Faustino Oro verlässt mit fliegenden Schritten den Turniersaal von Madrid. Kaum ist nach knapp 90 Zügen die Partie vorbei, steuert er auf den Kommentatorenraum zu, während sein Gegner Pedro Martínez reglos am Brett sitzen bleibt, hadernd mit der verpassten Chance: Gewinnstellung verdorben und dann im Turm gegen Turm plus Läufer ausgespielt worden. Faustino Oro, gerade einmal elf Jahre alt, strahlt – und mit ihm strahlt ein ganzes Land. In Spanien wie in Argentinien ist man sich einig: Hier wächst ein Ausnahmetalent heran, jemand, der das Schach prägen könnte.

In Madrid gewann Oro das Turnier „Legends & Prodigies“ mit 7,5 Punkten aus 9 Partien, blieb ungeschlagen und sicherte sich seine erste Großmeisternorm. Gleichzeitig überschritt er als jüngster Spieler jemals die Marke von 2500 Elo. „Wir sind Zeugen von etwas Historischem. Eines Tages gab Mozart sein erstes Konzert, und jemand hat es gesehen“, sagte der Neurologe Mariano Sigman, einer der Organisatoren, gegenüber El Mundo.

Mozart? Des Schachs? Dieser Spitzname ist eigentlich vergeben. Mit dem Pathos, den andere verbreiten, geht der kleine argentinische Mozart unbeschwert um. Vor den Kameras wirkt Faustino Oro wie ein Junge, der schlicht Spaß hat. Mal lacht er über eigene Fehler, oft plaudert er munter drauflos, auch nach Partien, die andere als hart und nervenzehrend empfinden würden. In seinen Streams klickt er rasant durch die Varianten, scherzt, gestikuliert, stets respektvoll gegenüber seinen Gegnern. Diese Natürlichkeit und Nahbarkeit kommt an.
Die Anfänge reichen zurück ins Jahr 2020, als die Pandemie Argentinien stilllegte. Sein Vater Alejandro Oro, ehemaliger Hobbyschachspieler, suchte nach einer Beschäftigung für den Sechsjährigen, der sonst mit dem Fußball die Wohnung demoliert hätte. Also legte er ein Konto auf Chess.com an – und versprach kleine Belohnungen für jeden 100-Punkte-Sprung in der Wertung. Es war der Beginn einer atemberaubenden Entwicklung. Binnen Monaten schraubte Faustino seine Online-Rating in die Höhe.
Am 26. März 2024 besiegte er den Weltranglistenersten Magnus Carlsen im Bullet, ein Sieg, der ihn weit über Argentinien hinaus bekannt machte. Ein Jahr später forderte er beim Leon Masters Viswanathan Anand. Dem Ex-Weltmeister zwang er einen knappen Wettkampf auf, in dem Anand mit 3,5:2,5 die Oberhand behielt.
Aus Talent allein erwächst keine Karriere. In Spanien fing die Familie neu an. Badalona, bei Barcelona, wurde zur neuen Heimat, ein Wagnis: bürokratische Hürden, Jobsuche, finanzielle Engpässe. Doch Oros hielten daran fest, überzeugt, dass „Fausti“, wie er gerufen wird, nur in Europa jene Wettkampfdichte finden würde, die er für den nächsten Sprung brauchte. „Wir waren es ihm schuldig, ihm die Chance zu geben, sein Talent zu entfalten“, sagt Alejandro Oro. Er und seine Frau Romina Oro ließen alles in Buenos Aires zurück: Jobs, Familie, Freundeskreis. Er hatte in der Verwaltung gearbeitet, sie im Handel.

Nicht zuletzt mussten sie eine Schule finden, die den Unterricht so flexibel gestaltet, dass der Junior wie ein Schachprofi leben kann. „Fausti wäre in die falsche Familie hineingeboren, wenn wir nicht bereit gewesen wären, diese Opfer zu bringen“, schrieb sein Vater in einem Beitrag für den Internet Chess Club, der zu den Sponsoren des Ausnahmetalents zählt.
Die Familie lebt jetzt mit dem Schachrhythmus des Kindes. Der Alltag dreht sich um Training, Turniere, Reisen. Dass Faustino in Argentinien längst der „Messi des Schachs“ genannt wird, macht die Dimension deutlich – und die Erwartung.

Hinter ihm steht ein Team. Sein Vater begleitet ihn zu allen Terminen, seine Mutter sorgt für Stabilität und Alltag. Dazu kommt ein Kreis von Trainern, die sich um den Jungen kümmern. Lange Zeit prägte ihn der Großmeister Tomás Sosa, der ihn in den frühen Jahren begleitete. Später trat Jorge Rosito hinzu, der ihn in Argentinien förderte. In Europa kommen weitere Großmeister als Sparringspartner hinzu, und immer wieder findet sich Unterstützung durch bekannte Namen, die bereit sind, mit dem Wunderkind zu arbeiten.
Die Organisatoren in Madrid sprachen von einer „Familie auf Achse“, die von Land zu Land reist, immer auf der Suche nach den besten Turnieren. Alejandro und Romina finanzieren vieles selbst, unterstützt von Freunden, Förderern und Sponsoren. „Es ist ein Kraftakt, aber er lohnt sich“, sagt Jorge Rosito, den Chess.com zitiert: „Fausti ist ein Genie, und ob er den GM-Titel in Rekordzeit schafft oder nicht, ist letztlich zweitrangig. Für uns alle in Argentinien ist er ein Hoffnungsträger, der uns zum ersten Mal das Gefühl gibt, einen Spieler in der absoluten Weltspitze zu sehen.“
Das Turnier in Madrid zeigte, wie weit das Opfer der Familie trägt. In den ersten Runden spielte Oro kompromisslos, lehnte gegen den bekannten Kommentator und GM Pepe Cuenca ein Remis ab, obwohl die Stellung ausgeglichen war. Er spekulierte auf die Uhr des Gegners – und gewann. Gegen den spanischen Großmeister David Lariño stand er auf Verlust, kämpfte sich zurück, trickste den Gegner in Zeitnot aus. „In letzter Zeit lief es gut“, sagte Oro lachend im Interview mit Chess.com, „aber manchmal sah es aus, als würde ich jede Partie verlieren.“
Nicht immer war Fortuna auf seiner Seite, doch oft half sie ihm. Gegen Pedro Martínez etwa, berichtet Damas y Reyes, rettete er sich in ein scheinbar ausgeglichenes Endspiel – und spielte weiter, bis der Gegner stolperte. „Er hört nicht auf, er kämpft immer weiter, wie Magnus Carlsen oder Gukesh“, schrieb das spanische Portal, das den Sieg als Geburtsstunde einer Legende feierte.
Selbst als der Turniersieg längst gesichert war, suchte er die Herausforderung. „Ich will spielen. Ich habe nichts zu verlieren“, sagte Oro vor der Schlussrunde gegen den peruanischen Großmeister Julio Granda Zuniga, mehr als fünfmal so alt wie er. 75 Züge lang verteidigte er sich gegen den Routinier, rettete das Remis – und erhielt Applaus vom Gegner. Granda twitterte: „Goldenes Talent, Prüfung bestanden. Ich muss mit Emotion anerkennen, dass ich Zeuge der großartigen Vorstellung von Faustino Oro war, der mit seinen vielversprechenden Ergebnissen Geschichte schreibt.“ Der Junge zeige die Ruhe und Widerstandskraft großer Champions.
Ein Schatten fiel auf den Triumph. In sozialen Medien tauchten Stimmen auf, die von Absprachen und „geschenkten Punkten“ sprachen. „Repugnante“, widerlich, nannte der spanische Großmeister David Martínez, Mitorganisator des Turniers, solche Anschuldigungen. Auch Cuenca äußerte sich frustriert. El Mundo zitiert ihn: „Es kostet so viel, Großmeister zu werden, die Reisen, die Stunden Training, die Opfer der Familie – und dann schreiben Leute solchen Unsinn.“ Der Argentinier Alan Pichot, im Streit vom argentinischen Verband geschieden, wurde noch deutlicher: Wer so etwas behaupte, solle daran denken, was er selbst mit elf Jahren getan habe.
Während die Kontroverse schwelte, nie eskalierte, wuchs der Jubel über das, was Oro sportlich erreicht hat. Chess.com schrieb von der „besten Performance eines U12-Spielers in der Geschichte“ und rechnete vor, dass nur Weltmeister Gukesh und GM Illya Nyzhnyk in noch jüngerem Alter eine GM-Norm erzielt hatten. Ex-Weltmeister Veselin Topalov lobte: „Kein Spieler auf der Welt wird so schnell besser wie Faustino Oro.“
Schnell muss er sein, will er einen neuen Rekord knacken. Am 14. Oktober wird Faustino Oro zwölf Jahre alt. Ihm bleiben fünfeinhalb Monate, um zwei weitere GM-Normen zu erzielen und den Titel zu erlangen – will er den Rekord von Abhimanyu Mishra schlagen, der 2021 mit 12 Jahren, 4 Monaten und 25 Tagen jüngster Großmeister der Geschichte wurde und es bis heute ist.
Beim nächsten Turnier werden die Gegner deutlich schwieriger als jetzt in Madrid. Ab dem 1. November wird Faustino Oro am World Cup teilnehmen. Mehr als 200 Spieler, mehrheitlich Spitzengroßmeister, werden dort um drei Tickets für das Kandidatenturnier 2026 ringen. Oro war für das zweijährliche Schachspektakel nicht qualifiziert, hat aber von der FIDE einen Freiplatz erhalten.

(Titelfoto via @chess24es)