„Die Präsentation der Wertungszahlen weiter optimieren.“ Für nicht Eingeweihte klang es nach einer guten Nachricht, was der Schachbund am 7. Juli mitteilte. Es ließe sich ja, angefangen bei der Optik, einiges optimieren: feinere Filter, feinere und mehr Bestenlisten, Gewinner des Monats, Push-Benachrichtigung aufs Handy mit jeder Auswertung, historische Zahlen, Rekorde und so weiter. Über „Kontext und Visualisierung“ würden Fachleute reden wollen, wenn es darum geht, eine Präsentation von Zahlen zu optimieren. Das Ziel der Optimierung wäre leicht benannt: Mehr Service für diejenigen, die das Angebot nutzen, Zahl der Aufrufe und Verweildauer erhöhen, um die meistbesuchte Rubrik der DSB-Website werthaltiger zu machen.

Gemach. Wir sind hier bei der Schachverwaltung, und dort geht es nicht darum, denen, die spielen, das Spielen leicht und schön zu machen. Und schon gar nicht darum, denen die spielen, das Abrufen ihrer und anderer DWZ leicht und schön zu machen. Oder darum, vermarktbare Werte zu schaffen. Wer über „optimiert…“ hinausliest, merkt bald, dass es zuvorderst um das Kerngeschäft der Schachverwaltung geht: regulieren und reglementieren.
„Es ist allen Ernstes im Gespräch, den Zugang zur DWZ auf der Homepage des DSB (zu den Scoresheets) weiter zu erschweren“, schreibt Michael S. Langer in seinem Kongressbericht des Niedersächsischen Schachverbands. Das Thema bezeichnet der NSV-Präsident als „der Öffentlichkeit bislang nicht so zugänglich“, was insofern stimmt, als acht Wochen nach der DSB-Mitteilung dieser für mindestens 100.000 Menschen relevante Vorgang bislang weder in der Berichterstattung einer Schachwebsite noch einer -zeitschrift aufgetaucht ist. Auf dieser Seite stand er zweimal, zuletzt im Zusammenhang mit Sandra Schmidts Engagement im österreichischen Verband und einem Vergleich, wie überraschend einfach sich in Österreich die Wertungszahl verwalten und öffentlich einsehen lässt.
Im Glauben, wohlhabend zu sein, hat sich der Schachbund mit seiner IT-Projektgruppe erst für den Erhalt der DWZ entschieden. Dann hat er sich für ein Vielfaches des ursprünglich angepeilten Preises eine Mitgliederverwaltungssoftware gemietet sowie eine Wertungszahlverwaltungssoftware gekauft. Seit der Anmietung/-schaffung steigen die Kosten kontinuierlich, da unter anderem fortlaufend neue Funktionen und noch nicht existente Schnittstellen zu anderen Anwendungen oder Institutionen programmiert werden müssen. Seit zwei Jahren ist das DSB-Projektteam, ein halbes Dutzend Menschen, damit beschäftigt, die Neuerwerbungen betriebstauglich zu machen.
In Sachen DWZ-Portal geht die angepeilte Idealvorstellung nun so: Die Sachbearbeiter:innen in jedem der gut 2000 Vereine erfassen inklusive E-Mail-Adresse die Daten aller ihrer knapp 100.000 Spielerinnen und Spieler. Jede:r einzelne dieser 100.000 erteilt dem Verein die Genehmigung, diese Daten an den DSB weiterzugeben (nach Vereinswechseln wird dieser Vorgang von Neuem erforderlich sein). Künftig sollen (nur) die 100.000 Vereinsmitglieder berechtigt sein, auf der DSB-Website DWZ-Zahlen im Detail anzuschauen. Nachdem sie sich mit der vom Verein erfassten und beim DSB hinterlegten E-Mail im Mitgliederportal angemeldet haben, können sie sich für die DSB-Website verifizieren. Und dann können sie in den DWZ stöbern.
Wie realistisch dieses Szenario ist, lässt sich allein daran ablesen, dass eine ganze Reihe deutscher Clubs noch nicht einmal per E-Mail zu erreichen ist. Und selbst wenn sich im Club ein fürs Erfassen Zuständiger findet: Wer je mit Schachspielern zu tun hatte, der ahnt, wie wahrscheinlich es ist, dass zügig von allen Mitgliedern Daten und Einverständniserklärung vorliegen.
Interessant wird zu sehen sein, welche Lösung den Verantwortlichen für Kinder vorschwebt, die ihre DWZ nachschauen möchten. Sollen die detaillierten Einzelbilanzen der vergangenen 22 Jahre im DSB-Ergebnisdienst jetzt auch hinter einer Schranke verschwinden? Oder bleiben sie auf ergebnisdienst.schachbund.de stehen, werden aber auf schachbund.de versteckt? Dazu kommt, dass die Angelegenheit einmal mehr Beitragsgeld kosten wird. Dem Vernehmen nach muss das Programmieren einer Routine beauftragt werden, die die auf der Website eingegeben Anmeldeadressen mit denen im Datenbestand abgleicht.

Langer wittert „überzogene Datenschutzinterpretationen“ als Antrieb für diese neue Regelung – und will sie stoppen. „Die DWZ ist für viele Spieler:innen ein zentrales Element ihrer Turnierplanung und Motivation – der Zugang dazu muss niedrigschwellig und transparent bleiben“, teilt er jetzt auf der NSV-Website mit und warnt, „einen funktionierenden Service auszubremsen“.
Die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) wirkt sich seit 2018 auf die Veröffentlichung von Ranglisten, Ergebnislisten und persönliche Daten von Sportlerinnen und Sportlern aus. Um personenbezogene Daten zu veröffentlichen, bedarf es stets einer Rechtsgrundlage. Von solchen Grundlagen gibt es eine ganze Reihe. Vereine und Verbände im Sport berufen sich meist auf das „berechtigte Interesse“. Wettkämpfe finden öffentlich statt, Ergebnisveröffentlichungen gehören zum Wesen des sportlichen Wettbewerbs, und nach dem Wettbewerb wollen wir natürlich wissen, wie es ausgegangen ist. Aber die DSGVO setzt dem berechtigten Interesse Grenzen: Es dürfen nur die „notwendigen personenbezogenen Daten“ veröffentlicht werden.
Was das nach Interpretation der DSB-Datenschutzfachleute für den Schachsport und seine DWZ bedeutet, lässt sich seit einigen Jahren auf der DSB-Website sehen. Wo früher alle Zahlen und Turnierergebnisse frei abrufbar waren, geht das heute nur noch nach Registrierung und Anmeldung. Wer wissen möchte, wann jemand geboren wurde, findet nur noch das Geburtsjahr, das anzugeben „notwendig“ ist, um Spielerin/Spieler einer Alterskategorie zuordnen zu können.
Solche Einschränkungen gelten nicht nur für normale Leute, die in den Zahlen stöbern, sie gelten auch für die Schachjugend. Die Geburtsdaten ihrer knapp 35.000 Schützlinge kennt die DSJ seit Jahren nicht, seitdem es den Export aus der alten Mitgliederverwaltung (MIVIS) zur DSJ nicht mehr gibt. Die Jugendorganisation hat nur Zugriff auf die Mitgliederdaten, die der DSB ohnehin öffentlich zum Download bereitstellt und an die FIDE weitergibt. Braucht der DSJ e.V. ein Geburtsdatum oder eine Anschrift eines Mitglieds, kommt er nur über Umwege daran. Aber es besteht Hoffnung, dass sich das ändert. DSB und DSJ arbeiten gemeinsam an einer Schnittstelle, über die die DSJ Zugriff erhält. Beim Hauptausschuss am 4. Oktober wird das Thema auf der Agenda stehen.
Vergleiche mit anderen Einzelsportarten in Deutschland zeigen, dass das Veröffentlichen von Ranglisten und Wettkampfergebnissen in der jüngeren Vergangenheit alle Verbände beschäftigt hat. Überall gibt es nur noch die „notwendigen“ Daten, aber in unterschiedlicher Form. Während zum Beispiel der Schwimmverband fast alles öffentlich macht, agiert der Golfsport eher restriktiv. Beim einen Verband sind Ranglisten frei verfügbar, beim anderen mal teilweise, mal gänzlich hinter einem Login verborgen, an anderer Stelle nur für Mitglieder sichtbar. Wieder anderswo (Leichtathletik) gibt es variable Lösungen, die die Sportergebnisse von Kindern deutlich restriktiver spiegeln als die von Erwachsenen.

Einen dringenden Grund, beim Schach plötzlich Zugang, Transparenz, Sichtbarkeit essenzieller sportlicher Leistungsdaten weiter einzuschränken, gibt es nicht. Generell ließe sich darüber nachdenken, statt eines freien Logins einen Mitgliederzugang einzuführen. Wir wären dann auf der zwar restriktiven, aber auch auf der ganz, ganz sicheren Seite.
Vorher sollte abgewogen und debattiert werden: Wollen wir wirklich Journalisten, Eltern, Sponsoren, Interessierten den Zugang verweigern? Wie würde sich ein reiner Mitgliederzugang auf die Zugriffszahlen auswirken? In Kenntnis dieses Verbands und der Prioritäten der Handelnden lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass darüber vor der Veröffentlichung am 7. Juli niemand nachgedacht hat.
Allemal ist dringender, erst einmal die Hausaufgaben zu erledigen. Ein zentrales Mitgliederportal, in dem alle erfasst sind und mit dem sich intern wie extern über alle Schnittstellen hinweg unfallfrei arbeiten lässt – ein schönes Ziel, auf das hinzuarbeiten sich lohnt. Wenn es erreicht ist, wenn wir in der IT betriebstauglich sind, dann können wir uns den üblichen Reflexen von Regelungswut und Rechtssicherheitsangst widmen. Vorher und ohne Not die Dinge komplizierter machen, als sie sind – bitte nicht.
In einer früheren Version dieses Beitrags stand, dass die DSJ „seit der Umstellung aufs neue System keine Daten mehr bekommt“. Das war nicht richtig. Tatsächlich hat die DSJ seit mindestens zehn Jahren keinen Zugriff auf detaillierte DSB-Vereinsmitgliederdaten. Sie hat stattdessen mit den Daten gearbeitet, die der DSB auch der FIDE zur Verfügung stellt. Der entsprechende Absatz ist geändert.
Die meisten neuen Mitglieder der letzten Jahre im Verein meiner Wahl traten NUR wegen des Erwerbs einer DWZ ein. Es gibt Mitglieder, die hunderte Kilometer entfernt leben und spielen, man kennt diese nicht, hat sie nie gesehen.Geister-Mitglieder. Das ist kein Einzelfall, sondern der Trend. Selbst Mitglieder im näheren Umfeld sind im Verein nicht sichtbar, nur die DWZ interessiert diesen Spieler-Typ. Die DWZ-Hörigkeit ist ein gewichtiger Grund und wichtige Motivation für viele Spieler. Den Zugang, die Transparenz, die Sichtbarkeit essenzieller sportlicher Leistungsdaten weiter einzuschränken ist völliger Unsinn, der nur Schaden anrichtet, den Schachsport massiv schädigt. Man sollte das Gegenteil tun und… Weiterlesen »
Ich bezweifle ganz grundsätzlich, dass eine Wertungszahl eine schützenswerte Information nach DSGVO ist. Im Gegensatz zu tatsächlich personenbezogenen Informationen kann aus der Wertungszahl überhaupt kein Rückschluss auf die Person gezogen werden. Ich bin ja durchaus für Datenschutz und man sollte wichtige persönliche Daten auch nicht öffentlich machen. Hier wird aber eindeutig übertrieben. Als nächstes werden dann die Ergebnisse von Mannschaftskämpfen nicht veröffentlicht, denn daraus könnte man ja schließen, wo sich eine Person zu einer bestimmten Zeit aufgehalten hat. Das fällt ja noch eher unter die schützenswerten Daten als die Wertungszahl. Mit der angedachten Lösung würde das Problem auch gar nicht… Weiterlesen »
Kurios, wie unterschiedlich die Wirklichkeit wahrgenommen wird. In meinem persönlichen Umfeld hat noch nie ein Spieler eine Vereinsmitgliedschaft wegen der DWZ oder auch nur auch wegen der DWZ angestrebt. Man möchte Schach spielen und das nicht online allein zu Hause, sondern im Verein. Jugendliche möchten die Grundlagen des Schachs erlernen, völlig unabhängig davon, ob dabei eine DWZ erworben wird oder nicht. Vielfach ist bei Vereinseintritt „DWZ“ ein unbekannter Begriff. Wenn die Gesetzeslage die mit dem an den Hauptausschuss gerichteten Antrag angestrebten Einschränkungen verlangt, dann sollte der Schachbund die Rechtslage auch beachten. Polemik allein reicht nicht, man sollte sich ernsthaft mit… Weiterlesen »
DWZ wirken wie Nikotin: sie machen süchtig. Deshalb sollten Kinder und Amateure davor geschützt werden. Elo ja, ab einer gewissen Spielstärke. Wer Schach in erster Linie spielt, um seine DWZ zu verbessern, sollte sich eine andere Sportart suchen. Irgendetwas draußen an der frischen Luft. Als ich das Schachspielen lernte, hat niemand einen Gedanken an Wertungszahlen verschwendet. Der Gegner war ein Mensch und keine Ranglistenummer, an der man sich abarbeiten kann.
Liebe Leute!
Was sind das das hier teilweise für naive Meinungen?
Die DWZ ist ja wohl das Wichtigste am Schach und im Verein.
Wie will ich denn sonst schon mal eine vernünftige Aufstellung für die Mannschaftskämpfe machen? Zumal, wenn Leute noch keine ELO haben, weil sie nur Mannschaft spielen, da ist ja die ELO in den meisten Fällen auch höher als die DWZ.
Deswegen muss auf jeden Fall verhindert werden, dass auch die Mannschaftskämpfe in den unteren Klassen ELO ausgewertet werden.
Da hätte ja irgendwann jeder mal eine ELO, die man jederzeit bei der FIDE einsehen könnte, auch als Vereinsloser.
Ich warte darauf, dass bei Fussballspielen die Anzeigetafel abgeschafft wird. Auch habe ich immer den Eindruck, dass sich im Verband auf verschiedenen Posten Personen ausleben wollen, denen man in der Geschäftswelt dies wohlweislich verboten hat. Es wäre doch interessant zu wissen ob es jemals ein DSGVO Urteil gegen einen Sportverein oder Verband gegeben hat. Jeder Verein ist inzwischen so schlau sich das Publizieren der Daten von seinen Mitgliedern absegnen zu lassen. Und komischerweise ist der Verband bei der DWZ unglaublich vorsichtig, dabei ist diese Zahl nur ein sehr kleiner unbedeutender Teil zu den Informationen, die er zu seinen Spielern bereitwillig… Weiterlesen »
doch, unbedingt!
Damit die Juristen und Bedenkenträger ruhig weiterschlafen können, ergibt es völlig Sinn, gegen die eigenen Kunden (Entschuldigung: Mitglieder) zu handeln.
Aus diesem Grund wird überlegt, was man tun kann um zu zeigen, dass man Datenschutzgesetze ernst nimmt,und nicht, was man tun sollte, um das Leben einfacher zu gestalten und mehr Service zu bieten – unter Einhaltung des Datenschutzes.
Weiter so DSB – zeige, dass du ein Sportverband bist und diese Bezeichnung verdienst.
Das Interessante ist doch, dass die Verordnung nicht nur verbietet Daten zu veröffentlichen ohne Berechtigung, sondern auch sie zu speichern. Dies heißt, wenn der DSB keine solchen Rechte eingeräumt bekommen hätte, dürfte er über Schachspieler gar nichts speichern. Er dürfte nur die Landesverbände fragen wie viele es gibt. Spielt dann einer Deutsche Meisterschaft, müsste der DSB sich die Informationen von den Landesverbänden erfragen, die sie dann von den Vereinen bekommen. Wenn er allerdings sich diese Rechte zum Speichern hat einräumen lassen, dann war er sicher nicht so blöd sie sich nicht auch für die Veröffentlichung einzuräumen zu lassen. Dann haben… Weiterlesen »
Die Analyse ist in diesem Fall leider nicht ganz zutreffend. Es handelt sich hier nur indirekt um ein Problem der DSGVO. Die genannte Erforderlichkeit einer Rechtsgrundlage bestand schon lange vor der DSGVO, im alten Bundesdatenschutzgesetz. Im Hinblick auf die „normalen“ personenbezogenen Daten, zu der eine DWZ sicherlich gehört, hat sich, salopp gesagt, durch die DSGVO nichts, absolut gar nichts geändert. Insofern ist nicht die DSGVO direkt(!) „daran schuld“, dass hier alle Verbände sich Gedanken machen müssen, wie sie mit der Veröffentlichung von personenbezogenen, also auch Leistungsdaten ihrer Sportler umgehen müssen. Sie ist aber indirekt „daran schuld“. Es sind im Wesentlichen… Weiterlesen »
Ich bin vereinslos . Was passiert dann mit mit meiner DWZ?
In unserer kommunalen Verwaltung handhaben wir es bei „meiner“ Fachsoftware so, dass Multiplikatoren in den einzelnen Bereichen turnusmäßig eine Liste mit bestimmten, wegen DSGVO einsichtsbeschränkten, Daten erhalten, die sie im Bereich herumzeigen dürfen.
Analogie im Schach: Vereine bzw. Verbände benennen Verantwortliche, die freihändig stöbern und Angaben für ihren Verein/Verband intern weitergeben dürfen.