„Kein sehr starker Spieler“? Matthias Blübaum ist WM-Kandidat 2026!

Matthias Blübaum schreibt Schachgeschichte. Der Großmeister aus dem Ostwestfälisch-Lippischen, Deutschlands Nummer zwei, wird im April 2026 einer der acht WM-Kandidaten sein, die darum ringen, wer Ende 2026 Weltmeister Gukesh im WM-Match herausfordern darf. Zuletzt 1983 war es mit Robert Hübner einem Deutschen gelungen, sich in diesen achtköpfigen Elitezirkel vorzukämpfen. Jetzt, beim „Grand Swiss“ in Samarkand/Usbekistan, triumphierte Blübaum über die fast vollzählig versammelte Weltklasse.

WM-Kandidat Blübaum, sensationell. | Foto: Michael Walusza/FIDE

„Plus vier in diesem Feld ohne Niederlage. Vor dem Turnier hätte ich nie gedacht, dass das möglich sein könnte“, sagte Blübaum nach der letzten Runde im Gespräch mit TakeTakeTake. „Kandidatenturnier – riesig. Ich hatte ein bisschen Glück, war in guter Form“, erklärte er weiter. Eine geheime Zutat des Erfolgs gebe es nicht. Im Prinzip sei er diesen Wettbewerb angegangen wie andere auch.

Die ersten Zehn der Schlusstabelle.

Zwei Plätze fürs Kandidatenturnier waren zu vergeben, und 116 Spitzengroßmeister traten an, um durch dieses Nadelöhr zu schlüpfen. Blübaum holte unter anderem aus seinen vier Partien gegen die Nummer 4, 5, 6 und 7 der Welt drei Punkte. Mit anderen Worten: hochverdient! Nominell „nur“ als Nummer 32 des Feldes angetreten, belegte er am Ende mit 7,5 Punkten aus 11 Partien den zweiten Rang. 

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Vincent Keymer, Deutschlands Nummer eins, spielte ebenfalls ein starkes Turnier. Punktgleich mit Blübaum, aber mit schlechterer Wertung, wurde Keymer Vierter. Mitentscheidend war der direkte Vergleich zwischen Keymer und Blübaum in der Vorschlussrunde. Dazu später.

Stotterstart, dann riesiger Zwischenspurt, und am Ende ganz knapp nicht ins Kandidatenturnier gekommen. Vincent Keymer wird im Oktober/November beim World Cup einen neuen Anlauf nehmen. | Foto: Michael Walusza/FIDE

Natürlich war Keymer, zumal nach seinem jüngsten Sprung in die Top 10 der Welt, am ehesten derjenige aus dem schwarz-rot-goldenen Kader, dem Beobachter den Kandidaten-Coup zutrauten. Der Neu-Wiener kam stotternd aus den Startlöchern, wackelte in der dritten Runde gegen den türkischen Wunderknaben Yagiz Kaan Erdogmus und gab in der vierten während eines fast siebenstündigen Kampfes seinem Landsmann Frederik Svane zu viele Chancen, mit einem halben Punkt davonzukommen. Aber da war nominell mit 3/4 noch alles gut. Dann die Niederlage in Runde fünf gegen Marc’Andria Maurizzi, und es war zu befürchten, dass diese Kandidaten-Chance verstreicht, ohne auch nur in die Nähe des ersehnten Coups zu kommen.

PlatzNamePunkteTB1 (Gegnerschnitt)
2Matthias Blübaum7,52695
4Vincent Keymer7,52668
59Alexander Donchenko5,52666
65Frederik Svane5,52621
68Dmitrij Kollars5,52602
104Rasmus Svane42659
106Dennis Wagner42641
Platzierungen der deutschen Teilnehmer im Grand Swiss.

Keymer kämpfte sich zurück. In Runde sechs besiegte er nach 114 Zügen und 7,5 Stunden den Armenier Robert Hovhannisyan, ein Marathon. In Runde acht folgte ein weiterer Arbeitssieg, diesmal gegen Vidit Gujarathi, Grand-Swiss-Sieger 2023, den er in einem langen Endspiel quälte, bis der Inder fehlgriff. Nach einem weiteren vollen Punkt über den blitzgestarteten Iraner Parham Maghsoodloo meldete sich der 21-Jährige endgültig in der Spitzengruppe an. In der zehnten Runde sollte es zur Begegnung mit dem bis dahin sensationell aufspielenden Matthias Blübaum kommen, und der Sieger dieser Begegnung würde als alleine Führender sein Kandidaten-Ticket fast schon buchen können (wenn denn feststünde, wo das Kandidatenturnier 2026 stattfindet).

Matthias Blübaum? Die Nummer 32 des Feldes alleine führend im Grand Swiss? Ja. Anfangs wollte man sich noch die Augen reiben, aber es ging mit rechten Dingen zu und immer so weiter.

Matthias Blübaum begann mit zwei Punkteteilungen gegen 2600er, gefolgt von zwei Arbeitssiegen. In Runde fünf passierte dann das, was passiert, wenn man in einem solchen Feld mit drei Punkten aus vier Partien startet: Es wartete der mächtige Praggnanandhaa, Elo 2785, Nummer eins der Setzliste. Und der dachte im Endspiel, er könne Blübaums versprengten Springer fangen, hatte aber Blübaums Riposte übersehen. Anstatt Material einzusammeln, musste der indische Jungstar einen Bauern geben, und Blübaum freute sich, „ohne Verlustgefahr auf Gewinn zu spielen“. Das tat er, bis der Gewinn unter Dach und Fach war.

Was nur ein frommer Wunsch des Schreibers dieser Zeilen war, wurde Realität. Blübaum knackte den Pragg – und war danach offenbar auf dem Geschmack gekommen, Top-Ten-Spielern die Suppe zu versalzen.

Eine Eintagsfliege? Die Antwort sollte in der siebten Runde die Schwarzpartie gegen den kaum weniger mächtigen Arjun Erigaisi erbringen, Elo 2771, Nummer zwei der Setzliste. Erigaisi holte wenig aus der Eröffnung, versuchte aber, die Partie kompliziert zu halten, um noch zu Chancen gegen den nominell unterlegenen Blübaum zu kommen. Das tat er immer noch, als es angezeigt gewesen wäre, die Luft aus der Stellung zu lassen. Schließlich fraß Erigaisi einen Bauern, der sich als tödlich vergiftet entpuppte. Fortan mit einer Mehrfigur, wehrte Blübaum alle Schwindelversuche ab – und war Tabellenführer vor mehr als einem Dutzend Supergroßmeistern. In Runde drei bis sieben hatte er 4,5 Punkte aus 5 Partien geholt. Performance bis dahin: um die 2900.

Erigaisi wollte zu viel – und bekam nichts.

Nach einem Kurzremis mit Weiß gegen Nihal Sarin gleich der nächste Härtetest: Schwarz gegen den einstigen Schnellschachweltmeister Nodirbek Abdusattorov, mit 2748 Elo eher in einem Leistungstief und trotzdem die Nummer sechs des Feldes. Und es war wieder an der Zeit, sich die Augen zu reiben. Blübaum geriet zu keiner Zeit in Gefahr, war eher selbst am Drücker, aber ließ die Partie in ein komfortabel unentschiedenes Endspiel austrudeln.

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Was für eine Konstellation. Anfang der 1990er hatte Robert Hübner noch einmal die Kandidatenwettkämpfe erreicht, schied aber gleich im Achtelfinale gegen Jan Timman aus. Unter den letzten Acht war Hübner zuletzt 1983 (Smyslow, Roulettekugel). Wenn wir Christopher Lutz‚ Einladung nach Dortmund 2002 ausklammern, dann stand zuletzt vor 42 Jahren ein Deutscher unter den letzten Acht der WM-Ausscheidung. Und nun war es gleich für zwei deutsche Großmeister greifbar, in diesem Elitezirkel vorzudringen.

Keymer versucht den Keymer-Stare gegen Matthias Blübaum. Anfangs zeigte das Wirkung. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Wer gewinnt, ist so gut wie durch, und ein Remis würde dank seiner starken Wertung (Gegnerschnitt) eher Blübaum helfen – das waren die Vorzeichen. Keymer musste mit aller Macht versuchen, seinen bisherigen vier Weißsiegen einen fünften folgen zu lassen. Und er war auf dem richtigen Weg, während Blübaum zum ersten Mal im Turnier die Eröffnung missriet. Keymer erfreute sich freien Spiels gegen Blübaums König, und der hatte – nichts. Schon ausgangs der Eröffnung zeichnete sich ab, dass für Blübaum in dieser Partie nicht mehr drin war, als es vielleicht irgendwie zusammenzuhalten.

Blübaum kratzte und biss und, immerhin, kollabierte nicht, wie es den meisten anderen unter diesem Druck ergangen wäre. Es gelang dem Mathematiker zu vereinfachen, aber zu einem hohen positionellen Preis. Die positionelle Ruine wiederum führte er zu einem sehr traurigen Endspiel mit einem Minus- und zwei schwachen Bauern, das eine Maschine eventuell halten könnte.

Vincent Keymer übersah tatsächlich den Trick 54…Sxg3!

Und nun saß er da in der sechsten Stunde immer noch, erwartete weiterhin die Niederlage und „hasste mein Leben“, weil es ganz am Ende dieses tollen Turniers dann doch „um nichts mehr geht“. Kurz bevor es aufgabereif sein würde, erspähte Blübaum noch „diesen einen Trick“, aber dachte „nie im Leben, dass ihm das entgeht“.

Keymer übersah den Trick, und Blübaum, der sich schon aus dem Rennen gewähnt hatte, war plötzlich dicker im Geschäft als alle anderen. Tabellenführer, immer noch. Qualifikationschance: über 69 Prozent.

https://youtu.be/yUKlqvW3nZ8
Niemand geht härter mit Matthias Blübaum ins Gericht als Matthias Blübaum: nach dem Remis gegen Vincent Keymer im FIDE-Interview.

Vor der letzten Runde waren acht potenzielle Qualifikanten noch im Rennen, und es war zumindest nicht ausgeschlossen, dass sich beide Deutschen qualifizieren. Aber diese Option war vom Tisch, nachdem Anish Giri, eigentlich Remisexperte, eine saubere strategische Partie gegen Hans Niemann flugs zum Sieg durchgeknetet hatte.

Matthias Blübaum war derweil drauf und dran, den finalen Härtetest zu bestehen. Gegen Alireza Firouzja, jüngster 2800er der Schachgeschichte, war Blübaum zwar unter ein wenig Druck geraten, bewahrte sich aber stets genug Gegenspiel, um die Angelegenheit in der Waage zu halten. Firouzjas Mehrbauer am Ende war nur kosmetischer Natur – remis.

Anish Giri begleitet Matthias Blübaum ins Kandidatenturnier. | via chess.com

Und so lag es an Vincent Keymer. Entweder er gewinnt gegen Erigaisi und wird selbst WM-Kandidat, oder er remisiert, dann ist Blübaum durch. Keymer versuchte es nach Kräften, war nahe dran, aber auch wenn es aussah, als würde die Bastion des Inders bald zerbröseln – sie hielt. Auch hier remis, und Blübaum war durch.

Doppeleuropameister hin, Mannschaftsvizeeuropameister her, der mit weitem Abstand größte Erfolg seiner Karriere. Zur Qualifikation fürs Kandidatenturnier kommt ein persönlicher Elorekord. Blübaum steht jetzt bei 2693, kurz vor dem Sprung über 2700-Marke. Er wäre der dritte deutsche Spieler, dem das gelingt.

Auf eine Weise war während Blübaums sensationellem Lauf auch Arkadij Naiditsch mit von der Partie. Dessen mittlerweile fast fünf Jahre alter Spruch, Blübaum sei „kein sehr starker Spieler“ und das Schachverständnis „eine Katastrophe“, ist spätestens jetzt zum Meme geworden. Unter kaum einem Blübaum-Clip, in einem kaum einem Grand-Swiss-Chat fehlte während des Turniers der Hinweis, der Tabellenführer sei „kein sehr starker Spieler“. Twitch-Streamer Blübaum nennt sich längst selbst so. Der Name seines Kanals, wo er demnächst womöglich seine Grand-Swiss-Partien zeigen wird: KeinSehrStarkerSpieler.

Der andere Hinweis, der unter kaum einem Clip oder Social-Media-Beitrag fehlte, war der, dass „die Medien“ ja so gar nicht Notiz nehmen vom (sich abzeichnenden) größten Erfolg eines deutschen Schachmeisters seit Jahrzehnten. Woran das liegt, hat diese Seite schon vor drei Jahren in der Berichterstattung zum Kandidatenturnier 2022 aufgezeigt: Niemand sagt „den Medien“, dass im Schach Berichtenswertes passiert ist, seitdem bei der dpa niemand mehr für Schach zuständig ist („ein schwerer Schlag für die Sichtbarkeit unseres Sports„, stand hier). Bemühungen seitens des Schachs, diesen Missstand zu beheben, sind seitdem nicht festzustellen. Und so lange sich das nicht ändert, bekommt halt außer den Kulessas und Pütz‘ und Löfflers niemand mit, wenn in Usbekistan Matthias Blübaum Bäume ausreißt.

Das waren tolle Zeiten, als Schach via dpa nicht nur in jeder Lokalzeitung, auch im RTL-Videotext landete, und zwei PR-Fachleute an der DSB-Spitze die Presse mit einem nicht versiegenden Strom an Kuriositäten fütterten. Heute ist bei der dpa niemand mehr für Schach zuständig – und im Schach scheint das niemandem aufzufallen.
Mit Unterstützung von Ehemann Dennis legte Dinara Wagner einen starken Start hin. Foto: Michal Walusza/FIDE

Mit sieben Spielern im Open und Dinara Wagner im Frauenturnier stellte Deutschland in Samarkand ein starkes Aufgebot. Während bei den Männern allein schon nominell Vincent Keymer zuletzt WM-Kandidaten-Ansprüche angemeldet hatte, hatte Wagner sie verbal angekündigt. Die 26-Jährige, seit Monaten auf der Suche nach ihrer Topform, deutete im Frauenturnier an, dass sie sie gefunden haben könnte.

In Runde vier stoppte Wagner die spätere Turniersiegerin Vaishali Rameshbabu mit einer tief vorbereiteten Grünfeld-Variante und erkämpfte sich ein hochverdientes Remis. In Runde fünf besiegte sie Irina Bulmaga und schloss mit 4/5 zu den Spitzenreiterinnen auf. Dann kamen die Prüfsteine in Form der 2500erinnen, zu denen Wagner selbst gehören möchte. Gegen Mitfavoritin Kateryna Lagno drohte Wagner überrollt zu werden, rettete sich aber in ein Endspiel, das remis zu halten gewesen wäre. Sie wollte die Punkteteilung forcieren, wickelte in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel mit zwei Minusbauern ab – das sich als verloren entpuppte.

Am Tag nach diesem folgenschweren technischen Fehler ergab sich gegen Exweltmeisterin und WM-Herausforderin Tan Zhongyi das gleiche Bild, aber mit vertauschten Farben. Wagner war drauf und dran, die Chinesin zu überrollen, fand aber den Ausknipser nicht. Schließlich landete sie in einem Damenendspiel mit Minusbauer, das am Ende eines 139-Züge-Marathons verlorenging. Damit ist Wagners Turnier, das großartig begonnen hatte, im Wesentlichen erzählt. Mit 5,5/11 und einer 2430-Performance landete sie im Mittelfeld.

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Jupp i
Jupp i
4 Monate zuvor

Wunderbarer Bericht.
Bravo und Danke!

Zuletzt bearbeitet am 4 Monate zuvor von Jupp i
joschi
joschi
4 Monate zuvor

2014 war Blübaum ganz sicher kein so starker Spieler wie heute.
Aber heute könnte Blübaum Naiditsch als „keinen sehr starker Spieler“ bezeichnen …

Clemens Allwermann
Clemens Allwermann
4 Monate zuvor

Ob msb2 Naidisch schon als Sekundant angefragt hat?!