Bislang ist nur Fabiano Caruana qualifiziert. Sieben weitere Plätze sind noch zu vergeben. Die Qualifikation fürs Kandidatenturnier 2026 geht mit dem Grand Swiss ab der kommenden Woche in die entscheidende Phase. In Usbekistan werden bis zum 15. September 100 Top-Großmeister um zwei Plätze kämpfen. Sechs Wochen später beginnt in Indien der World Cup, bei dem drei weitere Plätze ausgespielt werden.
Jeweils nicht dabei ist der Weltranglistenzweite Hikaru Nakamura. Trotzdem hat Bundesligist SC Viernheim den US-Großmeister jetzt aus seinem Kader gestrichen, weil Nakamura sich laut Teamchef Stefan Martin „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für das Kandidatenturnier qualifizieren wird“. Gegenüber den Mannheimer Morgen (für Abonnenten) sagte Martin, Nakamura würde wegen des Kandidatenturniers für das Saisonfinale in Berlin nicht zur Verfügung stehen. Aber dort wird das wahrscheinlich die Meisterschaft entscheidende Match zwischen den Top-Teams aus Baden-Baden und Viernheim ausgetragen. Einen Platz auf der Meldeliste an einen Superstar zu vergeben, der nicht spielen kann, wenn es zählt, könne sich der Club angesichts der begrenzten Zahl der Kaderplätze nicht erlauben, erklärt Martin.

Kein Grand Swiss, kein World Cup, und trotzdem „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ Kandidatenturnier. Wie passt das zusammen?
Zu den kleinen und großen Aufregern, die Nakamura mit schöner Regelmäßigkeit produziert, gehörte Ende Juli diese Ansage in Richtung Weltverband: Die FIDE habe den Rating-Spot fürs Kandidatenturnier nur deswegen nicht als Qualifikationsweg gestrichen, damit sich Magnus Carlsen bis zur letzten Minute überlegen kann, vielleicht doch noch in den WM-Zyklus zurückzukehren.
Es dauerte ein paar Tage, dann sprang FIDE-Geschäftsführer Emil Sutovsky über das Stöckchen, das ihm Nakamura vor die Füße gehalten hatte: Nakamura sage oft Sachen, ohne sich auszukennen, das sei ein Problem, findet Sutovsky. Und betont: „Der Rating-Spot ist ein bewährter Qualifikationsweg, der seit vielen Jahren Teil des Systems ist. Früher gab es sogar zwei Spots.“ Die Regelung stelle sicher, dass auf anderen Wegen nicht qualifizierte Top-Spieler Teil des Elitefelds sein können, das den Herausforderer von Weltmeister Gukesh ermittelt. Sutovsky: „Wenn du die Nummer zwei der Welt bist, sollte das Kandidatenturnier nicht ohne dich stattfinden.“
Kurioserweise ist diese Nummer zwei Nakamura höchstselbst, und der hat laut eigener Aussage tatsächlich vor, per Rating ins Kandidatenturnier 2026 zu rutschen. Wie er das genau anstellen will, ist offen. Laut Reglement können sich nur solche Spieler qualifizieren, in deren Rating 2025 mindestens 40 Turnierpartien eingeflossen sind. Nakamura hat erst 18 gespielt. Jetzt bleiben ihm vier Monate, um noch 22 draufzulegen (ohne Rating zu verlieren) – und trotzdem sagt er Grand Swiss und World Cup ab?!

Stattdessen, erklärte Nakamura in einem Stream, wolle er im September und Oktober einige „Micky-Maus-Turniere“ spielen. Sein Plan: Partien sammeln, um irgendwie auf 40 zu kommen, „ein paar IM besiegen, ein paar Ratingpunkte gewinnen“. Und nebenbei auf die Konkurrenz gucken, dass ihm nicht noch jemand auf der Zielgeraden den zweiten Platz in der Weltrangliste abknöpft.
Das erste Micky-Maus-Turnier, das Nakamura vorschwebt, um WM-Kandidat 2026 zu werden, hat sich jetzt offenbart. Der 2800-Großmeister hat sich bei der an diesem Wochenende beginnenden, mit 3000 Dollar dotierten Landesmeisterschaft von Louisiana angemeldet. Dort führt er mit 550 Elopunkten die Setzliste an und kann im Falle eines Turniersiegs 800 Dollar gewinnen. Wichtiger als diese Perspektive wird ihm sein, in Louisiana die ersten 7 der benötigten 22 Partien spielen zu können.
Ein weiteres Micky-Maus-Turnier könnte die US-Meisterschaft vom 10. bis 26. Oktober sein. Internationalen Meistern würde er bei der stärksten Landesmeisterschaft der Welt zwar nicht begegnen, aber er könnte dort elf für die Weltrangliste gewertete Partien am Stück spielen. Danach würden ihm nur noch vier fehlen.

Zu prognostizieren, wer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht WM-Kandidat 2026 wird, ist leichter, als die Teilnehmer des Elitezirkels vorherzusagen. Nicht nur Nakamura, auch Exweltmeister Ding Liren wird voraussichtlich beim Grand Swiss und beim World Cup fehlen. In der Weltrangliste mit 2734 Elo auf Rang 19 abgerutscht, wird der Chinese voraussichtlich der erste Exweltmeister der neueren Schachgeschichte sein, der ohne Kandidaten-Privileg vorzeitig aus dem WM-Zyklus ausscheidet. Die automatische Qualifikation des WM-Verlierers fürs Kandidatenturnier hat die FIDE mit dem aktuellen Zyklus abgeschafft.

Aus deutscher Sicht besteht erstmals seit Jahrzehnten die nicht große, aber realistische Chance, dass es jemand aus dem deutschen Kader schaffen kann. Vincent Keymer, seit Neuestem Top-Ten-Spieler, hat mit seinem jüngsten Ratingsprung auf über 2750 angedeutet, dass mit ihm beim Grand Swiss und beim World Cup zu rechnen sein wird, wenn es läuft. Dazu kommt die kleine Möglichkeit, als achter und letzter Spieler per FIDE-Turnierwertung auf den Kandidatenzug aufzuspringen. Im „FIDE Circuit“ führt zwar mit Abstand der Inder Praggnanandhaa, aber bis am 31. Dezember nach der Rapid- und Blitz-WM in Katar abgerechnet wird, fließt noch viel Wasser durch den Bodensee.
Das Kandidatenturnier 2026 wird im Frühjahr stattfinden. Laut FIDE-Ausschreibung soll es zwischen dem 25. März und 5. April 2026 beginnen und rund drei Wochen dauern. Eine Kollision mit dem Bundesligafinale ab dem 24. April in Berlin ist daher zumindest möglich.
Der Austragungsort des Kandidatenturniers ist noch offen. Die FIDE hat im August den Bietprozess gestartet, um einen Ausrichter zu bestimmen. Sobald der Gastgeber feststeht, werden genaue Termine und der Spielort offiziell bekanntgegeben. Klar ist, dass der Sieger des Kandidatenturniers im Herbst/Winter 2026 den amtierenden Weltmeister Dommaraju Gukesh herausfordern wird.
(Titelfoto: Christian Hoffmann/SC Viernheim)
Die US-Meisterschaft wird Nakamura wohl nicht spielen, da würde er ja seine Elozahl riskieren. Es gibt in den USA wohl genug Turniere wie dieses: schwach besetzt, sieben Runden an drei Tagen. Was er vielleicht nicht berücksichtigt hat: im Teilnehmerfeld auch relativ viele ohne FIDE-Elo – Partien werden (für ihn) dann nicht Elo-gewertet. In Runde 1 bekam er einen elolosen Gegner, das könnte nochmals passieren.
Naja, notfalls muss er eben ein oder zwei Micky-Maus Turniere mehr spielen als eigentlich geplant.
Jeder der 2700er kann an solchen Turnieren teilnehmen. Die dortigen anderen Spieler wirds freuen! Das ist sicher ein Highlight, dass man als Spieler nicht vergisst. Da verliere ich dann auch ohne Tränen zu vergiessen – und verzichte auf den Hauptpreis. (OK, Letzteres schreibt sich wahrscheinlich leichter, wenn man wie ich sowieso keine Chance darauf hat 😉 ).
Wieso kann man denn auf der Bundesliga Seite hierzu überhaupt nichts lesen?
„Bundesligafinale ab dem 24. April in Berlin“
Ist das so schwer die Öffentlichkeit hier einigermaßen auf dem Laufenden zu halten?