Vincent Keymer: Noch kein WM-Kandidat, aber oben angekommen

„Ich bin in der Weltspitze angekommen.“ Das sagte Vincent Keymer jetzt kurz nach seinem 21. Geburtstag im Gespräch mit der Sportschau. Zwei Monate Turniere liegen zum Zeitpunkt des Interviews hinter ihm, die 20-stündige Rückreise aus Goa steckt ihm in den Knochen. Nun hat er die Gelegenheit, Kraft zu schöpfen und auf ein Jahr zurückzuschauen, in dem er sich bis auf den vierten Platz der Weltrangliste emporgearbeitet hat.

Vincent Keymer hat jetzt ein paar Wochen Pause, bevor er Ende des Jahres bei der Schnellschach- und Blitz-WM antritt. | Foto: Eteri Kublashvili/FIDE

Viele haben Keymer in den vergangenen Monaten als besten Spieler der Welt gesehen. Trotzdem wird er ein unmittelbares Ziel verfehlen. Wenn in einem halben Jahr auf Zypern das Kandidatenturnier beginnt, ist die deutsche Nummer eins nicht mit von der Partie, auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass er ein regulärer, fast schon natürlicher Teil dieses Elitezirkels wäre.

Einen Endspurt, um in der FIDE-Turnierwertung noch Praggnanandhaa zu überholen, schließt Keymer aus. Die Chance, das zu schaffen, wäre ohnehin sehr klein. Und er müsste sofort wieder ans Brett. Keymer sagt klar, dass er das nicht leisten kann und will. Das Jahr war zu intensiv. Jetzt braucht er eine Pause, bevor er Ende Dezember bei der Schnellschach- und Blitz-WM antritt.

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Das Aus beim World Cup gegen Andrey Esipenko war ärgerlich, doch im Gespräch mit der Sportschau wird deutlich, was ihn viel mehr wurmt: Beim Grand Swiss stand der Weg ins Kandidatenturnier offen. Zweimal sogar. Erst ließ sich Keymer von Matthias Blübaum austricksen, dann schaffte er es am Ende einer stark geführten Partie gegen Arjun Erigiaisi nicht, einen Deckel draufzumachen. Das war entscheidend, nicht der World Cup.

Ausgeschieden gegen Andrey Esipenko, ärgerlich, aber aus Keymers Sicht nicht der Knackpunkt der verpassten Kandidatenqualifikation. | Foto: Eteri Kublashvili/FIDE

Das Format des K.o.-Turniers mit seinem Lotteriecharakter mag er, fragt sich aber angesichts der vielen Tiebreaks, ob ein solches Turnier wirklich drei Kandidaten für die klassische WM gebären sollte. Keymer: „Die Bedeutung der schnellen Formate in diesem Jahr ist schon krass. Es stellt sich schon die Frage, inwieweit es sinnvoll ist, drei Plätze für die klassische Schach-WM dort zu vergeben, wo Schnell- und Blitzschach so wichtig sind.“ Auch hinsichtlich der FIDE-Turnierwertung stellt Keymer das Reglement infrage. Seine Weltklasseleistungen bei der Europameisterschaft wie beim Europacup der Vereine flossen nicht ein, da Mannschaftswettbewerbe für den „FIDE Circuit“ nicht zählen.

https://youtu.be/8hd_PM7e9Ow
Beim Großmeisterturnier in Indien im August 2025 gelang Vincent Keymer erstmals der Sprung in die Top Ten der Welt.

Keymers Leistungssprung 2025 beruht nicht auf einer geheimen Rezeptur. Die Arbeit mit Peter Leko lief weiter, die Struktur änderte sich nicht. Einfluss hatten eher zwei Punkte: der Sieg in Weissenhaus und ein überlegener Erfolg im Sommer in Indien. Danach, sagt er, habe sich das Gefühl eingestellt, ganz oben mitzuspielen. Dazu kommt finanzielle Sicherheit. Jan Henric Buettner unterstützt ihn seit 2024 und gibt ihm zugleich die Freiheit, seinen Weg so weiterzugehen, wie er das für richtig hält. „Das hat mir mein Leben erleichtert.“

Auftakt eines starken Jahres, dem nur das Sahnehäubchen fehlen wird: Der Erfolg in Weissenhaus im Februar mit der ikonischen Schwarzpartie gegen Fabiano Caruana, in der Keymer 21. Minuten für den ersten Zug überlegte – und dann den Rest aus dem Ärmel schüttelte.

Zu den Kollegen hat sich Keymer schon beim World Cup mehrfach anerkennend geäußert. Das wiederholt er nun gegenüber der Sportschau. Matthias Blübaum durchlebe ein Hoch, Frederik Svane zeige sein Potenzial und Alexander Donchenko „ist zu dem Spieler geworden, der er sein kann“.

Keymer hofft, dass diese Konstellation „das Schach in Deutschland weiter vorantreibt. Es fehlt hier immer noch das Gefühl, dass Schach ein Profisport sein kann. Das zu verändern, kann gerne auf mehreren Schultern liegen.“

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Tara
Tara
22 Tage zuvor

„Erst ließ sich Keymer von Matthias Blübaum austricksen,…“ – Keymer hat sich selbst um seine Chance gebracht, es war ein Fehler von Keymer, der den Erfolg verhindert hat. Blühbaum war lediglich der Nutznießer, Blübaum hat „NICHT getrickst.“ Schade, dass der unbestritten beste deutsche Spieler nicht im Kandidaten-Finale dabei ist. Ich habe die Hoffnung, dass ihn dies zukünftig noch stärker machen wird. Die Art der Ermittlung der Kandidaten, das verwendete Format der Austragung halte ich für sehr kritikwürdig und teile seine Ansicht, seine sehr moderat geäußerte Kritik. Blühbaum wünsche ich ein genauso gute Leistung wie in seinem Qualifikationsturnier!

joschi
joschi
22 Tage zuvor

„Viele haben Keymer in den vergangenen Monaten als besten Spieler der Welt gesehen.“ Wer denn genau? Sorry, aber lassen wir die Kirche mal im Dorf. Und lassen wir Keymer in Ruhe in der Weltspitze etablieren, vielleicht gar in Höhen und Stärken, die in den letzten Jahren Caruana, Carlsen und Nakamura besetzt haben. Noch eine kleine Anmerkung: Gerade im Weltcup hat sich gezeigt, dass zumindest in den Top 50 nahezu jeder jeden schlagen kann. Der Begriff der Weltspitze ist sehr schwammig und der Begriff des Favoriten wurde in der gesamten Schachpresse bei der Weltcupberichterstattung überstrapaziert. Mit 50 oder 70 Ratingpunkten mehr… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
21 Tage zuvor

„Viele haben Keymer in den vergangenen Monaten als besten Spieler der Welt gesehen.“ Ja, man beachte dabei „in den vergangenen Monaten“ – noch ist es eine Momentaufnahme. Aktuell würde man ihn eher im Kandidatenturnier „erwarten“ als Abdusattorov – Mai 2024 bis August 2025 top10, zuletzt durch schlechte Ergebnisse bei Sinquefield Cup und Weltcup (zusammen Elo -41) auf Platz 17 in der Liveliste abgestürzt. Etwas relativierend kann man auch betrachten, wie Keymers Aufstieg zustande kam. Welche 2700+ Gegner hatte er mit welchen Ergebnissen? 7 Partien gegen 3 Spieler, zwei Weltklasse und einer nicht ganz: bei der deutschen Meisterschaft natürlich gar keine… Weiterlesen »