„Erstmal alles sacken lassen, dann ein Team zusammenstellen“: WM-Kandidat Matthias Blübaum

Wie sehr sie es einander gönnen und dem anderen nur das Beste wünschen, kam im Laufe des Wettbewerbs mehrfach zur Sprache. Matthias Blübaum spiele großartig, betonte Vincent Keymer im FIDE-Studio, und warf schon einen Blick voraus: „Hoffentlich spielt er bei der Europameisterschaft auch so.“ Keymer meinte die Mannschaftseuropameisterschaft, die schon in knapp drei Wochen in Georgien beginnt. Sollten die Nummer eins und die Nummer zwei des topgesetzten deutschen Teams in Batumi ihre Grand-Swiss-Form aufs Brett bringen, sie könnten die Mannschaft nach Silber 2023 diesmal zu Gold ziehen.

Bericht im Spiegel (für Abonnenten).

Matthias Blübaum hat viele Male durchblicken lassen, wie sehr er mit dem Remis gegen Vincent Keymer hadert, ein Ergebnis, das ihn auf Kandidaten-Kurs hielt und Keymers Chance signifikant schmälerte. „Nicht verdient“, sagte WM-Kandidat Blübaum jetzt einmal mehr im Interview mit Chessbase India nach dem Ende des Turniers.

Bericht in der Süddeutschen Zeitung.
Bericht in der Zeit.

In der allgemeinen Berichterstattung machte Blübaums Selbstgeißelung die Runde („gespielt wie ein Idiot“) und der wunderbar reduzierte hanseatisch-ostwestfälisch-lippische Dialog zwischen dem WM-Kandidaten und seinem Bundestrainer, den der Schachbund öffentlich gemacht hat. Das sei „ganz okay“, textete Bundestrainer Jan Gustafsson seinem Schützling, als dieser als erster Deutscher nach 42 Jahren unter die letzten Acht des WM-Zyklus vorgestoßen war. „Jo, das war okay“, antwortete Blübaum.

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Dass das natürlich viel mehr als okay war, sensationell und kaum fassbar nämlich, erklärte der frischgebackene WM-Kandidat Matthias Blübaum am Rande der Siegerehrung im Gespräch mit Chessbase India. Und er erwähnte im Kandidatenturnier-Kontext gleich mehrfach seinen guten Kollegen Keymer: „Der gehört dahin.“

Matthias Blübaum am Rande der Siegerehrung im Gespräch mit Chessbase India.

Das Gespräch, redaktionell bearbeitet:

Matthias, Glückwunsch zur Qualifikation für das Kandidatenturnier. Du hattest ein fantastisches Jahr und hast jetzt im Grand Swiss noch eins draufgesetzt.

Ich bin extrem glücklich und versuche immer noch zu fassen, dass ich mich tatsächlich für das Kandidatenturnier qualifiziert habe. Das ist so ein riesiger, riesiger Erfolg, und ich hatte das überhaupt nicht erwartet. Das Turnier lief einfach sehr gut. Plötzlich war ich immer an der Spitze, und glücklicherweise hat es am Ende gereicht, ein paar Remis zu machen…

…ein paar Remis machen?

All diese Remis waren natürlich sehr hart, und besonders gegen Vincent hatte ich extremes Glück. Für Vincent ist es schade, aber ich hoffe, er schafft es ebenfalls noch – entweder in dieses Kandidatenturnier über den World Cup oder vielleicht ins nächste Kandidatenturnier. Er gehört auf jeden Fall dahin.

„Gehört ins Kandidatenturnier“, das findet nicht nur Matthias Blübaum. | Foto: Michael Walusza/FIDE

Wir haben im Grand Swiss so viele großartige Talente gesehen. Welche Partie oder welcher Gegner war für dich der schwerste in diesem Turnier?

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Vincent, einfach weil die Partie so hart war und ich so viel Glück mit diesem Springer-g3-Trick brauchte. Aber auch Abhimanyu Mishra hat mich sehr beeindruckt. Er hat ein so fantastisches Turnier gespielt und hatte bis zum Schluss eine Chance, sich zu qualifizieren. Viele andere Spieler haben stark performt. Egal wen ich aufzähle, ich würde bestimmt Namen vergessen. Es waren einfach so viele, die gut gespielt haben.

Welche Partie würdest du als deine Lieblingspartie oder deine beste Partie in diesem Turnier bezeichnen?

Schwierig. Wahrscheinlich eine meiner Gewinnpartien. Entweder gegen Praggnanandhaa oder gegen Arjun, einfach weil das die beiden bestbewerteten Spieler sind, die ich jemals besiegt habe. Welche von den beiden, ich weiß nicht. Beide habe ich nicht perfekt gespielt, aber die Fehler meiner Gegner konsequent ausgenutzt. Mit beiden Partien bin ich sehr zufrieden.

Die Deutschen bei der Abschlusszeremonie. Matthias Blübaum besetzt vorausschauend den Platz am Gang, da er gleich nach vorne gerufen wird. | Foto: Michael Walusza/FIDE

War dies dein erstes Grand Swiss?

Nein, ich habe alle vorherigen Ausgaben gespielt. 2019, 2021 und 2023. Mein bestes Ergebnis war bisher 2023, da hatte ich am Ende plus eins, also 6 aus 11. Und jetzt habe ich 7,5 aus 11, das ist schon deutlich besser.

Was ging dir durch den Kopf, als du vor der letzten Runde die Auslosung und die Zwischenstände gesehen hast?

Ach, ich war vor allem erleichtert, nachdem ich gegen Vincent mit einem Remis davongekommen war, das ich nicht verdient hatte. Das Turnier oder zumindest meine Kandidatenchancen hätte an der Stelle schon vorbei sein können. Vor der letzten Runde war mir klar, dass Alireza mit Schwarz sehr hart auf Gewinn spielen würde. Also wollte ich einfach solide sein. In der Partie musste ich am Ende ein bisschen leiden, aber ich habe es gehalten.

Hast du währenddessen die anderen Partien verfolgt? Und Druck gespürt, weil Anish und Vincent nahe am Sieg waren? Hätten beide gewonnen, wärest du raus gewesen.

Natürlich habe ich rübergeschaut. Aber als klar war, dass sowohl Vincent als auch Anish nahe am Sieg sind, war ich schon selbst damit beschäftigt, ein Endspiel zu verteidigen. Ich konnte meine eigene Partie nicht mehr beeinflussen – ich habe einfach gehalten, gelitten und versucht, das Remis zu schaffen.

Was bedeutet es dir, jetzt WM-Kandidat zu sein?

Unglaublich. Ich hätte das nie erwartet. Jetzt hoffe ich einfach, dass ich gut spiele, wenn es so weit ist. Aber zuerst brauche ich ein paar Tage oder Wochen, um überhaupt zu fassen, dass das tatsächlich passiert ist. Dann werde ich überlegen, wie ich mich auf das Kandidatenturnier vorbereiten will und was ich machen möchte.

Wer hat dir auf deinem Weg bis hierhin geholfen? Möchtest du Namen nennen?

Die Familie muss ich zuerst erwähnen. Sie haben mich immer unterstützt. Ohne meine Familie würde ich wahrscheinlich nicht Schach spielen. Den Deutschen Schachbund muss ich erwähnen. Und ich denke an Sven Noppes, der die Grenke-Festivals organisiert. Es gab Punkte meiner Karriere, an denen er mir geholfen hat. Und es gäbe viele weitere Namen. Tut mir leid, die kann ich nicht alle aufzählen.  

Hast du einen festen Trainer oder Sekundanten für deine Arbeit?

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Gar nicht, keinen Trainer, keinen Sekundanten. Ich war hier völlig auf mich gestellt, so wie sonst auch.

Karl-Ernst Blübaum, ein sehr starker Spieler. | Foto via zweihochsechs Bielefeld

Erstaunlich.

In meiner Kindheit war mein Vater mein Trainer. Er hat Elo 2250, ein starker Spieler. Danach Matthias Krallmann. Seitdem habe ich keinen festen Langzeit-Trainer mehr gehabt. Wir haben zwar einen Bundestrainer, Jan Gustafsson, aber in Einzelturnieren sind wir Spieler auf uns gestellt. Theoretisch steht Jan uns zur Verfügung, wenn wir etwas fragen wollen, aber in diesem Turnier habe ich alles allein gemacht.

Wer es ins Kandidatenturnier geschafft hat, für den gibt es noch ein Ziel: die Weltmeisterschaft. Bis dahin ist es noch ein langer und harter Weg. Glaubst du, dass du jetzt Unterstützung brauchst, vielleicht auch durch Sponsoren?

Natürlich können Sponsoren immer helfen. Und ja, ich muss jetzt überlegen, wie ich mich vorbereiten will und mir ein Team fürs Kandidatenturnier zusammenstellen. Aber im Moment ist es dafür zu früh. Ich muss das erstmal alles sacken lassen, dann kann ich nachdenken.

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Tara
Tara
4 Monate zuvor

Matthias Blübaums Bescheidenheit, seine Fairness, sein Mitgefühl, seine kritische Selbstwahrnehmung, ohne jegliche Überheblichkeit, fernab jeglicher Allüren, das ist sehr beeindruckend! Ich wünsche ihm alles Gute und weiterhin viel Erfolg auf seinem Weg!

Schachfreund
Schachfreund
4 Monate zuvor

Kein Kommentar zum Artikel, sondern ein Hinweis zum verlinkten Beitrag
https://perlenvombodensee.de/forum/topic/wassily-smyslow/#postid-2617
„Wassily Smyslow“:

Dort steht (Zitat) Tigran Petrosjan nannte ihn „die Hand“
und
[…] Für Spasski „die Hand“ (Zitat Ende).

Petrosjan oder Spasski?