„Glaube nicht an Suizid“: Peter Giannatos über den Tod von Daniel Naroditsky

FM Peter Giannatos, Gründer des Charlotte Chess Center und enger Freund von Daniel Naroditsky, hat im Perpetual-Chess-Podcast geschildert, was in den Tagen vor dem Tod des Großmeisters geschehen ist. Eine verbreitete Annahme weist Giannatos zurück: Suizid hält Giannatos für äußerst unwahrscheinlich.

Peter Giannatos im Perpetual Chess Podcast.

In der Nacht während Naroditskys letztem Stream und etwa 36 Stunden vor dem Tod Naroditskys fuhren Giannatos und GM Alexander Bortnyk zu Naroditskys Haus. Bekannte hatten angesichts von Naroditskys seltsamen Verhalten im Stream aus Sorge Alarm geschlagen. Andere, darunter Benjamin Bok und Hans Niemann, versuchten, Naroditsky online zu beschäftigen, bis Giannatos und Bortnyk eintreffen.

Der letzte Stream von Daniel Naroditsky.

Die beiden Freunde blieben mehrere Stunden bei Naroditsky. Er sei erschöpft und angespannt, aber bei Sinnen gewesen. Die drei hätten ein klares Gespräch geführt. Giannatos verabschiedete sich gegen drei Uhr morgens – mit der Frage, ob der Wecker für das Comet Open am nächsten Tag gestellt sei. Naroditsky bestätigte das.

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Am Samstag spielte Naroditsky das Turnier wie geplant. Er gewann das Auftaktmatch gegen Matthias Blübaum. Danach verlor er gegen Alireza Firouzja und schied später aus. Giannatos betont, dieser Auftritt zeige, dass Naroditsky nicht die Kontrolle verloren hatte. Vorbereitung, Teilnahme, Wettkampf – alles wie geplant.

Daniel Naroditsky mit Oleksandr Bortnyk (l.) und Anish Giri während der Rapid- und Blitz-WM Ende 2024 in New York. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Am Sonntag meldeten sich Freunde, weil sie Naroditsky nicht erreichten. Das sei grundsätzlich nichts Ungewöhnliches gewesen: Naroditsky habe oft lange geschlafen und verzögert reagiert. Erst am frühen Abend, als weiterhin jede Rückmeldung fehlte, fuhren Giannatos und Bortnyk wieder zu ihm. Sie fanden ihn leblos in seiner Wohnung. Nach dem Notruf seien die Rettungskräfte schnell dagewesen. Die Wiederbelebung blieb erfolglos.

Natürlicher Tod oder Unfall?

Giannatos sagt, er wäre „schockiert, wenn der offizielle Bericht Suizid ergeben würde“. Die Gesamtsituation am Freitag, Naroditskys Antreten beim Turnier und die Umstände am Fundort würden aus seiner Sicht dagegen sprechen. Er geht von einer natürlichen Todesursache oder einem Unfall aus, betont aber, das sei nur eine Meinung, so lange es keine offizielle Erklärung gebe.

Durchs Fenster sah es für ihn und Bortnyk aus, als würde Naroditsky auf der Couch schlafen. Was sie drinnen vorfanden, dazu will Giannatos keine Details preisgeben. Eine endgültige Einschätzung der Behörden liegt bislang nicht vor. Das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung steht aus.

Nachruf des Charlotte Chess Centers.

Giannatos macht deutlich, wie sehr Naroditsky die über Monate andauernden Vorwürfe getroffen haben. Nicht die anonymen Kommentare seien entscheidend gewesen, sondern Zweifel von Größen der Schachszene, deren Anerkennung ihm wichtig war. Für ihn sei es ein Angriff auf die eigene Identität gewesen – auf jemanden, der seit Kindheit Großmeister werden wollte und sich über Integrität und Leistung definierte.

Aus Gesprächen mit Naroditsky in den vergangenen Jahren entstand ein Projekt, das nun sein Vermächtnis sichern soll. Das Charlotte Chess Center und die Familie haben den Naroditsky Memorial and Fellowship Fund gestartet. Ziel sind ein jährliches internationales Blitz- und Rapidturnier in Charlotte sowie ein Stipendium für junge Talente. Der Fonds soll als dauerhafte Einrichtung wachsen; die Zielmarke liegt bei vier Millionen Dollar. Giannatos betont, dass kein Geld an das Chess Center oder ihn persönlich fließt. Transparenz und Unabhängigkeit seien garantiert.

Der Fonds soll Naroditskys Namen langfristig tragen. Sein Einfluss als Lehrer, Kommentator und Schnellschachspieler sei weit größer gewesen, als es seine Kritiker verstanden hätten, sagt Giannatos.

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(Titelfoto: Lennart Ootes/Saint Louis Chess Club)

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4 Kommentare
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Tara
Tara
20 Tage zuvor

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Thomas Richter
Thomas Richter
20 Tage zuvor

Mein Kommentar: Wenn es eine Überdosis war lässt sich wohl nie klären, ob das versehentlich, absichtlich oder „zwischendrin“ (Tod billigend in Kauf nehmen) war. Bei starken Stimmungsschwankungen bedeutet „tags zuvor spielte er noch ein Turnier“ auch nicht viel. Zum Beispiel Herzversagen kann auch Folge einer Überdosis sein und dann als natürlicher Tod bezeichnet werden. Wie man als Folge eines Unfalls auf dem Sofa einschlafen und nicht wieder aufwachen kann, da reicht meine Fantasie nicht aus – etwa ein Stromschlag? Das ist dabei nun einen Monat her, warum dauert die toxikologische Untersuchung so lange? In anderen Fällen, bei Verdacht auf Fremdverschulden,… Weiterlesen »

Joschi
Joschi
20 Tage zuvor

Dass das Ergebnis der toxikologischen Untersuchunger nicht vorliegt, halte ich für ein Gerücht. Woher stammt die Information?

„Nicht veröffentlicht“ bedeutet nicht, dass das Ergebnis der Pathologie (nicht Toxikologie!) nicht vorliegt.