Kasparow gegen Anand: WM-Neuauflage in Saint Louis

Dreißig Jahre nach ihrem Weltmeisterschaftskampf in New York treffen Garri Kasparow und Viswanathan Anand noch einmal aufeinander – diesmal im Herzen der amerikanischen Schachmetropole Saint Louis. Vom 7. bis 11. Oktober eröffnen die beiden Ex-Weltmeister mit einem zwölfrundigen Schach960-Match die neuen Räume des Saint Louis Chess Club, der nach mehrjähriger Bauphase und erheblicher Erweiterung nun als „größter und bester Schachclub der Welt“ wiedereröffnet wird. Das hat der Club jetzt mitgeteilt.

Auf ein Neues 30 Jahre später: Viswanathan Anand und Garri Kasparow werden diesmal Schach960 spielen. | Fotos: Grand Chess Tour/Saint Louis Chess Club

Für Rex Sinquefield, den bald 81-jährigen Mäzen, der den Club 2008 gründete und seither zum Zentrum des US- und Weltschachs ausgebaut hat, ist das Duell der Legenden ein Traumauftakt. Schon 2018 hatte er versucht, ein WM-Match nach Saint Louis zu holen, als Fabiano Caruana Herausforderer von Magnus Carlsen wurde. Damals scheiterte der Plan, das Match kurzfristig von London in die USA zu verlegen.

Über Sinquefields Traum und die Umbauarbeiten in Saint Louis.

Sinquefield blieb beharrlich: Sein Ziel bleibt es, Saint Louis als Ort zu etablieren, an dem die größten Momente der Schachgeschichte geschrieben werden. Ein „local boy“ aus Saint Louis, wo neben Caruana mittlerweile mehr als 30 Großmeister leben, soll in Saint Louis Weltmeister werden. Die Räumlichkeiten für ein solches WM-Match gibt es jetzt. Fehlt nur noch ein WM-Herausforderer vom Mississippi.

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Dass nun ausgerechnet Kasparow und Anand das neue Kapitel eröffnen, ist ein Symbol für das, was noch kommen soll. Ihr Duell um die Weltmeisterschaft 1995 fand unter großer medialer Aufmerksamkeit im World Trade Center in New York statt. Kasparow verteidigte damals seinen Titel mit 10,5:7,5 Punkten. Heute, 30 Jahre später, ist Kasparow längst als aktiver Profi zurückgetreten, tritt nur noch in Schauspielen oder Blitzturnieren auf – während Anand, halb im Rückzug, halb noch aktiv, als Mentor der indischen Nachwuchsgeneration und als Vizepräsident der FIDE eine neue Rolle gefunden hat.

Mit dem Ende des Boykotts dürfte sichergestellt sein, dass das Kasparow-Anand-Match auch auf Lichess übertragen wird.

Das Match in Saint Louis wird zwölf Partien mit Rapid- und Blitz-Bedenkzeit umfassen, dotiert mit 144.000 Dollar. Es ist die erste Veranstaltung in der neuen, knapp 3000 Quadratmeter großen Anlage des Clubs. Neben einem vergrößerten Turniersaal und modernen Studios für Livestreams gehört dazu auch ein Schach-Restaurant – eine architektonische wie organisatorische Aufwertung, die den Club endgültig als globales Schachzentrum positionieren soll.

Der Chess, Checkers and Whist Club in St. Louis, 1886 einer der Schauplätze des ersten WM-Matches zwischen Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort.

Kasparow selbst würdigte Saint Louis bereits als „Herzstück des Weltschachs“. Tatsächlich hat die Stadt eine längere Tradition, als viele wissen: Schon 1886 wurden hier vier Partien des ersten offiziellen WM-Kampfs zwischen Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort gespielt – im damals renommierten Chess, Checkers and Whist Club. In Sinquefields Vision schließt sich mit der Erweiterung des Clubs und der Rückkehr von Weltmeistern nach Saint Louis ein Kreis.

Viswanathan Anand im Interview über den WM-Kampf 1995.

Das Kasparow–Anand-Match ist nur der Auftakt einer Turniersierie. Direkt im Anschluss folgen vom 12. bis 25. Oktober die U.S. Championships und die U.S. Women’s Championships, beide mit je zwölf Spielern und einem Gesamtpreisfonds von mehr als 400.000 Dollar. Eingebettet ist die nationale Meisterschaft in die feierliche Hall-of-Fame-Aufnahme von Trainerlegende Bruce Pandolfini sowie Vorkämpferin Irina Krush. In die U.S. Chess Hall of Fame sollen weitere Legenden des Sports aufgenommen werden: Pia Cramling, Vlastimil Hort und Jan Timman.

Der Schlusspunkt des Festmonats ist dann das Clutch Chess: Champions Showdown (25.–30. Oktober), das mit Magnus Carlsen, Hikaru Nakamura, Fabiano Caruana und Weltmeister Gukesh Dommaraju das stärkste Rapid-Feld des Jahres versammelt. Mit 412.000 Dollar Preisgeld, einem neuen Wertungssystem inklusive täglichem Jackpot will der Club hier einmal mehr Neues ausprobieren.

Rex Siqnuefield mit GM-Kandidatin Carissa Yip. | Foto: Lennart Ootes/Saint Louis Chess Club

Für Sinquefield ist die Erweiterung nicht allein eine Bühne für die Stars, auch eine Investition in die Zukunft. Der neue Komplex widmet eine ganze Etage dem Schulschach, das in Saint Louis seit 2007 mehr als 100.000 Kinder erreicht hat. Initiativen zur Förderung von Mädchen und Frauen sollen das nächste Kapitel einläuten – Sinquefields haben dafür eigens eine sechsstellige Summe als Anreiz für künftige Großmeisterinnen ausgelobt.

Der Cairns Chess Queens Award, gestiftet von Jeanne Sinquefield, ist eine Initiative zur Förderung von Frauen im Schach in den USA: Innerhalb von fünf Jahren (4. Juli 2024 bis 4. Juli 2029) werden bis zu fünf US-amerikanische Spielerinnen, die den Großmeistertitel erlangen, mit jeweils 100.000 US-Dollar ausgezeichnet werden. Erste Preisträgerin war im Juni 2024 Irina Krush. Weitere US-Spielerinnen wie Carissa Yip, Anna Zatonskih, Annie Wang und Alice Lee haben aktuell GM-Normen, aber den Großmeistertitel bislang noch nicht geschafft.

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Joschi
Joschi
4 Monate zuvor

Kasparov und Anand. – Das sind „Alte Perlen“!