecklichen Geruchs im Spiellokal und der winzigsten Tische, die wir je sahen, hat es doch sehr Spaß gemacht.“
Unbeschwert auf die Schule konzentrieren
Schulisch gelingt ihm die Balance zwischen Sport und Abitur. Am Studienkolleg St. Johann in Blönried fehlt Marius Deuer gelegentlich, wenn er für Wettkämpfe freigestellt ist. Umso wichtiger, dass die Noten stimmen, „damit ich weiterhin Schulbefreiung kriege“, wie er in einem Interview für die Website seiner Schule erzählte. Noch in dieser Woche, unmittelbar nach dem Erfolg in Spanien, stehen drei Klausuren an.
Umso besser, dass der GM-Titel jetzt eingetütet ist, sodass sich der 17-Jährige „unbeschwert voll auf die Schule konzentrieren kann“, wie er dem DSB sagte. Wenn im kommenden Jahr das Abitur geschafft ist, will sich Deuer ein Schachjahr gönnen, ausloten, wie gut er werden kann, und dann entscheiden, wie es weitergeht.
(Titelfoto: David Llada)
Marius Deuer (Jahrgang 2008) wird dann der sechste deutsche Großmeister sein, der in diesem Jahrhundert geboren wurde.
Die anderen fünf sind Roven Vogel (Jahrgang 2000), Luis Engel (2002), Frederik Svane (2004), Vincent Keymer (2004) und Leonardo Costa (2008).