U16-Europameister Mykola Korchynkskyi

Als Mykola Korchynskyi im Frühjahr 2022 dem Essener Verein Schachfreunde Katernberg beitrat, notierte ein Funktionär auf dem Aufnahmeantrag: „Der Junge hat schon eine Elo von 1500!“ Drei Jahre später ist diese Zahl Geschichte. Aus 1500 wurden 2400. Aus einem Neuzugang wurde ein Ausnahmetalent. Und aus dem Jungen aus Kyjiw, der vor dem Krieg geflüchtet war, ist nun der U16-Europameister geworden.

Europameister Mykola Korchynskyi, eingerahmt von FM Jernej Kozlovic (Slovenien, Silber) und IM Lukas Dotzer (Österreich, Bronze). | Foto: Mark Livshitz/ECU

Noch 2024 bei der Deutschen Meisterschaft blieb ihm ein Durchbruch verwehrt. Mykola lag lange auf Titelkurs, schlug sogar den späteren Sieger Hussain Besou im direkten Vergleich. Doch ein einziger Buchholzpunkt fehlte – er wurde nur Zweiter. Damals war das bitter. Heute spielt es keine Rolle mehr.

In Budva gelang Korchynskyi, was ihm national verwehrt blieb: Er krönte sich zum besten U16-Spieler Europas. Einen Rückschlag in der fünften Runde steckte er weg. Er hatte seine Vorbereitung vergessen, fühlte sich unsicher, bot vorschnell Remis an – in einer Stellung, die eigentlich besser für ihn war. „Ich dachte, ich sei nicht in Form. Das hat mich doch ein bisschen gebrochen“, sagte der neue Europameister im Gespräch mit dem DSB. Was half? Ein freier Tag. „Der Ruhetag hat mir geholfen, den Schmerz zu vergessen.“

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33.f4, und Schwarz nimmt besser nicht die Dame, ein schöner Moment aus einer schönen Partie.

In der dritten Runde gelang ihm eine spektakuläre Angriffspartie mit Turm- und Damenopfer. In der deutsch-österreichischen Schlussrunde gegen IM Lukas Dotzer verteidigte er sich aus schlechter Stellung heraus mit einem Qualitätsopfer ins Remis. Für ihn der entscheidende Moment: „Das hat die Partie gerettet.“

Opa war der größte Fan

Mykola ist ein stiller Spieler. Er redet nicht viel, spielt aber furchtlos. Und er kennt seine Stärken. „Ich achte auf meine Atmung“, sagt er über den Umgang mit Druck. Kalte Duschen, Spaziergänge, Konzentration auf das Wesentliche – so hält er den Kopf frei. Besonders nach dem Dämpfer im Vorjahr war das wichtig. Damals verlor er kurz vor dem Turnier seinen Großvater. Der Opa war sein größter Fan. „Er hat mir beigebracht, wie man mit Figuren umgeht, wie man das Brett aufstellt“, erzählt er.

Noch bei der Deutschen Meisterschaft 2024 bestand Mykola darauf, unter ukrainischer Flagge zu spielen – aus Respekt vor dem Großvater, der in der Ukraine geblieben war. Sogar die Meisterschaft 2025 spielte er noch unter ukrainischer Flagge. Bei der EM nun trat er unter deutscher Flagge an. Deutschland habe er viel zu verdanken: „Hier gibt es viele Turniere, das hilft“, sagt er. Und: „Ich habe viele Freunde gefunden.“ Sprachlich ist er flexibel. In Partien denkt er mal auf Deutsch, mal auf Russisch, mal auf Ukrainisch oder Englisch – „je nachdem, was mir in den Kopf kommt.“

Auch schulisch läuft es. Lehrer unterstützen ihn, Mitschüler geben ihm Unterlagen, wenn er wegen Turnieren fehlt. Neben dem Brett interessiert ihn Karate, manchmal auch ein Filmabend. Seine nächsten Ziele sieht der Europameister schon vor sich: „Den IM-Titel machen.“ Eine Norm hat er mit dem EM-Sieg sicher, die Elo-Zahl reicht fast. Und dann? „Vielleicht irgendwann GM. Aber Schritt für Schritt.“

Lilian Schirmbeck und Konstantin Müller

Jede Partie gewinnt Konstantin Müller nicht mehr. Aber immer noch ziemlich viele.

Hinter Europameister Mykola Korchynskyi zeigte der deutsche Nachwuchs in Batumi ordentliche Leistungen. Lilian Schirmbeck und Konstantin Müller landeten nach hartem Kampf auf den Plätzen fünf und sechs – knapp an der Medaille vorbei. Beide steigerten sich im Verlauf des Turniers und arbeiteten sich am Ende noch einmal nach vorn.

Schirmbeck hatte bereits im Sommer bei der Mannschafts-Europameisterschaft Edelmetall geholt. Für Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler ist klar: „Bei ihr ist wirklich sehr viel Potenzial vorhanden.“ Er sieht sie mit der gestiegenen Förderung im deutschen Mädchenschach auf einem klaren Kurs nach oben. Auch Müller, den Vökler vor dem Turnier als „Geheimtipp“ auf dem Zettel hatte, überzeugte über weite Strecken. „Er hat nicht enttäuscht“, so Vökler. „Er hatte schlichtweg an einem einzelnen Punkt im Turnier Pech.“

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8 Kommentare
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Kommentierender
Kommentierender
1 Monat zuvor

„Noch bei der Deutschen Meisterschaft 2024 bestand Mykola darauf, unter ukrainischer Flagge zu spielen.“

Wie kann es möglich sein, bei einer Deutschen Meisterschaft unter einer anderen Flagge als der deutschen anzutreten?

GLorscheid
GLorscheid
1 Monat zuvor

Hinter Europameister Mykola Korchynskyi zeigte der deutsche Nachwuchs in Batumi ordentliche Leistungen. „
Wie passt es dazu, dass das deutsche Team 1.700 Elopunkte verloren hat? Das macht knapp 50 im Schnitt.

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Man kann ihm nicht verübeln, dass er sich beiden Ländern verbunden fühlt – siehe auch bei der Siegerehrung neben der deutschen auch die ukrainische Flagge (laut Bericht beim Schachbund auf Wunsch der Mutter im Gedenken an den Großvater). Ebenso wäre denkbar, dass Hussain Besou auch die syrische Flagge präsentiert. Die Chance bekam er nicht, da er etwas unglücklich agierte: frühe Niederlage in Runde 2, Grünfeld-Theorie verwechselt (könnte mir auch passieren), dann nach Siegesserie in Reichweite der Medaillenplätze und in der entscheidenden Phase nochmal zwei Niederlagen – eine gegen einen mit Elo 2066 und TPR 2369 offensichtlich unterbewerteten Ukrainer. Michelle Trunz… Weiterlesen »