Kasparov empfängt Čmilytė-Nielsen: die Perspektive der NATO-Ostflanke

Nach Einschätzung von Viktorija Čmilytė-Nielsen und Garry Kasparov liegt es primär an Europa, die Ukraine entschlossen zu unterstützen und die NATO-Ostflanke nachhaltig zu stärken. Während die USA sich zunehmend in eine transaktionale und zurückhaltendere Rolle zurückziehen, sei es für die europäischen Staaten höchste Zeit, eigene Mittel für Verteidigung, Rüstung und Abschreckung bereitzustellen. „Der Ball liegt im Feld Europas“, sagt Čmilytė-Nielsen in Kasparovs Podcast „Autocracy in America“ des Magazins The Atlantic. Kasparov stimmt zu und ergänzt, dass ein Rückzug Amerikas die Welt unweigerlich gefährlicher mache.

Garry Kasparov spricht im Atlantic-Podcast mit wechselnden Gästen. Diese Episode ist mit „The View from NATO’s Eastern Flank“ überschrieben.

Die Gesprächspartner verbindet mehr als die Politik: Beide sind Schachgroßmeister, die ihre Karrieren später in die Politik verlagerten. Kasparov, 20 Jahre lang der dominierende Spieler der Welt, erinnert an seine ersten internationalen Partien in Vilnius 1973 und an die Unterstützung seines Mentors Alexander Nikitin. Čmilytė-Nielsen wiederum war einst Europameisterin im Schach, bevor sie mit Anfang dreißig in die litauische Politik wechselte. Sie wurde 2020 zur jüngsten Parlamentspräsidentin in der Geschichte des Landes gewählt, heute ist sie Vizepräsidentin des Seimas (das Parlament Litauens) und Vorsitzende der liberalen Partei LRLS. Das Schach prägte ihren Werdegang, betont sie, aber Politik sei ein anderes Spiel: „Schach ist ehrenhaft und klar geregelt, die Politik dagegen voller Grauzonen und wechselnder Regeln.“

Im März 2022, kurz nach dem Überfall Putin-Russlands auf die Ukraine, besuchten die Sprecher:innen der baltischen Parlamente die ukrainische Hauptstadt Kyjiw (englische Schreibweise: Kyiv).

Im Zentrum des Gesprächs steht Litauens geopolitische Lage. Das Land war 1990 der erste Staat, der sich von der Sowjetunion lossagte – eine Unabhängigkeit, die 1991 blutig verteidigt werden musste – ein Schatten auf dem Vermächtnis von Michail Gorbatschow, der damals mit Gewalt versuchte, die Sowjetunion zusammenzuhalten. Heute gehört Litauen seit über zwanzig Jahren zur EU und zur NATO, doch die Gefahr bleibt: Vilnius liegt nur dreißig Kilometer von Belarus entfernt, das de facto unter Kontrolle Russlands steht. Sollte die Ukraine fallen, fürchten die Litauer, dass ihr Land als Nächstes Ziel russischer Aggression werden könnte.

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Kasparov und Čmilytė-Nielsen sprechen von einem hybriden Krieg, den der Kreml längst gegen Europa führe. Dazu zählten jahrelange Desinformationskampagnen, aber auch konkrete Aktionen wie die Instrumentalisierung von Migranten an der Grenze 2021, orchestriert durch den weißrussischen Diktator und Putin-Lakai Alexander Lukaschenko. Solche Angriffe seien Teil der Vorbereitung auf die großflächige Invasion der Ukraine, sagt Čmilytė-Nielsen.

NATO-Mitgliedschaft gilt den baltischen Staaten als zentraler Schutz. Europa verstärkt seine Ostflanke, etwa durch die Stationierung einer 5.000 Soldaten starken deutschen Brigade in Litauen. Zugleich suchen die baltischen Staaten neue Wege der Abschreckung: Litauen, Lettland, Estland und Finnland sind aus der Ottawa-Konvention ausgetreten, um ihre Grenzen mit Minen sichern zu können. Auch theoretische Debatten über nukleare Abschreckung – etwa unter einem französischen Schirm – gewinnen an Gewicht.

Über die NATO-Ostflanke und die Bundeswehr-Brigade in Litauen (für Abonnenten).

Kasparov sagt, Putin verstehe den Krieg gegen die Ukraine als Teil einer größeren Auseinandersetzung mit der freien Welt. Für den Westen gehe es nicht nur um Diplomatie oder die Vermeidung einer Eskalation, sondern um die Verteidigung von Freiheit und Demokratie. Čmilytė-Nielsen betont, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit geben könne: „Wenn Kriegsverbrecher ungestraft wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren, fehlt jede Grundlage für eine stabile Zukunft.“

Die beiden Gesprächspartner bei einer Begegnung vor drei Jahren in Vilnius. | Foto via reddit

Beide sehen im heutigen Europa ein ambivalentes Bild: Einerseits sind beispiellose Schritte geschehen – von Waffenlieferungen bis zur dauerhaften NATO-Präsenz im Baltikum. Andererseits bleibt die Unterstützung für die Ukraine zu langsam, zu bürokratisch und zu zögerlich. Für Čmilytė-Nielsen steht fest: Europa muss mehr tun, weil ein Nachlassen der Unterstützung nur die russische Aggression befeuern würde.

Das Gespräch der politischen Schachgroßmeister endet mit einer klaren Botschaft: Freiheit und Sicherheit in Europa hängen nicht allein vom transatlantischen Bündnis ab. Sie erfordern jetzt europäische Entschlossenheit – militärisch, politisch und moralisch.

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