Den Gegner auf der Uhr unter Druck zu setzen, ist beim Schach über Wasser ein bekanntes Konzept. Es funktioniert auch unter Wasser. Dort gibt es zwar keine Uhr, aber die Pflicht abzutauchen, sobald der Gegner gezogen hat. Hans Niemann hatte sich jetzt für sein erstes Unterwasser-Turnier die Strategie zurechtgelegt, gegnerische Züge möglichst häufig „a tempo“, sofort, zu beantworten, sodass auf der anderen Seite des Brettes möglichst wenig Zeit zum Atmen bleibt. Das Konzept ging auf.
In Kapstadt hat Hans Niemann die erste „Freestyle Diving Chess Championship“ gewonnen, wie er es schon vor dem Turnier angekündigt hatte. Im Finale des Unterwasser-Events im Dachpool des Silo Hotels setzte er sich gegen Fabiano Caruana durch. Dritter wurde Javokhir Sindarov, der das kleine Finale gegen Vidit Gujarathi gewann.
Gespielt wurde auf einem Schachbrett, das 110 Zentimeter unter der Wasseroberfläche lag. Nach jedem Zug musste der Spieler auftauchen – und der Gegner sofort abtauchen. Nach seinem Finalsieg posierte Niemann stolz mit seiner Goldmedaille und trat anschließend noch gegen den polnischen Diving-Chess-Weltmeister Michal Mazurkiewicz an. Auch diese Partie gewann der US-Großmeister.
Das Diving-Chess-Event diente im erster Linie dem Ziel, Bilder und Clips zu produzieren, die sich möglichst weit verbreiten. Es war der Auftakt zu den Freestyle Chess Grand Slam Finals 2025, die am 8. Dezember in Südafrika beginnen. Eine Pressekonferenz mit Magnus Carlsen und Jan Henric Buettner eröffnete die Veranstaltung. Dort gab es interessante Sachen zu hören. Während Carlsen sich an der FIDE abarbeitete, offenbarte Buettner Pläne und Konzept zur Zukunft der Freestyle-Serie.
Die Bedenkzeitfrage
Auf dem Elitelevel ergibt Schach mit klassischer Bedenkzeit immer weniger Sinn, während 960 geradezu danach schreit, klassisch gespielt zu werden: Das war vor zwei Jahren das zentrale Argument von Magnus Carlsen, eine Turnierserie mitzugründen, die ihm endlich die Gelegenheit geben würde, zum ersten Mal überhaupt klassisches 960 zu spielen. Allerdings nicht für lange. Nachdem Vincent Keymer im Februar 2025 in Weissenhaus beim klassischen 960 die versammelte Weltelite dominiert hatte, stellte Freestyle auf von 90+30 auf 30+30 um. „Eine große Enttäuschung“, sagte dazu Keymer-Coach Peter Leko gegenüber der FAZ (für Abonnenten). Buettner ließ jetzt in Südafrika durchblicken, dass auch Levon Aronian nicht glücklich war.
Buettner sieht Freestyle Chess als Produkt, das nur dann breite Wirkung entfaltet, wenn es komprimiert, verständlich und medial verwertbar bleibt. Freestyle sollte die Massen erreichen – und für diese Zielsetzung sind seiner Meinung nach klassische Zeitkontrollen nicht geeignet. Die verkürzten Zeiten schafften darüber hinaus die Möglichkeit, das Format zu straffen: Viertelfinale, Halbfinale und Finale lassen sich an drei aufeinanderfolgenden Tagen austragen, und die Turniere schrumpfen von früher acht Veranstaltungstagen auf vier. Für Buettner ist die kürzere Bedenkzeit zentrale Voraussetzung, um Freestyle in eine Form zu bringen, die Sponsoren, Medien und Publikum anzieht.
Magnus Carlsen trägt die Verkürzung der Bedenkzeit mit. Er betont, dass die Spieler im Laufe der Serie gelernt hätten, die unorthodoxen Freestyle-Stellungen schneller zu durchdringen. Gerade in der Eröffnung sei das Niveau deutlich gestiegen. Dadurch werde eine kürzere Bedenkzeit möglich, „ohne dass die Qualität zusammenbricht“. 30+30 funktioniere in diesem Sinne: „Es bleibt genug Zeit, um zu erkunden, um das Wesentliche zu erfassen, und das ist alles, was ich mir als Spieler von diesem Format wirklich gewünscht habe.“ Freestyle bleibe das Format, das den Spielerinnen und Spielern Kampf und Kreativität von Beginn an abverlangt.

Schach und die FIDE
Carlsen begrüßt die Entwicklung auch im größeren Schachkontext: Dass die FIDE künftig 45+30 als klassisch wertet, sieht er als notwendigen Schritt. Traditionelles Schach mit traditionell langer Bedenkzeit sieht er als „nicht mehr herausfordernd genug“: zu viel Theorie, zu viele Möglichkeiten für Spieler, denen ein halber Punkt reicht. Kürzere Zeiten entfernten dieses Sicherheitsnetz und führten zu mehr entschiedenen Partien.
Carlsen verband in der gemeinsamen Pressekonferenz Lob und Kritik an der FIDE miteinander. Nach Carlsens Wahrnehmung passt sich die FIDE an, wenngleich spät. Im Rückblick hält er das Gebaren der Weltverband-Granden für „dumm“, nachdem der Verband, der mit seinen Avancen in Weissenhaus abgeblitzt war, den 960-Weltmeistertitel nicht hergeben wollte und sogar so weit ging, Spieler zu bedrohen bzw. zu erpressen. „Wild“ und „irrsinnig“ findet er aktuell die FIDE-Vorgabe, 40 klassische Partien für die Kandidatenqualifikation per Elo zu spielen. Nach seiner Einschätzung gehört die Bewertung, was ein „aktiver Spieler“ ist, reformiert.
Hikaru Nakamuras Micky-Maus-Serie, um als Nummer zwei der Welt WM-Kandidat zu werden, sieht Carlsen als Absurdität. Die besten Spieler sollten im Kandidatenturnier starten, und Nakamura gehöre dort seit Jahren selbstverständlich hinein. Seine wöchentlichen Online-Wettkämpfe und sein Streaming seien nichts anderes als permanenter Wettkampf, nur in moderner Form. Aus Sicht von Buettner illustriert Nakamura zudem den Bruch zwischen FIDE-Tradition und dem, was Elitespieler heute tun und brauchen: Während er die FIDE als zuständig für Amateure sieht, versteht Buettner Freestyle als Versuch, einen professionellen Markt mit zeitgemäßen Regeln und Formaten aufzubauen.

Schach vor Publikum?
Ob zu solchen Formaten ein Live-Publikum gehört? Diese auf der Hand liegende Frage kam nicht zur Sprache. Generell boomen Live-Veranstaltungen als Ort für ein individuelles Erlebnis abseits eines Bildschirms. Auch beim Schach gab es zuletzt erfolgversprechende Ansätze. Während etwa der Deutsche Schachbund in München seine überschaubar besuchte Deutsche Meisterschaft als Spezialistenveranstaltung versteckte, füllte wenige Meter weiter Levy Rozman mit einem Schachprogramm einen Konzertsaal. Der Schreiber dieser Zeilen machte zum ersten Mal in 40 Jahren die Erfahrung, beim Schach anstehen zu müssen, um reinzukommen. Wenig später die ausverkaufte Halle beim Länderkampf USA vs. Indien mit Nakamuras vieldiskutiertem Königswurf.
Freestyle hat Live-Publikum im Juli in Las Vegas versucht – mit ambivalentem Ergebnis. Dem Publikum gefiel es, die Rückmeldungen waren teils begeistert. Aber den Spielern gefiel es überhaupt nicht, in diesem Trubel einen Wettkampf um hunderttausende Dollar zu absolvieren. In Südafrika bleiben die Eloriesen nun wieder unter sich, während an einem zentralen Ort ein Public Viewing stattfindet. Ob dieses Konstrukt die Lösung repräsentiert oder nur eine Zwischenlösung ist, bleibt vorerst offen.

Schach und Tennis
Buettner verfolgt weiterhin das Ziel, mit Freestyle „Kontinente zu erobern“. Er verriet, dass es Gespräche mit einem neuen Kontinent gibt: Australien. „Wir haben eine Einladung vom Grand Slam in Melbourne erhalten, um dort einen Crossover zu veranstalten, wie wir es in Las Vegas mit all den großartigen Basketballspielern gemacht haben.“ Aber die große Schach-Tennis-Begegnung wäre schon im Januar 2026 gewesen, laut Buettner zeitlich nicht zu machen. Eine Veranstaltung mit den vielen am Schach interessierten Tennisspielern stehe trotzdem weiter auf der Freestyle-Agenda. „Vielleicht 2027.“ Welche Veranstaltungen 2026 bevorstehen, ob es etwa zur Freestyle-Grenke-Neuauflage kommt, blieb offen.
Auf die Frage nach der finanziellen Tragfähigkeit des gesamten Projekts sagte Buettner, dass die Sponsoren das Vorhaben begrüßen, aber „nicht so schnell, wie ich es mir anfangs erhofft hatte“. Gleichzeitig bleibt er optimistisch. Für das Freestyle-Finale in Südafrika hat Freestyle eine Partnerschaft mit der Lern-App Duolingo geschlossen. Buettner verweist auf Interesse beispielsweise aus der Krypto- und Finanzbranche, aber auch aus Großstädten, die hoffen, ihre Stadt mit einer der zukünftigen Freestyle-Veranstaltungen präsentieren zu können. Büttner: „Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr auf Veranstaltungsebene profitabel zu werden. 2027 soll die Gesamtprofitabilität erreicht sein. Das ist unser aktueller Plan.“
(Titelfoto: Chessbase India)
Wer die sozialen Probleme und Verhältnisse in Südafrika kennt, das Elend und die Gewalt und die Armut, der kann nur angewidert sein von dieser instinktlosen Veranstaltung. Für Geld machen manche Menschen leider alles. Offensichtlich bedauerlicherweise auch die meisten Schachspieler, die für ein paar Dollar mehr alles mit sich machen lassen und gerne nach der Geld-Pfeife tanzen und devot über jedes elende Söckchen springen. Ob sich die instinktlosen Schach-Helden trauen werden, mal selbst in Augenschein zu nehmen, wo & wie der größte Teil der Menschen in Südafrika leben muss, während sie im Luxuspool bescheuerte Spielchen spielen, um die „richtigen“ Bilder zu… Weiterlesen »