Bauer, Dame, König – 34 Figuren, alle aus Kokain. Was aussah wie ein bunt bemaltes, selbstgebasteltes Schachbrett mit Keramikfiguren, war ein Drogenversteck. Nach Ermittlungsarbeit über zwei Kontinente hat die Polizei am Montag in Marl einen 40-Jährigen festgenommen, an den wahrscheinlich nicht nur dieses Drogenschachbrett adressiert war. Seine Wohnung sowie eine weitere in Lünen wurden durchsucht, meldet die Polizei Recklinghausen.

Aufgefallen war das Paket mit dem bunten Brett in Paraguay. Von dort sollte die fingierte Drogenlieferung per Frachtpost nach Deutschland geflogen werden. Nach einem Bericht des brasilianischen Nachrichtenportals H2FOZ hatten Beamte der paraguayanischen Antidrogenbehörde schon im Mai in der Frachtabteilung des internationalen Flughafens Silvio Pettirossi in der Metropolregion Asunción das Brett mitsamt Figuren gefunden und konfisziert:
Seinerzeit durchkreuzte das feine Näschen eines Drogenspürhundes den Plan, 1.258 Gramm des zu Schachfiguren gepressten Kokains nach Deutschland zu schmuggeln. Nachdem der Hund Verdächtiges angezeigt hatte, schnitten die Beamten das aus Bolivien kommende Paket auf. Darin fanden sie neben einem Beutel das Klappbrett und darin wiederum die handgemachten Figuren, einzeln in Plastiksäckchen verpackt.
Dass die Figuren aus gepresstem Pulver bestehen, offenbarte ein Test mit dem Teppichmesser. Kratzen am Fuß der Figuren ließ ihre Substanz sogleich auf das Papier darunter bröseln. Wenig später stand fest: Das ist Kokain.

Die Polizei Paraguay meldete, das weiße Pulver habe in Deutschland einen Wert von etwa 70.000 Euro – eine konservative Schätzung. Ermittler hierzulande kalkulieren eher mit Endverbraucherpreisen von mehr als 100 Euro/Gramm. Genau lässt es sich nicht beziffern. Zum Umstand, dass der Kokainpreis zuletzt gestiegen ist, kommen Unwägbarkeiten: Reinheitsgrad, Streckung, Absatzform und Region können den Erlös deutlich verschieben.
Die südamerikanischen Behörden gehen davon aus, dass der Zwischenstopp des bolivianischen Pakets in Paraguay internationale Kontrollen täuschen und die Nachverfolgung erschweren sollten. Paraguay dient häufig als Transitroute für international versandte Schmuggelware. Womöglich hängst dieser Fall mit einem ganz ähnlichen Fund wenige Wochen zuvor zusammen, als die paraguayanische Polizei einen Bolivianer und einen Einheimischen festnahm, bei denen sie ebenfalls ein Schachbrett mit Drogen-Inhalt gefunden hatte.
Von den Südamerikanern informiert, erließ die Staatsanwaltschaft Essen Haftbefehl gegen den 40-Jährigen aus Marl, an den das Brett adressiert war. Bei der Durchsuchung am 1. September trafen ihn die Ermittler zu Hause an. Er wurde festgenommen und sitzt jetzt in Untersuchungshaft.
Nach einem Bericht der Marler Zeitung war dies nicht die einzige Drogensendung aus Südamerika, die er erhalten hat. Wahrscheinlich habe es mehrere, mindestens eine weitere Sendung gegeben. Ob der Mann die Drogen verkaufen wollte oder als Mittelsmann diente, ob er Hauptakteur oder nur ein Rädchen im Schmuggelbetrieb war, ist unklar. Die Polizei ermittelt auch gegen mögliche Mittäter.
Drogenschmuggel mit Schachtarnung
Der aktuelle Fall ist einer in einer langen Reihe von Drogenschmuggel mit Schachtarnung. Mal werden, wie hier, Figuren komplett aus Kokain gepresst, mal Bretter. Häufig dienen reguläre, aber ausgehöhlte Schachfiguren als Drogenversteck, nicht nur für Kokain. Beispiele (Fotos jeweils von den Ermittlungsbehörden):



Die Sache mit dem Kokain in den Figuren ist natürlich nicht gutzuheißen.
Aber künstlerisch gefallen mir die Figuren. Es ist das typische südamerikanische Thema: ein Figurensatz repräsentiert die indigene Bevölkerung, der andere die spanischen Eroberer. Ich bin selbst (wählerischer) Sammler und habe zum Beispiel solch ein Set aus dem Argentinien der 1970er Jahre. Hier ist ein Bild des indigenen Königs daraus.
indigener-koenig.jpg (592×1067)
Von dem Set gibt es nur zwei bekannte Exemplare. Das andere ist im Schachmuseum in Amsterdam.
Genial. Es zeigt mal wieder, wie absurd solche paternalistischen Verbote sind. Tatsächlich produzieren sie durch Kriminalisierung einer Handlung am eigenen Körper erst Kriminalität als Ergebnis. Figuren wie Pablo Escobar wären ohne dies alles nicht denkbar. Niemand hat das Recht einem Menschen zu verbieten Substanzen einzunehmen, noch ihn im Umkehrschluss dazu zu zwingen (Stichwort „Impfung“).