Schon im Juni ist WGM Lena Georgescu aus dem Schweizer Nationalteam zurückgetreten. Jetzt hat sie sich im Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen öffentlich dazu geäußert. Die beste gebürtige Schweizer Schachspielerin macht deutlich, dass sie ihren Schritt gemeinsam mit dem Verband kommunizieren wollte. Das habe der Schweizerische Schachbund (SSB) abgelehnt. Damit blieb ihr nur der Weg über Interviews, im September beim Radiosender neo1 und jetzt beim SRF. Georgescu findet das Verhalten der Verbandsführung „schade“.

Die Entscheidung sei keine spontane Idee gewesen. Sie spricht von einer Entwicklung über rund fünf Jahre. In diesem Zeitraum habe sich aus ihrer Sicht die Arbeit im Bereich Spitzensport und Nationalteams verändert – nicht zum Guten. Sie nennt drei Punkte: mangelnde Transparenz, ungleiche Behandlung der Spielerinnen und Entscheidungen, die nicht nachvollziehbar erklärt wurden. Das alles habe sie zunehmend zermürbt.
Die 25-Jährige betont zugleich, dass ihre Kritik nicht auf den gesamten Verband zielt. Viele Verantwortliche im Schweizer Schach kenne und schätze sie seit Jahren. In der Breite funktioniere die Arbeit gut. Die Probleme verortet sie klar im Bereich der Nationalteams der Erwachsenen. Genau dort habe sich der Stil geändert. Sie sagt: „Früher hatte ich nie ein Problem mit dem Verband.“ Das hat sich für sie deutlich verschoben.
Georgescu suchte das Gespräch mit dem Verbandspräsident André Vögtlin. Sie hoffte, Missstände zu besprechen und Lösungen zu finden. Das Gespräch brachte nach ihrer Darstellung „nicht das gewünschte Ergebnis“. Der Verband blieb bei seiner Linie. Für sie war dann klar, dass sie Konsequenzen ziehen muss. Die Folge war der Rücktritt – ohne gemeinsame Erklärung, obwohl sie sich eine solche ausdrücklich gewünscht hätte.
Der Schritt habe sie Antrittsgelder im Nationalteam und internationale Einsätze gekostet, sagt Georgescu. Trotzdem beschreibt sie ihn als notwendig. Der ständige Ärger, sagt sie, habe ihr Energie entzogen. Sie habe sich „ständig aufgeregt“, und das schadete ihrem Spiel. Seit dem Rücktritt laufe es besser. Sie spiele freier, ruhiger, konzentrierter. Das sei ein persönlicher Gewinn, auch wenn die Entscheidung weiterhin bitter sei.
Als vor der Mannschaftseuropameisterschaft 2025 jeder sehen konnte, dass Georgescu nicht im Kader ist, erwähnte der SSB im August mit einem Satz am Ende eines Beitrags ihren Rücktritt. Im folgenden Satz erfahren die Lesenden, dass auch Damen-Nationalcoach IM Milan Novkovic zurückgetreten ist. Eine Begründung nennt der Verband in beiden Fällen nicht. Novkovic hat sich, so weit das zu sehen ist, nicht öffentlich geäußert. Eine Schach-Zeitschrift oder -Website, die die Rücktritte beleuchtet, geschweige denn die beiden Zurückgetretenen befragt, hat sich bislang nicht offenbart.
Der SRF hat im Rahmen seiner Georgescu-Berichterstattung auf ein im Schach kaum bekanntes Konzept zurückgegriffen: Nachfragen. Zu viel geführt hat das investigative Vorgehen in diesem Fall nicht. Der SBB konterte mit einem im deutschsprachigen Schach sattsam bekannten Konzept, das immer dort funktioniert, wo Nachfragen nicht zu befürchten sind: Schweigen. Der SBB verwies den Sender auf den einen Satz, den er im August veröffentlicht hat. Eine separate Stellungnahme zu den Vorwürfen gab es nicht.
Neben den Strukturen im Spitzensport spricht Georgescu über ein zweites großes Thema: Sexismus und Grenzüberschreitungen im Schach. Die Informatik-Studentin ist eine von mehr als 140 Frauen, die vor zwei Jahren einen offenen Brief über sexualisierte Sprüche und unangemessenes Verhalten in der Szene unterzeichnet haben. Heute bekommt sie solche Situationen seltener zu spüren. Sie führt das jedoch nicht auf einen grundlegenden Wandel zurück. Eher darauf, dass sie älter, erfahrener und als stärkste gebürtige Schweizer Spielerin sichtbarer ist. Für Mädchen sei die Lage anders.

Georgescu beschreibt konkrete Muster: frühe sexualisierte Kommentare von erwachsenen Männern über 13-jährige Spielerinnen, Nachrichten mit zweideutigen Angeboten, Trainer, die in ihrer Rolle Grenzen nicht einhalten. Frauen würden sich oft fragen, ob sie „wirklich dazugehören“. Das sei das eigentliche Problem. Nicht eine einzelne Bemerkung, sondern ein Klima, das zu oft zulasse, dass Mädchen sich unsicher fühlen. Die neuen Anlaufstellen wie die Ethik-Kommission von Swiss Olympic seien ein Fortschritt. Sie änderten aber nicht automatisch das Verhalten der Menschen, die Grenzen überschreiten.
Ein dritter Schwerpunkt des Gesprächs ist die Frage, warum Frauen in der Weltspitze so selten sind. Georgescu hält biologische Argumente für wenig stichhaltig. Sie sieht zwei Faktoren. Erstens: Statistik. Wenn nur ein Bruchteil der ohnehin deutlich unterrepräsentierten Spielerinnen ernsthaft Richtung Spitze trainiert, werden an der Weltspitze zwangsläufig fast nur Männer stehen. Zweitens: der Aufwand. Sie spricht von Trainingsumfängen von „zwölf Stunden am Tag“, die im Spitzenschach üblich seien. Männer nähmen diesen Weg auf sich, Frauen kaum einmal. Die männliche Dominanz an der Spitze sei kein „Naturgesetz“, sondern ein Resultat der Zahlen und der Investition, die Spielerinnen und Spieler zu leisten bereit sind.
Auch auf ihren Rücktritt wirkt dieses Thema zurück. Für Georgescu ist Spitzenleistung nur möglich, wenn das Umfeld stimmt. Genau daran aber hakt es für sie beim Schweizer Nationalteam. Eine Rückkehr könne sie sich nur vorstellen, wenn sich „grundlegend etwas ändert“.
Wenn das Gesagte inhaltlich korrekt wieder gegeben wurde, wovon ich ausgehe, für mich hört sich alles etwas konfus, widersprüchlich und sehr dünn an. Wenn man Kritik äußert, dann sollte man klipp und klar Ross, Reiter oder Reiterin nennen. „Sie spricht von Trainingsumfängen von „zwölf Stunden am Tag“, die im Spitzenschach üblich seien. Männer nähmen diesen Weg auf sich, Frauen kaum einmal.“ Tja, wenn das so einfach ist, dann sollte Frau Georgescu und andere Spielerinnen wohl mal länger und intensiver darüber nachdenken, was das bedeutet. Denn bekanntlich kommen nur die Harten in den Garten. Es gibt genügend Beispiele dafür. Biologische Unterschiede… Weiterlesen »
Zum ersten Teil mit dem Schweizer Kader. Leistungsschachspieler sind oft wie hochgezüchtete empfindliche Turnierpferde. Frauen vielleicht noch mehr als Männer. Frauentrainer brauchen viel psychologisches Einfühlungsvermögen.
Der SRF-Link ist nicht korrekt (Fehler 404), aber der folgende Link sollte zum gewünschten Ziel führen:
https://www.srf.ch/audio/tagesgespraech/lena-georgescu-es-braucht-mehr-kontrollen-an-schachturnieren?id=AUDI20251113_NR_0023