„Eine Gefahr für Mädchen im Schach, sagt sie, gehe eher von Männern als von Transpersonen aus. Welche? „Pädophilie.“ Sie, die seit ihrem vierten Lebensjahr spielt, habe sich schon einiges anhören müssen. Mit 14 sei sie bei einem Turnier gefragt worden, ob sie es von hinten möge. „Ich kenne kaum eine Frau im Schach, die nicht mit Belästigung zu kämpfen hatte.“ Vielleicht, meint sie, sollte man sich mal mehr darum kümmern.“
Der obige Absatz beendet eine Reportage in der Wochenzeitung Zeit, in der es bis dahin um ein Mädchen gegangen war, von dem sich ein Teil der deutschen Schachszene bedroht fühlt. Am Ende des Texts erklärt Helena Neumann, 16, Teilnehmerin der Deutschen Meisterschaft U18w, was sie im Schach tatsächlich bedrohlich findet: Gaffer, Grapscher, Anmachsprüche. Transmenschen wie Nora Heidemann findet Neumann nicht bedrohlich, und ihrer Aussage nach ging es den anderen Teilnehmerinnen der U18-Meisterschaft nicht anders. Zur Causa Heidemann hat Neumann noch mehr zu sagen, Smartes, dazu später.
Ulrich Stock in Ostwestfalen

Reportergroßmeister Ulrich Stock hat sich für die Zeit auf Recherchereise nach Ostwestfalen begeben, um dem im organisierten Schach tobenden Kulturkampf nachzuspüren. Bevor er aus Spenge und Gütersloh berichtet, spürt Stock der in der allgemeinen Öffentlichkeit meistdiskutieren und immer wieder aufflammenden Frage nach: Wieso sind im Schach eigentlich Männer und Frauen getrennt? Wer Schach verfolgt, erlebt kaum einen Tag, an dem diese Frage nicht in irgendeiner Nische des Weltnetzes aufs Tableau kommt.
„Manche Frau verliert die Lust am Schach, wenn am Ende immer ein Mann gewinnt. Deshalb sind vor Jahrzehnten … Wettbewerbe nur für Frauen eingeführt worden“, schreibt Stock – seriously, Ulrich? Frauen sind so schlecht im Schach, darum haben sie eine eigene Klasse bekommen? Nicht die einzige Stelle, an der der „Reporter der Chefredaktion“ Kontext verdreht, weglässt oder grob vereinfacht.
Womöglich begnügen sich gemeine Zeit-Lesende mit derartiger Unterkomplexität. Andererseits wird ihnen im Zentralorgan der bildungsbürgerlichen Alliterationsavantgarde sogleich abverlangt zu verstehen, was „Instagram-Invektiven“ sind. Mit solchen hatte die Mutter der Zweitplatzierten während des laufenden Wettbewerbs die Atmosphäre aufgeheizt. Viele dieser Invektiven habe sie inzwischen gelöscht.
Wie es zur Polarisierung kam
So viel Gift die agitierende Schachmama verspritzt, mit der Nadja Jussupow sich in ein Boot gesetzt hat, so rückwärtsgewandt die Fahrtrichtung sein mag; die DSB-Frauenreferentin liegt mit dem von Stock zitierten Satz nicht falsch: „Eine Öffnung der Frauenklasse ohne Rücksicht auf Fairness und Akzeptanz wird langfristig nicht Inklusion, sondern Polarisierung schaffen.“
Zwar verschweigt Jussupow geflissentlich, dass die Frauenklasse seit jeher und offensichtlich offen für alle Frauen ist, wie sollte es anders sein. Gleichwohl haben sich mit dem Selbstbestimmungsgesetz die Dinge verändert. Seitens des Verbands haben es ab dem 1. August 2024 alle Verantwortlichen versäumt, den absehbaren Folgen des Gesetzes die Bahn zu ebnen. Etwas mehr aufklären wäre gut gewesen, etwas weniger die bunte Fahne schwenken auch. Jetzt haben wir die Polarisierung.
Helena Neumann versteht, dass der Schachbund allzu gern „bunt und modern“ erscheinen möchte, und sie sieht den Unterschied zwischen Schein und Sein. Der dürfte bei einem Sport, der mehrheitlich von alten Männern betrieben wird, deutlich größer ausfallen als etwa beim Körpersport Hockey. Die Folge: Was beim Schach zum Kulturkampf führt, hat sich beim Hockey ohne Getöse regeln lassen (und das schon 2021).
Weil sie sieht, wie gerne der DSB bunt und modern wäre, schließt Neumann nicht aus, dass die Verantwortlichen bei der Freiplatzvergabe an Heidemann „nicht so streng waren“. Dass dieser Verdacht im Raum stand, führte seitens der DSJ sogleich zum Schachverwaltungsrechtfertigungsreflex aufzuzeigen, dass aber doch alles ganz korrekt gelaufen ist – und dann zu Schweigen. Der öffentlich ausgetragene Kampf war längst ein anderer. Mit Schachverwaltungsparagrafen zu Freiplatzvergabe hatte er nichts zu tun.
Ingrid Lauterbach, Anführerin ohne Team
Dass sich die lange vor der Deutschen Meisterschaft abzeichnende Anti-Heidemann-Kampagne nicht einfangen ließ, liegt auch daran, dass die beiden, die sie hätten einfangen können, einander nichts mehr zu sagen haben. „Der Deutsche Schachbund, angeführt von seiner Präsidentin Ingrid Lauterbach, hat sich für die Inklusion entschieden“, schreibt Stock. Und versäumt zu ergänzen, dass der Deutsche Schachbund, angeführt von seiner Präsidentin, zwar die Linie vorgibt, aber seine Leute nicht mitnimmt. Nicht zum ersten Mal und nicht nur in dieser Sache, wie sich vor einigen Wochen beim DSB-Kongress beobachten ließ.
In gesellschaftlicher und politischer Hinsicht und damit für das Bild des Verbands nach außen ist Ingrid Lauterbach die mit Abstand beste Präsidentin (Männer sind mitgemeint), die das organisierte Schach seit Egon Ditt hatte. Wo ihre Vorgänger indifferent waren und/oder mit Macht- und Pöstchengedöns befasst, geht sie kenntnisreich, engagiert und mit klarer Haltung voran, sei es in Sachen Kreml-FIDE, sei es beim Trans-Thema.
Als Frau und damit als Betroffene hat Lauterbach die Autorität, anderen Frauen im Schach zuzurufen, was einige dringend hören müssen: Deal with it! Und zwar am Brett, nicht per Instagram-Invektive. „Fairness und Akzeptanz“, um noch einmal die Frauenreferentin zu zitieren, sind keine Einbahnstraße. Das können einige Krieger:innen in dieser Sache unter anderem von Helena Neumann lernen. Die 16-Jährige, Elo 2126, fasst sich ausschließlich an die eigene Nase, weil nicht sie, sondern eine Konkurrentin mit Elo 1850 Deutsche Meisterin geworden ist.
Die Ambivalenz der Figur Lauterbach zeigt sich daran, dass es ihr innen zusehends entgleitet. Ein engagiertes Team, das mit- und zuarbeitet, hat sie nicht um sich zu scharen vermocht. Stattdessen hat sie sich unzählige kleine und große Konflikte eingebrockt, darunter der mit Jussupow. Dass das Trans-Thema eskalierte und nun umso schwieriger einzufangen ist, hätte nicht sein müssen.
Pähtz vs. Högy
Wo es kracht, ist Elisabeth Pähtz nicht fern, auch die eine Lauterbach-Antipode. Über die Jahre und Konflikte ist Pähtz mal zurückgetreten, dann wieder nicht. Zu kontroversen Themen sagt sie zuverlässig das, was ihr gerade am besten passt. Bei einem Thema war sie stets stabil: Männer sind beim Schach im Vorteil – körperlich. Das erklärt sie immer wieder, wenngleich mit variierender Argumentation.
Gegenüber der Zeit nennt Pähtz drei laut Stock „handfeste“ männliche Vorteile: Ausdauer, räumliche Orientierung, keine Menstruation. Normalerweise führt sie Testosteron an, das lässt sie diesmal weg, so wie Stock den Hinweis weglässt, dass zumindest die Sache mit der räumlichen Orientierung nicht so handfest ist, wie Pähtz meint. Immerhin: Stock verkneift sich den Vergleich zwischen Schach und rückwärts einparken, den geübte Zeit-Lesende an dieser Stelle zwangsläufig erwarten.
Interessant wäre zu hören, was Sportdirektor Kevin Högy zu Pähtz‘ Ausführungen sagt. Als Betriebsrat beim DSB ist Högy fürs Wohlergehen des Personals zuständig. Das macht auch ihn nicht erst seit der Kündigung von Geschäftsführerin Anja Gering zum Lauterbach-Gegenspieler. Aber in der Sache ist er auf einer Linie mit seiner Präsidentin.
Dass Männer beim Schach gegenüber Frauen körperlich im Vorteil sein könnten, ist für Högy ein prinzipielles No-Go. Eloquent und medial erfahren, hat sich der Sportdirektor für Interviews zum Männer-Frauen-Thema einen Totschlag-Satz zurechtgelegt, mit dem er immer neu den Austausch abzuschließen versteht. Das gelingt ihm auch in der Zeit: Es sei doch wohl Konsens, dass Männer nicht besser denken als Frauen, sagt Högy.
Ja, ist es. Aber denken sie vielleicht anders? Und geht es beim Schach neben dem Denken nicht auch um Kondition und Energie? Vielleicht sogar um Hormone?

Wer sich gecancelt fühlt
Ulrich Stock hält sich damit nicht auf, er muss weiter. Bevor er in Spenge und Hücker-Aschen und Gütersloh ankommt, begegnet er Leuten, die sich jetzt gecancelt fühlen und, mimimi, gar nichts mehr sagen wollen. Wolfgang Pajeken etwa, für dessen Aufruf zum Austausch die Chessbase-Website erstmals seit Jahren ihre unverändert debattenuntaugliche Kommentarfunktion freigeschaltet hat. Oder die Instagram-Schachmama, die nicht zu erreichen ist. Oder die Frauenreferentin.
Bei demjenigen, der am wortreichsten ankündigt, dass er nichts mehr sagt, hat Stock offenbar nicht angeklingelt. Dem Vernehmen nach hat Artur Jussupow einen Brief an den DSB-Hauptausschuss schreiben lassen. Darin lässt er sich über einen seiner Meinung nach beschämenden Angriff, über „Doppelmoral“ oder einen „sehr schweren“ Rechtsverstoß aus, bevor er betont, keine Gräben vertiefen zu wollen. Die Delegierten fordert er auf, der Datenschutzbeauftragte des Schachbunds möge rechtliche Schritte gegen die Perlen vom Bodensee prüfen.
Wie es dazu kam, dass Jussupow trotzdem zitieren lässt „…eine Gegnerin als „Reaktionärin“ moralisch zu brandmarken…“, lässt sich leicht zusammenreimen. Die Geschichte beginnt beim offenen Brief, den Nadja Jussupow schreiben ließ. Damit der Brief für oberflächlich Lesende möglichst modern klingt, hat der mutmaßliche Ghostwriter zwischen ganz viel fortschrittlicher Terminologie sogar gegendert. Ihm wird nicht gefallen haben, dass diese Seite in der Substanz trotzdem „reaktionäre Zeilen“ sah und sie als solche bezeichnet hat. So weit okay. Würde allen Leuten gefallen, was hier steht, wäre es an der Zeit, den Laden zuzumachen. Aber nun dem großen Artur Jussupow eine Falschbehauptung unterzuschieben und den DSB-Hauptausschuss in die Irre zu führen, um den Perlen eins auszuwischen, das ist schäbig. Und erinnert an die ganz dunkle Zeit, die wir ja eigentlich überwunden haben. Insofern, lieber Ghostwriter, vielleicht mal die Methoden überdenken? Und/oder sorgfältiger arbeiten.
Würde obiger Beitrag heute geschrieben, die Nadja-Jussupow-Passage würde etwas anders ausfallen – an einer Stelle, die Artur Jussupow und sein Ghostwriter nicht erwähnen. Von „Nadja Jussupow und ihren Mitläufer:innen“ ist im Text die Rede. Nach allem, was sich zwischenzeitlich offenbart hat, war diese Einordnung nicht treffend. Vielmehr dürften die treibenden Kräfte andere Leute gewesen sein. Die haben mit der Frauenreferentin jemanden gefunden, die tendenziell zustimmt und die sie daher als Amtsträgerin leicht vor ihren Karren spannen konnten.
Exzellenter Vorschlag. Nicht lange her, da hat die Datenschutzabteilung des DSB den wunderbaren historischen Verbandsnewsletter zerstört und damit einen Teil des Lebenswerks eines Mitarbeiters, der über Jahre tausende Personalien und Episoden aus der Schachgeschichte zusammengetragen hat. Aktuell ist der DSB-Datenschutz damit beschäftigt, die DWZ-Abfrage und damit die meistbesuchte Seite des DSB-Portals zu zerstören. In diese Reihe der Arbeitsergebnisse würde sich die Zerstörung des lästigen Blogs vom Bodensee trefflich einfügen. Vielleicht kann der Bundesrechtsberater mit ein paar Tipps aushelfen, wie sich das am besten bewerkstelligen lässt?
Begegnung mit Nora Heidemann
Nora Heidemann gehört nicht zu denjenigen, die sich verstecken. Euphorisch war sie nicht, als Stock anrief, nahm sich etwas Bedenkzeit, aber letztlich traf sie die Entscheidung zu reden, unterstützt von ihren Eltern. Und so erfahren die Lesenden von einer langen Vorgeschichte, die im Kindergarten beginnt, von Dankbarkeit der Familie gegenüber der Schule, von einer einjährigen psychologischen Begutachtung, die bei Minderjährigen einer Hormonbehandlung vorausgehen muss, und nicht zuletzt von der ungebrochenen Normalität in der ostwestfälischen Schachszene.
Einziger Unterschied: Die SG Hücker-Aschen hat jetzt eine Deutsche Meisterin und EM-Teilnehmerin in ihren Reihen, mutmaßlich die erste in der gut 40-jährigen Vereinsgeschichte.
Das Selbstbestimmungsgesetz ersetzt das Transsexuellengesetz. Grundsätzlich hat sich dadurch aber nichts geändert. Es haben sich lediglich die Regeln zur Geschlechtsfeststellung geändert. Von daher ist es auch nicht so, dass die Regeln für die Teilnahme an Turniere des DSB geändert werden mussten. Die blieben so, wie sie vorher waren. Handlungsbedarf scheint es ja keinen gegeben zu haben. Auf dem Schachkongress Ende Mai war das offensichtlich kein Thema. Davon unabhängig kann es sein oder auch nicht sein, dass Männer beim Schach Vorteile gegenüber Frauen haben. Die Kondition kann da eine Rolle spielen. Es könnte auch andere Aspekte, auch gegenläufige geben. Das kann… Weiterlesen »
Die Aussage:
„Transmenschen wie Nora Heidemann findet Neumann nicht bedrohlich, und ihrer Aussage nach ging es den anderen Teilnehmerinnen der U18-Meisterschaft nicht anders. “
kann Sie so nicht stehen lassen. Helena möchte nicht für andere sprechen, Helena kannte Nora schon vorher und spielt mit ihr in einer Mannschaft, aber ob sich jemand von den anderen U18w Teilnehmerinnen unwohl fühlte, weiß Helena einfach nicht.
Der Papa
Am 16. Juli 2025 fand in Spenge ein 13-rundiges Blitzturnier statt. Es war ein „all-inclusive“-Ereignis: Spannung, Endspielfehler, Mattangriffe. Die Teilnehmerschar war gemischt. Hier sind die Links zu drei von mir gemachten Fotos:
Siegerin Helena Neumann (Gütersloh) und Lorenz Kowalzik („Turm“ Lage)

Helena Neumann im Duell mit dem Zweitplatzierten Dr. Ulrich Tamm (Enger-Spenge; auch Schach-Historiker)

Nora Heidemann (Hücker-Aschen) gegen Herrn Miller (Halle/Westfalen)

Ingo Althöfer („Turm“ Lage).
Wenn man „reaktionäre Zeilen“ schreibt, bezeichnet man die (Haupt-)Autorin doch implizit als Reaktionärin? Zumindest kann man Artur Jussupow da keine „Falschbehauptung“ unterstellen. Woher stammt eigentlich die Information, dass er das geschrieben hat aber nicht selbst? „Reaktionärin“ fällt dabei unter Meinungsfreiheit, trotzdem kann man es kritisieren oder als unangebracht/überzogen bezeichnen. Mit Datenschutz sind wohl andere Dinge gemeint, wie nun wieder: Interna irgendwie erfahren („dem Vernehmen nach“ bedeutet ja jedenfalls nicht „stand bereits in der Bild-Zeitung“) und dann öffentlich ausplaudern. Das kann man schon juristisch prüfen lassen, ergebnisoffen: vielleicht fällt es ja noch unter Pressefreiheit. Wer der/die Informant(en) von Conrad Schormann ist/sind… Weiterlesen »