Die Szach-Olimpjade von Landsberg 1946

In Landsberg am Lech verfasste Adolf Hitler 1924 „Mein Kampf“. In den Jahren danach wurde die oberbayerische Gemeinde zu einem Wallfahrtsort der NS-Propaganda. Landsberg vermarktete sich als „Hitlerstadt“, als „Geburtsstätte des Nationalsozialismus“. Hier, am Ursprungsort des Holocaust, hier, wo die Nazis ihre Ideologie und ihren Führer verherrlichten, wo ab 1935 am Stadttor ein Banner verkündete: „Juden unerwünscht“, hier spielten vom 1. bis zum 15. September 1946 jüdische Überlebende ein Schachturnier.

Zelle Nummer 7 der ehemaligen Festung Landsberg, von den Nazis „Hitlerzelle“ und „Hitlerstube“ getauft, wurde zu einem Teil der nationalsozialistischen Propaganda. Den Raum, in dem Hitler Pläne schmiedete und sie aufschrieb, gibt es immer noch. Er dient heute der JVA Landsberg als Gemeinschaftraum.

Als Ende April 1945 die amerikanischen Truppen anrückten, versuchte Landsbergs Bürgermeister Karl Linn vergeblich, die deutschen Verteidiger zur Aufgabe zu bewegen. Landsberg fiel nicht kampflos. Pioniere der Wehrmacht sprengten zwei Brücken über den Lech und verschanzten sich hinter MG-Stellungen. Zwei Tage lang, am 27. und 28. April, wurde in der Stadt gekämpft. Als die Waffen verstummten, waren 31 deutsche Soldaten und 3 Zivilisten umgekommen, dazu 4 Deutsche, die sich das Leben nahmen.

Eine der beiden Brücken über den Lech, die Pioniere der Wehrmacht am Morgen des 27. April 1945 sprengten. | Foto via Stadtarchiv Landsberg

Nach Kriegsende besetzte die 7. US-Armee die Stadt. In der bis dahin von der Wehrmacht genutzten Saarburgkaserne entstand das DP-Lager Landsberg der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen (UNRRA), eines von etwa 1800 Lagern in den Westzonen, eines der größten in Bayern.

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„DP“ stand für Displaced Persons – Zivilisten, die durch Krieg, Deportation und Verfolgung ihre Heimat verloren hatten. Bis zu sieben Millionen lebten bei Kriegsende auf dem Gebiet des ehemaligen deutschen Reichs: einstige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter oder von den Nationalsozialisten angeworbene ausländische Arbeitskräfte. In Landsberg lebten anfangs überwiegend jüdische Überlebende, dazu politisch Verfolgte aus Osteuropa. Eine Zählung der Displaced Persons in Landsberg Ende Mai 1945 ergab 6870.

Die Osteuropäer kehrten in ihre Heimat zurück. Das DP-Lager Landsberg wurde ein rein jüdisches, dessen Bewohnerinnen und Bewohner zurück ins Leben zu finden versuchten, während sie auf eine Möglichkeit warteten auszuwandern. Den Staat Israel gab es noch nicht. Auswanderungsländer wie Kanada, Australien oder die USA ließen nur wenige Migranten ins Land. Als das Landsberger Lager im November 1950 geräumt wurde, lebten dort noch mehr als 1000 Menschen.

Schachwettkampf im DP-Lager Landsberg. | via Yad Vashem

Schach als vergnüglicher und intellektueller Zeitvertreib erfreute sich nicht nur bei den in Landsberg gestrandeten Überlebenden der Schoa großer Beliebtheit. In vielen DP-Lagern gründeten sich Schachclubs. In den jiddischen DP-Zeitungen gab es die Rubrik „Szach-Winkl“, in der Partien zum Nachspielen oder Analysieren abgedruckt waren. Regelmäßig fanden Turniere und Simultanvorstellungen statt.

Am 1. September 1946, im großen Saal des Lagers Landsberg, eröffnet Lagerdirektor Walter Jan Korn die erste jüdische Schacholympiade nach der Shoah, die Szach-Olimpjade von Landsberg 1946. Korn, selbst leidenschaftlicher Schachspieler, spricht über die Kraft des Spiels. Auch Organisator Nathan Markowsky vom Sportclub Ichud, der sich im Lager gebildet hatte, hält eine Rede.

Direktor Walter Jan Korn. | via Landsberger Geschichtsblätter

Markowsky hatte Ende 1932 Emanuel Lasker auf seiner Reise durch die baltischen Staaten begleitet. 1946 in Landsberg erinnert Markowsky daran, dass sich schon unmittelbar nach der Befreiung „Szachisten“ zusammengeschlossen hatten. Für ihn ein Beweis, „dass der jüdische Geist trotz Konzentrationslager und Ghettos überlebt hat“. Kultur und Gemeinschaft haben über die Hölle triumphiert.

Danach erklingen die ersten Töne des „Jewish Ex-Concentration Camp Orchestra“, geleitet von Michael Hofmekler, der schon 1942 im Ghetto von Kaunas (damals: Kowno) ein Orchester aufgebaut hatte. Nach dem Krieg gründete er gemeinsam mit anderen jüdischen ehemaligen KZ-Häftlingen das erste jüdische Nachkriegsensemble.

36 Spieler sind nach Landsberg gekommen, entsandt aus 16 jüdischen Lagern der amerikanischen Zone. Jedes Lager solle seine drei Besten schicken, so stand es in der Ausschreibung. Manche Teilnehmer waren einst Studenten oder Dozenten, andere einfache Handwerker. Fast alle tragen die Narben der Verfolgung – Lagerhäftlinge, Zwangsarbeiter, Geflüchtete. Sie eint das Schach, das ihnen im Alltag der Displaced Persons Halt gibt. Die Landsberger „Lager-Cajtung“ berichtet von einem „ful gepaktn Zal“, einem vollgepackten Saal, in dem die Teilnehmer bis zum 15. September den Sieger der amerikanischen Zone ermitteln.

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„Landsberg Ichud 1946 Szach Olimpiade, 1. Preis gegebn fun UNRRA ­Direktor Mr. Korn“ ist auf dem Siegerpokal in jiddischer ­Sprache eingraviert. | via Stadtmuseum Landsberg

Im Finale stehen nach einem Bericht der Lagerzeitung Borzykowski, Lokalmatador aus dem Landsberger Lager, und Aleksandrow aus dem jüdischen DP-Krankenhaus des Benediktinerklosters St. Ottilien. Am Sonntag, 15. September 1946, tritt Walter Jan Korn ein letztes Mal vor die Menge. In seinen Händen hält er einen silbernen Pokal, graviert mit Schachsymbolen und zwei Fahnen – dem amerikanischen Sternenbanner und der Fahne mit Davidstern.

Korn überreicht die Trophäe dem Sieger Aleksandrow. Borzykowski erhält als Zweitplatzierter ein handgefertigtes Schachspiel. Rajzman aus München, der Dritte, bekommt einen Messinganstecker mit Schachfiguren. Nach einem Bankett beschließt ein Blitzturnier die Schacholympiade. Wieder gewinnt Aleksandrow.

Wer dieser Aleksandrow war, hat sich nach Angaben des Landsberger Stadtmuseums bislang nicht ermitteln lassen. Es könnte Nikolai Aleksandrow gewesen sein, 1886 in Odessa geboren, vor dem Krieg Professor der Mathematik in St. Petersburg. Oder sein Sohn Rostislaw, 1911 in St. Petersburg zur Welt gekommen, der ebenfalls an der Universität lehrte. Beide überlebten die Wirren von Krieg und Deportation, beide landeten 1945 als Patienten im DP-Krankenhaus St. Ottilien.

Rostislaw Aleksandrow nahm sich am 12. März 1947 das Leben. Er wurde auf dem Friedhof des Klosters St. Ottilien begraben, wo heute ein schlichter jüdischer Grabstein seine letzte Ruhestätte markiert. Als später sein Vater nach einem Schlaganfall in Bad Wörishofen starb, wurde er auf eigenen Wunsch neben seinem Sohn in St. Ottilien beigesetzt. Der Pokal, den damals wahrscheinlich einer dieser beiden Aleksandrows gewann, ist seit 2018 im Stadtmuseum zu sehen.

Das Grab von Rostislaw Aleksandrow. | Foto: Gerhard Roletschek via Landsberger Geschichtsblätter

Über 1946 hinaus spielte Schach im DP-Lager Landsberg eine Rolle. Die Verbindung zieht sich bis in die Emigrationsgeschichten von den Menschen, die in Landsberg die ersten Monate oder Jahre nach dem Krieg gelebt haben. Das (und vieles mehr) dokumentiert der Schachhistoriker Siegfried Schönle in seinem jüngst erschienenen Buch „Schach im DP-Lager Landsberg und im Ghetto Terezín“.


Quellen (Auswahl):
Städtisches Museum Landsberg
Chess History & Literature Society
Jungle World
Jüdische Allgemeine
Landsberger Geschichtsblätter
Bürgervereinigung Landsberg

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Uwe Böhm
Uwe Böhm
4 Monate zuvor

Da gibt es eine Verwechslung. Bei St. Ottilien handelt es sich um die Benediktinerabtei nordwestlich des Ammersees (siehe https://erinnerung.hypotheses.org/1957 ). Bis Landsberg sind es ca. 20 km. Freiburg lag nicht in der amerikanischen Zone.