World Cup: Nach dem Sieg über Giri, vor dem Match gegen Blübaum – Alexander Donchenko im Interview

Auch beim Einzelturnier World Cup, wo jeder für sich spielt, zählt im Deutschlandvierer der Teamgedanke. Nach seinem Triumph über Anish Giri und seinem Einzug in die vierte Runde berichtete Alexander Donchenko im Lichess-Interview unter anderem von den gemeinsamen Teamabendessen, die zum Teil der Routine in Goa geworden sind. Auch am Vorabend ihrer Begegnung in der vierten Runde werden Matthias Blübaum und Alexander Donchenko gemeinsam essen, bevor sie sich zur Vorbereitung auf den jeweils anderen zurückziehen.

„Langsam sickert es ein“: Interview am Tag nach dem Sieg über Anish Giri.

Vincent Keymer hat ebenfalls das Team im Sinn. Sechs Tage vor seinem 21. Geburtstag lässt der Weltranglistenvierte kaum eine Gelegenheit aus, die Klasse und die Leistungen seiner Kollegen zu preisen. Abseits seiner individuellen Ambitionen hegt Keymer den Traum, mit diesem Team die Schacholympiade zu rocken. Dafür wäre hilfreich, würde ein Mannschaftsturnier gelingen, in dem alle Teile der Mannschaft World-Cup-Galaform aufs Brett bringen.

Vincent Keymer denkt beim World Cup auch an kommende Mannschaftswettbewerbe. | Foto: Michal Walusza/FIDE

In Goa ist jetzt zweierlei sicher: Mindestens ein Deutscher wird das Achtelfinale erreichen, und mindestens einer rausfliegen – Donchenko oder Blübaum. Der 27-jährige Gießener findet es gar nicht einmal unpraktisch, jetzt auf seinen Kollegen zu treffen. Die beiden haben unzählige Sträuße ausgefochten, kennen einander in- und auswendig. Das mache die Vorbereitung eher einfacher, findet Donchenko.

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Das Interview auf Lichess, übersetzt und redaktionell bearbeitet:

Alexander, ein Tag ist vergangen, seitdem du Anish Giri aus dem Turnier geworfen hast. Wie fühlt es sich an?

Es sickert langsam ein. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht erwartet, zu diesem Zeitpunkt noch dabei zu sein. Mal sehen, wie weit es geht. Ich habe bisher auch noch nicht wieder viel an Schach gedacht, das kommt wohl erst ab morgen.

Dein nächster Gegner ist dein Landsmann Matthias Blübaum. Macht das die Vorbereitung schwieriger?

Nicht unbedingt. Wir haben oft gegeneinander gespielt, kennen uns gut. Es gibt keine großen Geheimnisse mehr. Vielleicht ist es sogar angenehmer, als wenn ich jetzt bei null anfangen müsste.

Eines von zahllosen Duellen dieser beiden. Hier ging es um die deutsche Blitzmeisterschaft.

Die Deutschen treten hier insgesamt stark auf. Wie ist die Stimmung unter euch?

Sehr gut. Ich glaube, viele haben nicht erwartet, dass Frederik und ich hier große Namen rauswerfen. Jetzt sind noch vier Deutsche im Rennen. Wir essen meistens zusammen, der Teamgeist ist also da, auch wenn wir gegeneinander spielen müssen.

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Giri hatte seit über 50 klassischen Partien nicht mehr verloren. Bedeutet dir das etwas?

Das wusste ich gar nicht.

Und jetzt, wo du es weißt?

Klar, Giri ist extrem solide. Ich würde es nicht zu sehr hochhängen, aber darf ich dazu eine kurze Geschichte erzählen?

Unbedingt.

Im Grunde wusste ich, dass gestern wahrscheinlich nicht mein bester Tag in Sachen Schach sein würde. Ich fühlte mich etwas angeschlagen und wollte eigentlich kein großes Risiko eingehen. Aber irgendwie landeten wir dann doch in einer sehr komplizierten Stellung. Und es ging am Ende ja offensichtlich ziemlich gut aus. Trotzdem erinnerte es mich an eine andere Partie, die ich in Wijk an Zee gegen Gukesh gespielt habe. Schon vor der Partie war mir klar, dass es sehr riskant wäre, auf einen offenen Schlagabtausch zu setzen. Aber ich habe es trotzdem gemacht – eine extrem komplexe Variante. Und wurde mit Weiß komplett überrollt. Keine Chance.

Alexander Donchenko nach seiner Wijk-Teilnahme 2021.

Also war es gegen Giri auch ein persönlicher Sieg – ein bisschen gegen den eigenen Instinkt?

Ja, das trifft’s ganz gut. Es war sicher nicht meine beste Partie – und erst recht nicht seine –, aber ich habe ein paar ordentliche Züge gemacht. Ich erinnere mich gar nicht an viele Details. Vielleicht, weil ich so sehr im Tunnel war. Oder weil ich mich körperlich nicht gut fühlte.

Gab es einen Moment, in dem du wusstest: Das Ding gewinne ich?

Nach der Zeitkontrolle war mir klar, dass ich auf Gewinn stehe. Aber dann bin ich rumgelaufen, hab Wasser geholt – und da kam der Gedanke: „Wenn ich das wirklich gewinne, bekomme ich zwei freie Tage.“ Da musste ich mich zwingen: Stopp. Jetzt noch nicht. In einer Stunde darfst du feiern. Jetzt musst du weiter fokussiert bleiben.

Ein mentales Ausdauerspiel.

Absolut. Es geht darum, die Gedanken unter Kontrolle zu halten. Nur Dinge zu denken, die dir während der Partie helfen. Sich vorzustellen, wie cool ein Sieg wäre, hilft nicht – das macht nur nervös.

Georgios Souleidis zeigt unter anderem Alexander Donchenkos Sieg über Anish Giri.

Du hast in der Partie f5 gespielt. Im Nachhinein gesehen – war das der richtige Moment?

Als ich Springer d6 und Dame g6 spielte, wusste ich: Dynamisch sollte ich besser stehen. Aber ich hatte wenig Zeit und keinen klaren Plan. Dann kam diese Stelle, an der ich zwischen Ld4 und dem f5-Vorstoß wählen musste. Im Nachhinein war es wohl die falsche Entscheidung – aber es ging trotzdem gut aus.

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Menschliche Entscheidungen eben. Selbst wenn die Engine danach Gleichstand anzeigt…

Genau. Wenn Anish in beiderseitiger Zeitnot die besten Verteidigungszüge findet – Respekt, dann wäre es eben in die Tie-Breaks gegangen.

Heute ist für dich ein Ruhetag. Hast du Pläne?

Ich bin jetzt fast zwei Wochen hier, man hat so seine Routine. Wenn’s mir gut geht, mache ich gern Sport, aber im Moment halte ich lieber etwas zurück. Wenn ich wieder fit bin, fange ich mit der Vorbereitung an.

Und das Teamdinner?

Teamdinner ist immer gesetzt.

Dann gute Erholung – wenn du Giri in diesem Zustand schlägst, will ich gar nicht wissen, wie du in Topform spielst.

Hoffentlich gut – aber beim Schach kann man nie sicher sein. Manchmal spielt man am besten, wenn man’s am wenigsten erwartet.

Einen einzelnen schwarz-rot-goldenen Eintrag für das Achtelfinale gibt es schon. Bis die 16 Namen feststehen, wird es noch drei Tage dauern. | via Wikipedia
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J.G.
J.G.
1 Monat zuvor

Vielen Dank für die (bei deutschem Erfolg gewohnt ;)) rege Berichterstattung. Jetzt schon steht eine mittelgroße bis riesige Überraschung bei der World Cup-Qualifikation fest: In der oberen Turnierhälfte wird ein Spieler sicher die Quali schaffen, ein anderer wird die Chance im Spiel um Platz 3 erhalten. zwei 2700er dieser Hälfte (Sindarov und Yangyi) treffen direkt aufeinander, Le Quang Liem (#17) wäre Ratingfavorit und Awonder Liang ist sicher auch ein heißer Kandidat. Gut für uns: Mit F.Svane und Donchenko haben wir hier gleich zwei Leute noch im Rennen. In der unteren Hälfte hingegen müssen mit Pragg, Vincent, Wei Yi und Erigaisi… Weiterlesen »

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1 Monat zuvor

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… ohne Jan Gustafsson. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.