Erdbeben-Alarm bei der Kadetten-WM

Ein Piepen unterbrach die Stille. Erst in einer Ecke des Saals, dann überall. Fast gleichzeitig schlugen die Smartphones Alarm. Auch das von Dirk Sander, auf dessen Display eine kyrillische Mitteilung erschien, deren Bedeutung sich ihm nicht sofort offenbarte. Wenig später die Durchsage: Uhren anhalten, Saal räumen – Erdbebenwarnung.

Unmittelbar nach der Evakuierung. | Foto: Dirk Sander

So schildert Dirk Sander, Vater des deutschen U10-Spielers Tino Sander, die Situation am Sonntag in Almaty. Dort trägt die FIDE ihre Kadetten-Weltmeisterschaft für die Altersklassen U8, U10 und U12 aus. Rund 900 Kinder aus aller Welt sitzen in der kasachischen Millionenstadt an den Brettern – auch eine neunköpfige Delegation aus Deutschland, geleitet von Hendrik Hoffmann. In der dritten Runde war nach zwei Stunden plötzlich Schluss.

https://youtu.be/mN4eMEO_pG8
Zu neunt auf WM-Mission – der Clip dazu vom Deutschen Schachbund.

„Es wurde hektisch, die Leute haben ihre Sachen gepackt, dann ging es raus“, erzählt Sander. Nach seiner Einschätzung dauerte es fast zwanzig Minuten, bis alle Spieler draußen standen. Dort warteten Kinder, Eltern und Trainer gemeinsam, was nun passiert. Kurze Zeit später kam die Entwarnung.

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Ein Beben der Stärke 3,8 neun Kilometer von Almaty entfernt hatte den Alarm ausgelöst. Dass dieser Alarm so schnell bei den Schach-Kadetten ankam, hängt mit dem engmaschigen Frühwarnsystem in Almaty zusammen. Ein Netz von 28 seismischen Stationen überwacht die Region. Im Fall eines Bebens löst es automatisch Warnmeldungen an die Mobiltelefone der Bewohner aus.

Das System ist Teil der nationalen Katastrophenvorsorge. Almaty liegt mitten in einer aktiven Erdbebenzone. In diesem Fall war nach Behördenangaben das Beben um 16.25 Uhr und 19 Sekunden Ortszeit registriert worden. Um 16.26 Uhr piepsten die Handys.

Nicht nur beim Schach ertönte der Erdbeben-Alarm. Lokale Medien meldeten, Einkaufszentren seien vorsorglich geräumt worden, viele Menschen hätten ihre Wohnungen verlassen. Erschütterungen waren kaum zu spüren. Schäden: keine.

Schon im Juli war ein anderes Schachturnier betroffen: Beim Oskemen Open im Osten des Landes wurde die dritte Runde wegen eines Bebens der Stärke 5,2 komplett abgesagt und am Folgetag nachgeholt. Aber da lief die Runde nicht schon, als das Beben ausbrach.

https://twitter.com/chessdom/status/1947993743002587185

Bei der Kadetten-WM waren zum Zeitpunkt des Bebens einige Partien längst beendet. Laut Sander traf die Turnierleitung die Entscheidung, dass die Ergebnisse der schon gespielten Partien zählen, aber die noch laufenden neu beginnen müssen.

Für manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bald mattgesetzt worden wären, war das glücklich. Für andere, die bald mattgesetzt hätten, war es unglücklich. Für alle Kinder, die von vorne spielen mussten, bedeutete die Entscheidung, bis spät in den Abend am Brett zu sitzen.

Wer je mit engagierten Schacheltern zu tun hatte, kann sich ausmalen, dass das nicht geräuschlos ablief. „Skurril“, „Farce“, „Skandal“, „Fehlentscheidung“ ist eine Auswahl der Reaktionen, die am frühen Montagmorgen sogar am Bodensee ankamen.

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Sander nimmt wahr, dass am Tag danach die Aufregung abgeklungen ist. Glücklich ist er als Spielervater mit der Regelung nicht. Besser hätte er es gefunden, diese dritte Runde komplett zu annullieren und am spielfreien 25. September eine zusätzliche einzufügen. Aber vor allem sieht Sander für seinen Junior eine Lektion in höherer Gewalt, „die er in seinem Leben nicht vergessen wird“.

Kadetten-WM in Almaty. | Foto: FIDE

Womöglich erlebt die gesamte deutsche Delegation am Dienstag einen Abend, den niemand so schnell vergessen wird. Generalkonsul Matthias Kiesler hat den Schach-Tross zu einem Empfang in die deutsche Vertretung in Almaty eingeladen. Für Spielerin und die Spieler geht es an den Brettern bis zur elften und letzten Runde am 30. September weiter.

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Jochen
Jochen
3 Monate zuvor

Verständnisfrage: Was haben die Smartphones im Turniersaal zu suchen?