Am Abend des 9. November 1985 steht im Tschaikowski-Konzertsaal in Moskau ein junger Mann auf der Bühne, hebt die Arme und lächelt ins Licht der Kronleuchter. „Garri, Garri“ skandiert die Menge, Menschen fallen sich in die Arme, die Schiedsrichter lächeln. Garri Kasparow ist mit 22 Jahren Schachweltmeister geworden. Auf der anderen Seite Brettes sitzt Anatoli Karpow, der Titelträger der vergangenen zehn Jahre. Er reicht kurz die Hand, steht auf, verschwindet hinter dem Vorhang.
Das Duell dieser beiden spiegelt eine Rivalität, die den Schachsport bis in die 1990er-Jahre prägt – und sie steht für den politischen Bruch in der Sowjetunion. Auf der einen Seite Karpow, geboren 1951 im Ural, Musterprodukt des sowjetischen Fördersystems, Jugendweltmeister, Großmeister, Liebling der Partei. Auf der anderen Seite Kasparow, 1963 in Baku als Garik Weinstein geboren, Sohn eines jüdischen Vaters und einer armenischen Mutter, riskant in seinem Stil, für viele ein Symbol des neuen Windes unter Michail Gorbatschow.
Karpow ist Weltmeister geworden, ohne einen Weltmeister zu besiegen. 1975 tritt Bobby Fischer nicht zum Titelkampf an, die FIDE erklärt Karpow zum Nachfolger. Er verteidigt den Titel zweimal gegen Viktor Kortschnoi, der die UdSSR verlassen hat und im Westen weiterspielt. Karpow steht treu zur Partei, bekommt Orden, Villa, Dienstwagen, Auslandskonten. Ihm wird der Satz zugeschrieben, für ihn gebe es „nur Schach und Marxismus“. Für den Kreml ist er die perfekte Figur: kontrollierbar, erfolgreich, loyal.
Kasparow ist das Gegenteil. Sein Schach ist scharf, voller Risiko. Er bricht Regeln, opfert Material, setzt auf Initiative und Dynamik. Auch abseits des Brettes steht er für etwas anderes als Karpow – nicht für den linientreuen Funktionär im Dienst der Partei, sondern für den Intellektuellen, der sich nicht fügt. Diese Gegensätze prallen 1984/85 zum ersten Mal aufeinander.
48 Partien, 5 Monate: das erste Match 1984/85
Im ersten WM-Kampf Karpow-Kasparow 1984 gilt der Modus, nach dem schon 1927 Alexander Aljechin und Jose Raul Capablanca ihr Match ausgetragen haben: Es gewinnt, wer zuerst sechs Siege erreicht. Zu diesem Modus war die FIDE bei Karpows erster Titelverteidigung 1978 zurückgekehrt und hatte damit das „Weltmeisterprivileg“ abgeschafft, dass der Titelverteidiger im Fall eines unentschiedenen Matches seinen Titel behält.
Nach neun Partien steht es 4:0 für den Weltmeister, alles sieht nach einem kurzen Prozess aus. Doch dann dreht sich das Momentum. Kasparow wehrt sich, hält Remis, gewinnt einzelne Partien. Nach 48 Partien und mehr als fünf Monaten steht es 5:3 für Karpow. Beide sind ausgelaugt, aber der Titelverteidiger wirkt deutlich schwächer.
In diesem Moment tritt FIDE-Präsident Florencio Campomanes vor die Presse und erklärt den Wettkampf für beendet. Offiziell aus Sorge um die Gesundheit der Spieler, inoffiziell, so der Verdacht vieler, um Karpow vor einem Zusammenbruch zu schützen. Kasparow sagt deutlich, was er davon hält: „Ich stimme mit der Entscheidung nicht überein. Ich will weiterspielen. Ich habe jetzt meine Chance.“ Auch Karpow gibt bei der legendären Pressekonferenz am 15. Februar 1985 zu Protokoll, er würde weiterspielen.
Dass es dazu kommt,. muss er nicht befürchten. Die Entscheidung ist gefallen, das Match wird abgebrochen, Karpow bleibt Weltmeister. Ob der Abbruch eine einsame Entscheidung Campomanes‘ war oder auf eine Regieanweisung aus dem Kreml zurückgeht, ist bis heute nicht geklärt.
Ganz ist die Sache für Kasparow nicht verloren. Campomanes muss einer Neuauflage zustimmen, diesmal wieder nach dem „alten“ Modus: 24 Partien, Remis zählen als halber Punkt. Der Herausforderer braucht 12,5 Punkte, der Titelverteidiger 12. Am 3. September 1985 beginnt der zweite große Kampf, wieder in Moskau.

Die Rivalität ist jetzt offen politisch aufgeladen. Karpow steht für das alte, verkrustete Breschnew-System, Kasparow für die Hoffnungen, die viele mit Gorbatschow verbinden. Die Parteizeitung „Prawda“ bezieht klar Stellung für Karpow. Doch im Publikum und bei vielen Intellektuellen kippt die Stimmung. Kasparow gilt als „neue Symbolfigur des nicht-russischen Intelligenzlers, (…) die Hoffnung vieler Menschen im großen Sowjetreich“, schrieb damals die Welt.
Sportlich verläuft der Wettkampf knapp. Vor der 24. Partie steht es 12:11 für Kasparow. Ihm reicht ein Remis zum Titel, Karpow muss gewinnen. Karpow hat Weiß, der Konzertsaal ist brechend voll, zwei große Demobretter rechts und links machen das Geschehen fürs Publikum nachvollziehbar. Nach dem Zug, der der letzte des Matches sein soll, 42…Sd4+ (nebst Matt in 11), sitzt Karpow einige Minuten wie erstarrt am Brett. Dann gibt er auf. Er streckt die Hand aus, gratuliert, steht auf und geht. Im Saal bricht der Jubel los, so laut, dass Kasparow später schreibt, erst diese „donnerstarke Reaktion“ habe ihn überzeugt: Es ist wirklich wahr, er ist Weltmeister.

Damit haben sich die Verhältnisse im Schach verschoben. Der Favorit der Partei verliert, der Außenseiter aus Baku steigt zum jüngsten Weltmeister der Geschichte auf. Karpow bleibt eine prägende Figur, doch die Rollen sind nun neu verteilt: Sportlich wird Karpow zum Jäger, Kasparow zum Gejagten.
Die Rivalität der beiden Protagonisten geht weiter, sie werden noch für Jahre die klare Nummer eins und zwei der Welt sein. Campomanes setzt regelwidrig sofort eine Revanche für 1986 an, ohne normalen Kandidatenzyklus. Kasparow droht mit Spaltung der Schachwelt, knickt dann ein, das Match wird gespielt. Diesmal setzt er sich knapp mit 12,5:11,5 durch. 1987 folgt ein weiteres Duell, nun nach regulärer Qualifikation Karpows. Nach 24 Partien steht es 12:12, der Titel bleibt bei Kasparow.
Karpow, Kasparow und der Kapitalismus
Schon vor dem Fall des eisernen Vorhangs, sogar vor dem Beginn ihrer Duell-Serie 1984 sind beide Kontrahenten in der Welt des Kapitalismus angekommen. Nicht nur ihre Matches am Brett machen beide zu Millionären. Als zentrale Figur des „Falles Jungwirth“ erregte der auch anderweitig geschäftstüchtige Karpow im Westen Aufmerksamkeit. NDR-Redakteur Helmut Jungwirth, ein Freund Anatoli Karpows, hatte vom Schachcomputerhersteller Novag für Werbeauftritte Karpows ab 1978 mehr als eine Millionen Mark erhalten. Das Geld landete auf Konten von Jungwirth, der es nicht an Karpow weiterleitete. Mitte 1985 verklagte Karpow Jungwirth – und behauptete, dieser Fall habe zu seinem Verlust des WM-Matches beigetragen.
Am 30. November 1988 verurteilte das Landgericht Hamburg Jungwirth wegen Untreue und Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Jungwirth beharrte, Karpow habe ihm das Geld geschenkt. Weder eine Revision noch ein Gnadengesuch änderten das Urteil. Nachdem er zwei Haftantritte versäumt hatte, nahmen ihn die Behörden am 19. April 1990 fest.

Der neue Weltmeister Kasparow plante, in das in den 1980ern boomende Geschäft mit Schachcomputern einzusteigen. Es gab die eine oder andere Kooperation mit Herstellern, aber Kasparow entdeckte bald ein anderes, für den Schachsport relevanteres Feld: Schachdatenbanken. Nicht zuletzt seine Zusammenarbeit mit Frederic Friedel und Matthias Wüllenweber führte Mitte der 1980er zum Datenbankprogramm Chessbase für den Atari ST. Wüllenweber gründete mit Frederic Friedel die gleichnamige, bis heute existente Firma, die seitdem Marktführer für Schachdatenbanken ist.
1990 treffen beide ein letztes Mal um die Krone aufeinander, vom Oktober bis Ende Dezember. Die Welt hat sich verändert. Deutschland ist wiedervereinigt, der Ostblock bricht auseinander. Karpow wirkt wie ein Relikt. Kasparow verteidigt den Titel. Die politische Bühne mit zwei Blöcken, auf die beide als Stellvertreter projiziert wurden, löst sich auf. 2009 spielen die beiden noch ein Show-Match. Um Weltmeisterehren geht es da längst nicht mehr.
Heute, vierzig Jahre nach der entscheidenden 24. Partie von 1985, ist die Linie zwischen beiden noch schärfer. Anatoli Karpow sitzt seit 2011 für die Putin-Partei „Einiges Russland“ im russischen Parlament. Der Annexion der Krim hat er ebenso zugestimmt wie der Anerkennung der „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk, die unmittelbare politische Vorstufe zum Überfall auf die Ukraine. Karpow hat mehrere Medien- und Zensurgesetze unterstützt, die zum Beispiel Kritik an der „militärischen Spezialoperation“ mit Haftstrafen von bis zu 15 Jahren ahnden.
Seit einem ominösen Unfall Ende 2022 ist Karpow öffentlich kaum wahrzunehmen. Ebenfalls seit 2022 steht er gemeinsam mit hunderten weiteren Duma-Abgeordneten auf der Sanktionsliste der EU, Großbritanniens und der USA. Karpow ist belegt mit einem Einreiseverbot in die EU und Großbritannien. Sämtliche Vermögenswerte Karpows in der EU und Großbritannien sind eingefroren. Die Sanktionen sind eine Folge der Anerkennung der „Volksrepubliken“, die die EU völkerrechtswidrigen Akt eingestuft hat.
Garri Kasparow lebt im Westen und zählt zu den schärfsten Kritikern Vladimir Putins. Er nennt die von Putin etablierte Diktatur „eine Kraft des Bösen“. Seit seinem Rücktritt vom Profischach im Jahr 2005 hat sich Kasparow zu einem der profiliertesten Gegner des russischen Regimes entwickelt. Der frühere Weltmeister gründete und führte mehrere Oppositionsbewegungen, darunter die „Vereinigte Bürgerfront“, das Bündnis „Das andere Russland“ und das „Komitee 2008: Freie Wahlen“, das verhindern wollte, dass Wladimir Putin sich eine dritte Amtszeit sichert. Gemeinsam mit Boris Nemzov rief Kasparow 2008 die Bewegung „Solidarnost“ ins Leben, später wurde er Vorsitzender des „Free Russia Forum“, das im Exil russische Oppositionelle vernetzt und inzwischen in Russland verboten ist.
Nach einer Verhaftung 2012 lebt Kasparow seit 2013 im Exil in New York. Von dort aus setzt er seinen politischen Kampf fort – als Vorsitzender des internationalen Rats der Human Rights Foundation, als gefragter Interviewgast und als Redner auf internationalen Konferenzen. Kasparow fordert scharfe Sanktionen gegen das Putin-Regime und konsequente Unterstützung der Ukraine. Europa, so sein Credo, müsse lernen, sich zu wehren.
In Russland ist der Name Garri Kasparow heute fast ausgelöscht – zumindest offiziell. In neuen, staatlich kontrollierten Schulbüchern taucht sein Name in der Reihe der Weltmeister gar nicht mehr auf. Selbst in Darstellungen sowjetischer Schachgeschichte endet die Linie mit Anatoli Karpow. Seit Kasparow das Putin-Regime offen angreift und im Westen für Demokratie und Menschenrechte wirbt, wird er in Russland systematisch marginalisiert und kriminalisiert. Der Staat hat ihn als „Terroristen und Extremisten“ eingestuft, seine Werke und Auftritte werden blockiert. Seine Einstufung als „Terrorist“ kommentierte Kasparow mit bitterem Spott: Was mit ihm passiere, sage mehr über das System aus als über ihn.
Viel tun kann Kasparow nicht. Eine Putin-Opposition gibt es nur noch im Exil. Dort wartet sie auf den Kollaps des Regimes.
„Im ersten WM-Kampf Karpow-Kasparow 1984 wird ein neues Reglement getestet: Remis zählen nicht, es gewinnt, wer zuerst sechs Siege erreicht.“
Diese Bestimmung war keineswegs neu, sondern galt bereits bei den WM-Kämpfen 1978 und 1981.
Danke!!
Wieder ein super Bericht – lässt die spannende Zeit sehr, sehr schön aufleben!
Zu schreiben Kasparow wäre Weltmeister geworden ohne je einen Weltmeister besiegt zu haben liegt jedoch dennoch zwischen Albernheit und Unfug.