Kein Spickzettel. Dieser vierminütige, hochverdichtete Vortrag kommt allein aus Matthias‘ Kopf, kurz nachdem er die Nummer 5 der Welt besiegt hat.
„Medientraining für Schachgroßmeister“, forderte vor ein paar Tagen Jonathan Carlstedt. Was Jonny meint, ist offensichtlich. Falsch liegt er nicht, ignoriert aber das eigentliche Ausbildungsdefizit. Und das finden wir in unserem Sport nicht vor, sondern hinter der Kamera. Und an den Tastaturen.
Publizistisch ist Schach die ganz hohe Schule. Wer Schach fotografiert, dem bietet sich eine limitierte Auswahl von Motiven und Perspektiven, dazu gelegentlich ein wenig Mimik und Gestik. Keine Fallrückzieher, Dunkings oder Knockouts, aus denen leicht ikonische Sportfotos entstehen. Beim Schach haben wir sitzende Menschen. Daraus immer neue Hingucker zu erschaffen – schwierig. Aber es geht, und es gibt Virtuosen, die das können.
Wer nach der Partie Schachmeister befragt, der begegnet Leuten wie Matthias, deren riesiges Gehirn noch um die 100.000 Varianten kreist, die sie gerade gerechnet haben. Wenn du so jemanden aufforderst „Take us through your game“, dann passiert das, was wir im Clip von Chessbase India sehen. Es sprudelt Varianten.
Auf eine Weise ist auch das ikonisch. Wer reinschaut, muss nichts vom Schach wissen, um zu verstehen, wie gut Doppeleuropameister Matthias in dem ist, was er tut. Der Haken: Dieser Clip ist alles andere als einmalig. Er sieht aus wie die meisten „Stimmen zum Spiel“, die beim Schach eingefangen werden.
Matthias, Deutschlands Nummer zwei, hat sich in diesen Tagen die größte Chance seiner Karriere erkämpft. Beim Grand Swiss in Samarkand führt er nach 7 von 11 Runden vor der versammelten Weltelite. Wenn er in den nächsten Tagen so weitermacht, steht er 2026 als einer von acht Spielern im Kandidatenturnier, in dem der nächste WM-Herausforderer ermittelt wird.
Nun, da der immer noch unglaublich erscheinende Coup greifbar wird, wüsste ich ja gerne, was das mit ihm macht. Woher er diese Wahnsinnsperformance der vergangenen Tage genommen hat. Was abseits der 100.000 Varianten in seinem Kopf vor sich geht. Und in seinem Bauch. Die Frage nach dem Druck drängt sich auf.
Wir werden es nicht so bald erfahren, weil es in unserem Sport keine journalistischen Befragungen der Protagonisten gibt. Wir haben entweder „Take us through the game“, gefolgt von Variantensprudeln, oder sportbefreite Social-Media-Spielchen, die die Protagonisten dem breiten Publikum näherbringen sollen. Dazwischen klafft ein Vakuum. Und das kommt nicht daher, dass Matthias keine Medienschulung absolviert hat.
Während ich das schreibe, hat in Usbekistan die achte Runde begonnen. Heute geht es „nur“ gegen die Nummer 32 der Welt, und nach dem Maßstab der vergangenen Tage könnte das für Matthias eine machbare Aufgabe sein.
Wer mag, schickt ihm ein wenig Karma nach Samarkand. Go, Matthias!
Es ist aber schon eine Frage der Zielgruppe. Die Zuschauerschaft von chessbase india kann mit diesem Interview sicherlich schon etwas anfangen, wird mindestens die Information heraushören, dass Blübaum nicht von Anfang an auf Gewinn spielte, sondern erst nach den Fehlern des Gegners. Die Zuschauerschaft der ARD-Sportschau wird mit dem Interview mehrheitlich nichts anfangen können, aber dort würde ein solches Interview eben auch nicht gesendet werden. Die neuen Formate im Internet ermöglichen es, für unterschiedliche Zielgruppen unterschiedliches Programm anzubieten.
Tolle Stellungnahme von M. Blübaum. Perfekt. Beeindruckend. Auf den Punkt. Schach pur. Wenn ich hingegen die vielen (möchtegern) Promi-Youtube-Labertaschen im Vergleich dazu betrachte, wie und was selbige PYLer über diese Partie zu sagen, behaupten oder zu berichten haben, auch das spricht (leider) für sich selbst! Danke für das Interview und den Bericht an dieser Stelle!
Ich liebe dieses 4-Minuten-Interview von Matthias Blübaum. So sind Schachspieler in echt, ohne Marketing-Makeup. Manchmal gibt es Sonderfälle wie Hans Moke Niemann („My chess speaks for itself.“ Fertig, ohne weitere Details), oder Arkadij Naiditsch. Die sind dann das Salz in der Suppe. In der Mathematik begegnen einem oft ähnlich introvertierte Sprecher. Beispiel: ein Bielefeld Mathe-Prof 1987 – zum Vortrag im Mathematischen Kolloquium an der Uni Ulm. Sein Anfang war: „Meine Herren, ich fange mal ganz elementar an.“ Und nach dem ersten Satz war sogar der Ulmer Prof abgehängt, der für die Einladung des Bielefelders gesorgt hatte. Aus Höflichkeit (und Ritus)… Weiterlesen »
Das Interview hat stellenweise das Potential für ein unsterbliches Meme. Wow